NÄHER AM LEBEN (WIRTSCHAFTSWOCHE)

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In Manaus inszeniert der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief beim außergewöhnlichsten Wagner-Festival der Welt den „Fliegenden Holländer“. Er will das Publikum mitten im Urwald mit ungewohnten Ideen überraschen.

In Manaus herrscht draußen ein Klima wie in Bayreuth drinnen im Scheinwerferlicht. Die Schlange der Zuschauer vor dem Eingang bildet sich bei 40 Grad Hitze. Einer Dame verläuft die Wimperntusche, der Herr neben ihr schwitzt unter dem Smoking-Hemd. Sie wollen schnell rein, drinnen ist Musik und die Luft angenehm kühl. Im prächtigen Zuschauerraum mit rot gepolsterten Stühlen regiert die Klimaanlage. Als die ersten Takte der „Rheingold“-Ouvertüre erklingen, weht auf die Zuschauer im Parterre ein eisiger Luftzug. Lautlos und nicht nur in den Pausen, wie in Bayreuth. Selbst Richard Wagner hätte das hier im Teatro Amazonas akzeptiert.

Nirgendwo sonst außerhalb Bayreuths wird dem Komponisten so gehuldigt wie hier, mitten im brasilianischen Regenwald, in der Oper von Manaus. Auch dieses Jahr, Ende April, werden sie wieder in Scharen mit den Jets einfliegen, die Wagnerianer aus Europa und den USA – die meisten aber aus Deutschland. Es ist eine fast fanatische Elitegruppe unter den Opernfans.

Die Opernfreunde fallen auf in der Stadt, im Flughafen, in den Hotels. Der ehemalige BMW-Vertreter aus Oberfranken, der Internist aus Aachen, die Künstleragentin aus Innsbruck, der Spitzenbeamte einer UN-Organisation, der österreichische Botschafter a. D. am Vatikan oder der Roland-Berger-Partner aus München, sie alle geben sich am Amazonas ein Stelldichein. Sie kennen die Tücken der Klimaanlage und haben lange Schals dabei, die Damen legen sich Stolas über die nackten Schultern.

Wagner in Manaus – das ist das kuriose-ste Wagner-Festival der Welt. Seit der brasilianische Dirigent Luiz Fernando Malheiro 2005 erstmals den ganzen Ring aus den vier Opern des germanischen Mythenzyklus in Manaus aufführte, ist die Stadt zu einer neuen Kulturdestination geworden. Die Aufführung 2005 war ein voller Erfolg: „Die boten Wagner pur, ohne die inzwischen übliche Regieverliebtheit“, sagt Klaus Billand, einer der führenden deutschsprachigen Wagner-Kritiker, „in Europa will oder kann man das bereits Bekannte nicht mehr einfach spannend erzählen.“

Dieses Jahr soll es ein deutscher Regisseur richten, dessen Inszenierung des Parsifal 2004 auch in Bayreuth mit großer Spannung erwartet wurde. Der Aktionskünstler und Regisseur Christoph Schlingensief wird am 21. April den „Fliegenden Holländer“ aufführen. Statt der tobenden Nordsee bildet der gewaltige Río Negro die Bühne für die Geschichte vom verfluchten Seefahrer, den nur die Treue einer Frau von seinem Bann befreien kann. Schlingensiefs Pläne sind spektakulär. Die drei Akte der Oper will er an verschiedenen Orten spielen lassen: Im ersten Akt in Schiffen auf dem Río Negro, der „Fliegende Holländer“ hält Kurs auf Manaus. Akt zwei spielt auf den Marktplätzen der Stadt, „wie eine sakrale Prozession oder ein säkularer Karnevalsumzug, den die Bewohner selbst inszenieren“, sagt Schlingensief. Und schließlich ziehen die Sänger mit Orchester und Zuschauern gemeinsam zum Opernhaus; dort bleiben die Saaltüren offen für den dritten Akt.

Das Teatro Amazonas soll zum Bersten voll werden mit Menschen. „Die Oper wird zum Schiff“, sagt der Regisseur. Ein gewaltiger logistischer und organisatorischer Aufwand. Die Stadt, der Fluss, die Menschen – sie bilden alleine eine grandiose Kulisse.

Ein paar Hundert Meter vom Opernhaus entfernt fließt der Río Negro so dunkel und breit, dass man kaum das andere Ufer erkennen kann. Weiter abwärts vereint er sich mit dem Amazonas. Hunderte von Kähnen, Kuttern und Dampfern liegen an den Pontons im Hafen. Auf Tafeln steht, in welche Flussdörfer „noch heute“ die Fahrt geht. Halbnackte Indianer schleppen Bananenstauden von den Kähnen. Andere stapeln Bierkisten, Särge oder Stacheldrahtrollen auf den Decks. Dazwischen Losverkäufer, Matrosen, Taschendiebe, bettelnde Krüppel mit Pappschildern um den Hals. Auf dem Markt schlitzen Fischverkäufer die mächtigen Gräten aus den Leibern der Tambaqui. Piranhas für die aphrodisische Bouillon fädeln sie zu Dutzenden auf Drahtschlingen. Daneben die Stände mit den Kräutern, Kalebassen und Kaurimuscheln der indianischen Schamanen und afrobrasilianischen Kultpriester. „In den Tropen“, sagt Alfons Hug, Südamerikakenner und Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro, „sind die Menschen näher am Leben und am Tod, genau wie Wagner das immer dargestellt hat.“

