GIFTGAS IN DIE SYNAGOGE? (Die Presse)

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Santiago Sierra brach seine hoch umstrittene Aktion nahe Köln ab.

VON JOHANNA DI BLASI (Die Presse) 22.03.2006

Von einer Aussprache mit der jüdischen Gemeinde Köln sollte eigentlich abhängen, ob der Künstler Santiago Sierra seine umstrittene Aktion „245 Kubikmeter‘ in der Synagoge in Pulheim-Stommeln nahe Köln weiterführen darf oder nicht. Nun aber hat Sierra von sich aus erklärt, dass er abbrechen werde – er fühlt sich missverstanden. Dem „Spiegel‘ erklärte er: „Ich habe ein Kunstwerk zum Thema Gaskammer geschaffen, keine Gaskammer, das ist ein Unterschied. Ich bin kein Völkermörder. Ich bin Künstler.‘

Die Nachricht, ein Künstler habe ein ehemaliges jüdisches Gebetshaus mit einer tödlichen Konzentration an Autoabgasen gefüllt, hatte am vorvergangenen Wochenende wie eine Bombe eingeschlagen. Hier werde die Würde der Opfer und Überlebenden des Holocaust verletzt und ein sakraler Ort entehrt, so die Reaktion jüdischer Vertreter. Daraufhin war die auf mehrere Wochen angelegte Aktion unterbrochen worden. Auch Personen aus dem Kunstbetrieb wie Christoph Schlingensief kritisierten die „Sierra-Verfehlung“. Außer Zynismus wurde dem Künstler Plattheit vorgehalten.

Sierra selbst schrieb in einer Voraberklärung, dass er die „Banalisierung des Erinnerns an den Holocaust“ thematisieren und zum Nachdenken über „das chronische und instrumentalisierte Schuldgefühl“ anregen möchte. In Stommeln aber habe er sich, wie er selbst eingesteht, verkalkuliert. „Mein Ruf hat gelitten. Aber auch die Menschen von Stommeln, die mich beauftragt und unterstützt haben, leiden unter den Vorwürfen.‘

Anders als beim Walser-Buber-Streit vor acht Jahren geht es diesmal nicht um „Erinnern“ versus „Vergessen“. Sierras Schockästhetik fördert die Wachheit, nicht das Einschlafen. Aber selbst diese Ästhetik erklärt nicht die heftigen Reaktionen – denn daran sind wir durch die Spielfilmindustrie längst gewöhnt. Auch ihr kann man vorwerfen, sie „banalisiere“ den Holocaust. Als besonders provokant wird empfunden, dass Sierra nicht nur die Todesangst einer jüdischen Provinzgemeinde während des aufkeimenden Nationalsozialismus andeutet, sondern auch die „Gewissheit des individuellen Todes‘ und des „industrialisierten und institutionalisierten Todes, von dem die europäischen Völker auf der Welt lebten und immer noch leben“. Damit rüttelt er am Konsens der Unvergleichlichkeit des Holocaust.

Nur kurz nach dem Streit über die Mohammed-Karikaturen hat Sierra eine Situation herbeigeführt, die jenen neuralgischen Punkt westlich-liberaler Zivilisation trifft, an dem wir uns eingestehen müssen, dass auch wir Bilderverbote kennen und auch bei uns die Freiheit der Kunst ihre Grenzen hat. Nicht nur Sierra, auch Gregor Schneider ist zuletzt mit einem Werk auf Zensur gestoßen, dass an der Nahtstelle zwischen Kunst und Religion angesiedelt ist: Sein an die Kaaba in Mekka angelehnter schwarzer Kubus durfte am Markusplatz in Venedig wegen Terrorangst nicht realisiert werden. Jetzt hat die Hamburger Kunsthalle angekündigt, das Projekt als „temporäres Mahnmal der Toleranz“ zu verwirklichen.

Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass künstlerische Energien in Richtung religiöser Schnittstellen fließen werden, denn hier liegen heute die stärksten Emotionen.