SCHLINGENSIEF: DER PREIS KOMMT ZUR RECHTEN ZEIT (NRZ)

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Düsseldorf. Der Filmemacher, Aktionskünstler und Theaterregisseur Christoph Schlingensief nahm am Dienstag vor zahlreichen Gästen aus Politik, Kultur und seinem engsten Umfeld – Patentante und Schwiegereltern – den mit 10 000 Euro dotierten Helmut-Käutner-Preis entgegen.

Käutner-Preis Verleihung, Düsseldorf

Wehleidig ist Christoph Schlingensief genauso wenig wie sentimental. Auch angesichts seiner Krebskrankheit und der sichtbaren körperlichen Schwäche blickt der Filme- und Theatermacher nach vorne. Und erzählt eine Stunde lang über Jugend-Erlebnisse in Düsseldorfer Filmstudios, mehr aber über seine aktuellen Projekte – in Afrika, bei der Ruhrtriennale und in Berlin. Ort: das neu eingerichtete Studio FX des Filmmuseums, in dem künftig Schüler ihre ersten Gehversuche als Filmer machen und damit Schlingensief nacheifern sollen.

Dankesrede mit Plädoyer

Es ist Nachmittag, die Verleihung des Käutner-Preises im Düsseldorfer Rathaus hat er gut überstanden. Und nutzte die Dankesrede für ein flammendes Plädoyer für das Überleben des finanziell bedrohten Theaters seiner Heimatstadt Oberhausen.

Der Preis, der Empfang am Flughafen, die ausführliche Laudatio und das Filmmuseum, das unter den früheren Direktoren Jaeger und Redoutee immerhin acht seiner Filme archivierte und eine Ausstellung organisiert hat – „All’ das rührt mich. Es kommt zur rechten Zeit”, sagt er. Denn gehe es ihm nicht gut.

„Es war immer wieder Düsseldorf”, erzählt er. Als Schüler in Oberhausen fand er die Stadt „ein bisschen abgehoben”, schnitt seine ersten Filme aber hier. Sechs Wochen lang in dunklem Kellergewölbe. Geprägt von den Oberhausener Kurzfilmtagen verfilmte der Apothekersohn schon als Pennäler Groschenromane. „Meine Mutter musste unter der Bettdecke mit Nachtischlampe Texte der Lady Florence sprechen.”

Käutner-Preis Verleihung, Düsseldorf

Thema Helmut Käutner. Den habe er immer bewundert, obwohl er auch für die Nazis arbeitete. Man solle keinen Stab über die Künstler damals brechen. Der Streifen „Große Freiheit Nr. 7” – bis heute für Schlingensief ein wichtiger Film, genauso wie seine Hörspiele. „Schade, dass heute seine Filme so selten im Fernsehen laufen.” Erinnerungen an die Jugend? „Erinnern heißt vergessen,” so der 49-jährige Preisträger. „Je mehr ich mich erinnere, desto mehr vergesse ich.” Und streift das Thema Bayreuth, seine erste Opernregie „Parsifal” und den Film über die Verwesung eines Hasen. Denn in seinen Oper- und Theaterinszenierungen setzt er gerne Filme ein.

Ein Zentrum für Kinder

Und jetzt sein neues Kind – ein Opernhaus in Burkina Faso. Von den notwendigen zwei Millionen Euro habe er weit mehr als die Hälfte. Ein Gebäude-Modul stehe bereits. In dem westafrikanischen Dorf „geht es nicht um Events mit Stars. Sie können höchstens das Dorf besuchen und lernen, wie die Menschen hier singen.” Es gehe um Gesang im natürlichen Sinn, um den Urschrei. Es soll ein Zentrum für Kinder zwischen fünf und 18 werden, die dort filmen, fotographieren und musizieren.

Sechs Probenräume werden entstehen im Öko-Festspielhaus des Architekten Francis Kere, in dem Hitze in Kühle verwandelt werde. Das Deutsche Theater Berlin und das Hamburger Thalia-Theater hätten zugesagt, in Burkina Faso zu proben.

Erlösung dem Erlöser? Die Frage nach dem Parsifal-Motiv stellt Gabriele Henkel, die Schlingensief kennt und sich in das Gespräch einmischt. Für ihn als Katholiken gehe es (mit Blick auf seine Krankheit) eher darum, Abschied nehmen zu müssen. „Das wird konkret und hart.” Mut gebe ihm die Vorstellung, als Elektron im Universum zu schweben und dort auf große Geister zu treffen. Flugs lenkt er das Thema auf seine Arbeit, die ihm Kraft gebe, düstere Gedanken aus seinem Hirn zu verdrängen. Er träumt von einem Film über Joseph Beuys. Nur ein Projekt sagte er aus gesundheitlichen Gründen ab. „Was ich in Burkina Faso erlebt habe, verarbeite ich in einem Stück für die Ruhrtriennale, mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle.”

Plötzlich steht eine ältere Dame auf, will gehen. Schlingensief umarmt sie zum Abschied fest. „Es ist meine Tante, die Schwester meines verstorbenen Vaters.”

NRZ, Düsseldorf, 02.03.2010, Michael-Georg Müller