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Wie Wagners Musik nach Manaus ins Teatro Amazonas kam, ist eine bizarre Geschichte: Ein ehrgeiziger Gouverneur füllt 1997 das frisch renovierte Opernhaus mit arbeitslosen Orchestermusikern aus Osteuropa. Sie kommen aus Sofia, Minsk und Warschau. Der brasilianische Real ist stark wie der Dollar, die Gagen sind verlockend. Dazu holt der Gouverneur einen talentierten Dirigenten nach Manaus und sagt ihnen: Nun spielt mal los. Was ihr wollt. Und die machen das. Die Qualität steigt von Jahr zu Jahr, trotz des niedrigen Budgets.

Seit fünf Jahren studiert Dirigent Malheiro mit seinem Orchester und Sängern jedes Jahr eine neue Oper des Rings ein, 2002 beginnend mit „Siegfried“. Mit „Rheingold“ 2005 hatte er den Zyklus komplett. Konzerne und Banken treten als Sponsoren auf. So ließ Coca-Cola zum Entsetzen der angereisten Wagnerianer unbekümmert ein poppiges Jingle vor der Ouvertüre erklingen.

Neben beachtlichen lokalen Interpreten singen heute auch international bekannte Künstler in Manaus. „Es ist eine neue, extreme Erfahrung, hier in Manaus die Brünnhilde zu singen“, sagt die renommierte Sopranistin Maria Russo, die im Holländer die Senta singen wird. Für den Kanadier Alan Woodrow, der vor zwei Jahren den Siegfried, eine der schwersten männlichen Opernrollen, interpretiert hat, schätzt Manaus aus einem anderen Grund: „Die feuchte Luft hilft uns Sängern in den Höhen.“

Das Teatro Amazonas ist ein zusätzlicher Gewinn für die Musiker. Als ein reicher Clan von Gummiproduzenten sich das Haus 1896 gönnte, war nicht abzusehen, dass das Prestigeprojekt ein gutes Opernhaus sein würde. Fast alles wurde damals für den Bau aus Europa importiert – die Keramikkacheln für die Kuppel, der weiße Marmor aus Carrara für die Treppen, die französischen Kandelaber oder die englischen Schmiedearbeiten an den Emporen. Da zugleich viel Tropenholz zum Einsatz kam, schmeichelt das Teatro den Stimmen und dem Orchester mit einer ungewöhnlich guten Akustik.

Auch wegen der Nähe zu Bühne und Orchestergraben in dem relativ kleinen Theater mit 700 Plätzen, bekommt Wagner eine ungeahnte kammermusikalische Intensität. Noch in den letzten Reihen ist jedes Wort zu verstehen und die Mimik der Interpreten zu beobachten.

Für Wagner-Liebhaber macht noch ein ganz anderer Aspekt die Aufführungen so interessant: Die Werke glänzen am Amazonas in inhaltlich ganz neuem Licht. So wirken die Themen des Rings in Brasilien wie aus dem Leben gegriffen, weniger abstrakt als im heutigen Westeuropa. Es sind nicht nur die auffälligen Parallelen wie die zwischen Rheinjungfrauen und Amazonen, wie der gestohlene Nibelungenschatz und das von den Konquistadoren geraubte Gold der indianischen Urbevölkerung Südamerikas. Oder jetzt im Holländer das verzauberte Geisterschiff mit seinen Scheintoten, welches Unglück bringt mit seinem schwarzen Mast und blutroten Segeln – eine Symbolik, für die sich im afrobrasilianischen Glauben viele Parallelen finden lassen.

Wie in Europa früher spielen Mythen in Form von Göttern, Geistern und Zauberern im Alltag Brasiliens
eine heute noch wichtige Rolle – das gilt besonders für abgelegene Orte wie Manaus. „Wir sind hier in einer fruchtbaren Gegend für Intrigen, Liebe, Hass, Gewalt, Streit und Versöhnung“, sagt Joachim Bernauer vom Goethe-Institut in São Paulo. Und Siegfried Mauser, Rektor der Musikhochschule München, ergänzt: „Man kann heute von einer lateinamerikanischen Perzeption von Wagners Werk sprechen.“ Für Kritiker Billand wirken die Aufführungen wie ein „brasilianischer Vitaminstoß“.

Im April werden die Wagner-Experten aus aller Welt also wieder in Manaus einfallen – vorausgesetzt, dass bis dahin das Chaos im brasilianischen Luftverkehr beendet ist. Sonst könnte es ihnen ergehen wie Klaus Kinski in Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“. Kinski, der einen durchgeknallten Opernliebhaber spielt, schafft es darin nur in letzter Minute in halsbrecherischer Hetze zu Schiff und zu Fuß bis zur Ouvertüre ins Teatro Amazonas.

[25.02.2007] Noch Fragen? alexander busch, São Paulo fivetonine@wiwo.de
Aus der WirtschaftsWoche 9/2007.