Den Mythos weitererzählen

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Verschärft, angereichert, beschleunigt: Christoph Schlingensiefs Bayreuther “Parsifal”-Projekt ist im zweiten Jahr auf dem Weg zur Kult-Inszenierung

VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH. Frankfurter Rundschau.

Die Bayreuther Festspieltradition rühmt sich, mit den jeweiligen Neuinszenierungen nichts Endgültiges abzuliefern, sondern die Ergebnisse so weit offen zu halten, dass in den Folgejahren so etwas wie ein work in progress deutlich wird. Der sarkastische Prototyp dieser Verfahrensweise war vielleicht in den Zeiten der Studentenunruhen Götz Friedrichs Tannhäuser auf dem Grünen Hügel mit der exzellenten Premieren-Provokation des exakt beim Kulminationspunkt zu dem chorischen Huldigungs- “Heil” für den Landgrafen (im 2. Akt) entbotenen kollektiven Hitlergrußes. Die emphatisch nach oben gerissenen vielen Arme wurden im zweiten Jahr schon etwas schwungloser geführt, in späteren Wiederaufnahmen dann noch unauffälliger, bis keine Spur mehr von der anfänglichen Schockwirkung merklich war. Wenn man wollte, konnte man in der Genese dieser Geste auch die Kurzbiographie des Künstlers und Theatermannes Götz Friedrich erkennen.

Bei Christoph Schlingensiefs jetzt im zweiten Jahr auf die Bühne gebrachten Bayreuther Parsifal zeigte sich eher umgekehrt eine Verschärfung. Gegenüber dem ersten Anlauf wurde die Schraube deutlich angezogen. Damals gab es soviel Turbulenzen (wohl auch Gegenwind von der Festspielleitung), dass sich Schlingensief, ohnedies ziemlich hysterisiert und in Panik, nicht trauen mochte, das ganze Füllhorn seiner Einfälle und seines präparierten Filmmaterials auszuschütten. Der Erfolg 2004 machte ihm jetzt offenbar Mut. Wer hätte auch gedacht, dass der Profi-Szeniker Marthaler den Bayreuther Festspielen heuer nur einen matten Thaler spenden würde, während es Schlingensief womöglich zu seiner eigenen Überraschung schon im zweiten Jahr gelang, so etwas wie eine Kultvorstellung herzurichten, vergleichbar dem Chéreau-Ring oder dem Heiner-Müller-Tristan.

Der Pool der Mythologie

Dieser Parsifal ist relativ leicht auffüllbar und veränderbar, weil er keinen stringenten Plot, keine begradigenden Rationalisierungen enthält. Schlingensief legt seine Bühnenerzählung eher unordentlich an als einen Pool oder eine Baugrube von Motiven, wobei man immer wieder etwas ergänzen oder weglassen könnte. Der Mythos erzählt sich großzügig weiter, und dabei verwendet er vielleicht auch das eine oder andere aktuell vom Erzählenden hinzukommende Material. Schlingensief liegt wenig oder nichts an einer Entmythologisierung des Stoffes, an einer durchdringenden Kritik seiner vielfältigen obskurantistischen Tendenzen, Begleit- und Folgeerscheinungen (unübersehbar wuchern Parsifal- und Gralsmotivik ja in die trivial-geschwätzigste Esoterik-Afterliteratur). Gleichwohl widersetzt sich seine Darstellung einer eindimensionalen Verfeierlichung, weil sie das Bunte und Krause jeglicher Spielart mit enthält. Wo alle erdenklichen Häresien integriert sind, kann Orthodoxie schwerlich aufkommen. Die inklusive Naivität der Schlingensief-Vision hat ihre Meriten. Auch sie verzichtet aber nicht auf Widerhaken. Am Schluss stirbt nicht nur Kundry, sondern auch Amfortas. Und der letzte Bildeindruck – ein einsam davonschreitender Parsifal hinter dem zurückbleibenden Schatten Gurnemanz’ – mutet ernüchternd fahl an. Ganz zu schweigen von der beklemmend zur chorischen Schlussapotheose gebrachten Filmsequenz des verrottenden, sich kompostierenden Hasenkadavers. Der Hase, auch zuvor in mehrerlei Gestalt ein rätselhaftes Äquivalent jener “reinen Torheit”, die, durchaus vieldeutig, zu den Essenzen des Stoffes gehört.

Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr, neben zusätzlichen Filmeinblendungen, die Verdopplung einiger Hauptfiguren wie Kundry und Parsifal. Schon im ersten Amfortas-Auftritt ist ein Parsifal-Double teilnehmender Beobachter; im zweiten Akt scheint dieser Helden-Doppelgänger zu assistieren bei Klingsors teuflischen Zaubereien. Und während der eine Parsifal die sexuelle Verlockung der singenden Kundry ausschlägt, erliegt der andere denjenigen einer mädchenhafteren, stummen Kundry. Mythen erzählen sich oft auch durch ihr Gegenteil. Bei Schlingensiefs Personen-Antizipationen könnte man auch an B. A. Zimmermanns “Kugelgestalt der Zeit” denken: In vielen Anfängen ist sichtlich bereits das Ende enthalten. In einigen Fällen wirkt die Methode indes auch etwas zwanghaft als Bebilderungs-Obsession um jeden Preis. Kaum fällt im Text der Name, wird auch die zugehörige Figur sichtbar und entlastet den Zuschauer davon, sie aus seiner Vorstellung heraus zu imaginieren.

Parsifals Licht

Nach wie vor frappiert die professionelle Virtuosität, mit der Schlingensief einen perfekten synästhetischen Zusammenhang herstellt zwischen dem für sich genommen gerümpelhaft-raffiniert dosierten kinetischen Elementen, die sich einerseits abstrahierend mit Licht-Strategien verbinden (das Licht ist hier ein viel schlagkräftigerer Mitakteur als bei Marthalers Tristan), andererserits die tropisch-afrikanische Atmosphäre miterzeugen, die der synkretistischen Annäherung Schlingensiefs so wichtig ist.

Die Sängerführung gehört nicht zu den Glanzpunkten dieser Arbeit. Nach dem Desaster eines ins Konzept unintegrierbaren Parsifal-Tenors im Vorjahr sang diesmal Alfons Eberz die Titelrolle, bemerkenswert dunkel timbriert und etwas ungefüge, im zweiten Akt nach dem Kuss und zuletzt überraschend kraftvoll und konzentriert. In ihren Registern nicht ganz ausgeglichen die Kundry von Michelle de Young. Markig, ja geradezu deftig der Gurnemanz von Robert Holl. Ohne übertriebenes Pathos der Amfortas von Alexander Marco-Buhrmester. Schneidend klar die Klingsor-Diktion von John Wegner (wie ein Massai-Krieger anzuschauen). Nach den etwas beruhigten Tempi im Vorjahr kehrte Pierre Boulez nun wieder zu den beweglichen, flüssig gehaltenen Zeitmaßen seiner Jugend zurück (Dauer des Kopfaktes: nicht mehr als 94 Minuten) und zu einem silbrig-impressionistisch schimmernden Parsifal-Klang.