IN SCHLINGENSIEFS NEUER TALKSHOW SIND WIR ALLE KRANK (DPA)

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DPA-Meldung zum Auftakt von Schlingensiefs Talkformat “Die Piloten” an der Akademie der Künste Berlin

Helge Schneider rät Christoph Schlingensief, »tief in deiner Seele nach deinen Ängsten zu suchen«. Rolf Hochhuth hält Händchen mit einer ihm unbekannten Susanne, die den 75-jährigen verwitweten Dramatiker anhimmelt.

Jürgen Fliege tröstet eine alte Dame, und auch der Rapper Sido mischt sich ein. Gotthilf Fischer intoniert die »Berliner Luft«, und ein Double des Malers und Bühnenbildners Jonathan Meese imitiert den Hitler-Gruß, um auf sein neues Projekt an der Berliner Volksbühne aufmerksam zu machen.

»Wir sind alle krank« ist Schlingensiefs Devise gestern Abend in der Berliner Akademie der Künste, an dem er seine neue Fernseh-Talkshow »Die Piloten« startet. Es folgen noch mehrere Abende, die er dann zu 30-Minuten-Folgen für den Sender arte schneiden will, wie der Regisseur sagte.

Dabei waren am ersten Abend auch der Filmregisseur Oskar Roehler, der Schauspieler Rolf Zacher und der Aktionskünstler Hermann Nitsch, der liebend gern anstelle von Schlingensief in Bayreuth den »Parsifal« inszeniert hätte, wie er an diesem Abend bekennt. Zur allgemeinen Verblüffung lässt Schlingensief sogar seinen Freund, den neuen Suhrkamp-Mitgesellschafter Claus Grossner in die pittoreske Runde stoßen. Der bekennt sich zur »Möglichkeit des Überlebens eines Brainhauses dieser Republik und Europas«.

Helge Schneider (»Mein Führer«) beruhigt die Runde in einer Zuschaltung aus seiner Garderobe im Dresdner Kulturpalast: »Mir geht’s gut, macht euch keine Sorgen, ich bin nicht krank, leider« und fängt an zu singen. Schlingensief überfällt danach den Hausherrn der Akademie am Brandenburger Tor, Klaus Staeck, unvermittelt mit der Frage, warum er denn »mit so vielen SS-Leuten« zusammengearbeitet habe, womit er auf eine NS-Vergangenheit der Akademiemitglieder Günter Grass und Walter Jens anspielt.

Ernsthaft ausdiskutiert wird an diesem Abend aber nichts. Staeck warnt denn auch Hochhuth, der von einer »glückverdummten blöden Spaßgesellschaft« spricht und damit auch diese turbulente Abendveranstaltung mit einbezieht: »Rolf, du bist hier in einer Sendung, in der man nicht alles wörtlich nehmen muss!«

Und ganz allgemein in die Runde fragt Staeck, der sich tapfer über den Abend rettet: »Was macht man denn hier eigentlich, wenn man gesund ist?« Er warnt den 46-jährigen Talkshow-Gastgeber vor einer »permanenten Pubertät – du musst aufpassen, dass du nicht schwer abrutschst, wenn du so weiter machst wie heute Abend«. Der hat aber ganz andere Sorgen und berichtet von seiner Augenkrankheit, die gerade in der Charité diagnostiziert worden sei, wozu er auch einen veritablen Augenchirurgen in der Runde zu Wort kommen lässt. »Mein Vater ist blind, mein Großvater war blind und ich bin auf den Weg dahin«, sorgt sich Schlingensief.

Nicht nur der Regisseur hat gesundheitliche Probleme, er hat auch andere von Krankheit betroffene Menschen wie Blinde, an Alzheimer oder der Nervenkrankheit ALS Leidende oder Kleinwüchsige eingeladen, die Schlingensief auch immer wieder in seine Theaterarbeiten an der Berliner Volksbühne mit einbezieht.

Zwischendurch wird der Regisseur philosophisch und meint, »das ganze Leben ist ein Tinnitus« (plagende Ohrgeräusche), was Hochhuth mit der Lebensweisheit kontert: »Dummes Zeug, wenn man alt ist, freut man sich, dass man noch da ist.«

Schlingensief, dem der Abend manchmal außer Kontrolle gerät (was für ihn aber »zum Aufbrechen der Runde« gehört, »ich bin nicht so clever wie Kerner«), provoziert gerne, bekennt aber schließlich neidlos: »Bundespräsident Köhler ist der einzige in Deutschland, der noch provozieren kann, der sagt immer Nein. Und der hat denselben Augenarzt wie ich.«

DPA, 15.1.07