Bazon Brock: “Eine großartige Tat!”

Veröffentlicht am Autor admin

Transkript des aktionistischen Vortrags von Bazon Brock in AREA7, Burgtheater Wien, 20. Januar 2006

…Was wir hier exemplarisch vorgeführt bekommen: Es gibt kein Halten, es gibt kein An-sich-halten – das macht Ostipation, Verstopfung.

Es gibt nur ein fröhliches Durchwalken, ein fröhliches Verdauen, und dieses Verdauen wird uns hier als ein Wandel der Formen und Gestalten vorgeführt.

Das Urklo in der Verwirklichung des Glaubens an das mediale Durchdringen, das Sich-Wandeln als Prinzip: von der Jugend zum Alter, von der Kleinheit zur Größe, von der Einheit zur Vielheit, vom Lebendigen zum Tode.

Es ist eine grundlegende Erfahrung, in der etwa Christoph Schlingensief den heute angesagten Synkretismus, die mächtigste aller Kulturbewegungen seit der Antike, wieder repräsentiert.

„Synkret“ heißt etwas zusammen zu sehen in Konstellationen, die es ohne diese Zusammenschau nicht gibt, und in jenem Synkretismus leistet er wirklich Ungeheures!

Wenn Sie durch die Installation gehen, werden Sie entdecken, dass sich Ihnen durch die scheinbar willkürliche Konfrontation von Afrika und Pinguinen das wirkliche Bild unserer heutigen ökologischen Situation ergibt. Der afrikanische Pinguin ist der Pinguin, der jetzt bereits an den abgeschmolzenen Hohlkappen mit seinen Ärmchen rudert, und nicht mehr weiß, wohin er gehört.

Die tatsächliche Bedeutung des immer erneuten Rekurrierens auf die Twin-Towers-Katastrophe gleicht dem In-Gang-Setzen der tibetanischen Gebetsmühlen.

Bazon Brock in Area 7

Was wir mit unseren Medien im Westen im Hinblick auf dieses Ereignis vom September 2001 tun, ist, Gebetsmühlen in Gang zu setzen, unseren Hochmut gegenüber dem animistischen Belebungsprinzip der Tibetaner zusammenbrechen zu lassen, oder umgekehrt ihnen dankbar dafür zu sein, dass wir in der tibetanischen Erfahrung der Gebetsmühle ein Bild für die Erfahrung mit unseren eigenen Medien im Hinblick auf das Ereignis der Twin Towers haben.

Es ist etwas Wunderbares, was sich hier in dieser konstellativen Entgegensetzung zeigt! Zum Beispiel in der bisherigen tierliebenden humanistischen Attitüde von Joseph Beuys „Zeig mir, wie du einem toten Hasen die Kultur erklärst; wie du ihn beseelst.“ – Wir sind da inzwischen ganz weit, und der Schlingensief hat ein geniales Bild des synkretistischen Zusammenschauens gebracht: „Zeig mir deine Bremsspur!“ Das ist die rechtlich verbindliche Form, in der ich auf Hasen oder restliche Tiere reklamiere. Ich bremse auch für Hasen! Das ist die einzige Verbindlichkeit, in der wir heute das Hasenorientieren, das Züchten und Fressen begreifen können.

Es gibt eine ganze Reihe von wunderbaren Darstellungen solcher Konstellationen der plötzlichen Einsicht in das, was uns eigentlich beherrscht. Das grandiose Bild der Myonen, der kleinen Teilchen-Regen, die in Gestalt von Seelöwen 100.000-fach an den Stränden wimmeln.

Es ist eine wunderbare Erfahrung, sich innerhalb dieser konstellativen Gegenübersetzung von Zufälligkeiten auf eine Produktion von Sinn, auf eine Reflexion seiner eigenen Erfahrung gebracht zu sehen.

Denn Menschen, menschliche Gehirne, können es nicht ertragen, etwas als Zeichensalat, als Konglomeration vorgeführt zu bekommen, ohne das, was sie da sehen doch wieder auf eine Intentionalität zu begründen.

Sozusagen im Vergleich zu der von Thomas Mann für die Moderne reklamierten intentionalen Rebarbarisierung, also willentlichen antihumanistischen Geste zum Beispiel des Faschismus, geht es hier um eine barbarische Reintentionalisierung – eine Wiedererfüllung des Sinns im Zufälligen, im rein Konstellativen, im Auswendigen, im Mutwilligen der Medien.

Sie alle kennen die Erfahrung, die Sie hier einigermaßen fremd sehen, nämlich das Snapping, das Zapping, das Durch-die-Programme-Zappen.

Was hier gezeigt wird, ist die Konstellation, in die man gerät, wenn man ein solches Durchgehen des Nacheinander des Unterschiedlichen sich zumutet.

Denken Sie vielleicht daran, wie ein Besucher des Burgtheaters, der hier fünf Jahre lang treulich auf seinem Sessel gesessen hätte, das, was er in fünf Jahren erlebte, überhaupt je in eine Erfahrung übersetzen könnte.

Er müßte den Faust und den Hamlet, er müßte Nestroy und irgendein Lustspiel miteinander in Beziehung setzen – eine Art von Zusammenschau eben synkretistischer Erzwingung von Intentionalem. Er müßte Absichten erkennen lernen, obwohl sie gar nicht da sind. Absichten Gottes, Absichten der Autoren, Absichten der Akteure. Er müßte Pläne und Konzepte rekonstruieren in seinem Kopf, obwohl sie ihm gar nicht vorgegeben sind durch das, was er als Ausgang seiner Erfahrung sieht.

Es ist also eine Erfahrung der realen Alltagssituation, es ist sozusagen der Realismus unserer mediengesellschaftlichen Existenz, der sich hier in einem Modell darstellt.

Und es gibt kein Entweichen im Hinblick auf die Aussage: “Das ist ja alles keine Kunst! Das ist ja alles nur hingeschmiert! Das ist ja alles nur willkürlich! Das ist ja alles nur zitiert, es ist nichts original, es ist alles nur von anderen entliehen und verwurstet!“

Wir sind nun eben Verwurstungsmaschinen, wir sind eben Dasein zu Verdauung! Wir sind nichts anderes als Schlund, Öffnung, Durchführung durch den Schlauch und Ausscheidung im After. Wir sind zugleich das, was wir aufnehmen und ausscheiden.

Wir sind die Instanz dieses Wandels, den man bisher eben Institutionen wie Theater, Kunsthallen et cetera erledigen und bewältigen ließ. Jetzt sind wir es selber! Hier gewinnen wir die Qualität des Regenwurms, des Urwurms in der gesellschaftlichen Bedeutung.

„Friß, und beguck´ deine Scheiße, dann weißt du, woraus die Welt besteht!“

Endlich akzeptieren, was durch uns hindurchgegangen ist und verwandelt wurde, so daß wir es sehen und betrachten können!

Werke sind abgeschiedene Scheiße. Ausscheidungen im Urklo, das Museum heißt; im Urklo, das Theater heißt.

Aber da können wir die Scheiße betrachten, und denken Sie daran, mit welcher Freude kleine Kinder ihre Ausscheidungen in der Toilettenschüssel betrachten! Als eine große Leistung, eine vollbrachte Tat. Ein Einüben des Geben und Gewähren – das ist hier von Christoph Schlingensief auch für uns, die verdorbenen Charaktere der wirtschaftlichen und feuilletonistischen Bestimmung von Werthaltigkeiten geboten.

Es ist eben leider nicht mehr das Feuilleton, das uns eine Orientierung im Hinblick auf die Darstellung des Strukturprinzips der Scheiße, nämlich den Haufen, gibt.

Hier haben wir einen Haufen als Modell. Hingeschissen von einer göttlichen Vielfalt, von einer Autorität des Beliebigen, und trotzdem kommt heraus Ordnung. Nämlich die, die unser Gehirn uns zwingt, in der konstellativen Entgegensetzung von verschiedenen Dingen notwendig als barbarische Reintentionalisierung selbst des größten Chaos und der Beliebigkeit, noch zu erreichen.

Es ist ein wunderbares Gefühl, hier endlich wieder in der eigenen Scheiße kneten zu können!

Denken Sie daran, dass Sie heute jeder Arzt fragt: “Wie sah Ihr Kot aus? Wie sah Ihr Stuhl aus – damit ich Sie diagnostizieren kann!“

Ohne diesen Haufen Scheiße gibt es keine Diagnose für unseren gesellschaftlichen Zustand mehr, aber in dieser Scheiße läßt sich jederzeit eine zutreffende Diagnose für unseren Zustand treffen.

Schlingensief ist ein ganz großartiger Scheißer, dessen Kothaufen wirklich zeigen, in welcher Vorstellung, in welchen Verdauungsmechanismen, in welchen Metabolismen, Stoffwechselprozessen, heute die Kunst mit der Gesellschaft, das Werk mit der Phantasie lebt.

Eine großartige Tat! Ich begrüße in ihm einen der Großmeister synkretistischer konstellativer Kunst! Er ist nur zu vergleichen mit den großen Meistern von Alexandria.

Burgtheater und Wien sind die Geburtsstätten einer solchen alexandrinischen neuhelenistischen konstellativen synkretistischen Kunst – das heißt der Kunst des Haufen-bildens.

Denken Sie daran, wenn Sie morgen Ihre Ausscheidungen in der Kloschüssel betrachten!

Dies sind die Kriterien, nach denen Sie diese Scheiße zu beurteilen haben. Wenn Sie das können, sind Sie gesund!

Transkription: Sarah Wuhlbrandt