DEM TOD DAVONLAUFEN (ART MAGAZIN)

Veröffentlicht am Autor admin

Für Christoph Schlingensief waren Leben und Kunst eins. So wurde er zu Deutschlands umstrittensten Provokateur. Eine Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken zeigt jetzt die überbordende Schaffenswut des 2010 verstorbenen Künstlers.

Man kann hier nicht einfach nur abhauen! Es muss ein größerer Gedanke in einem sein, der fragt: „Was ist aus dir geworden? Was hast du überhaupt gemacht hier? Wo sind deine Energien geblieben?“

Als Christoph Schlingensief das in einem Interview mit dem ZDF sagte, hatte er bis zu seinem Krebstod im August 2010 im Alter von 49 Jahren noch anderthalb Jahre. Nicht viel Zeit für jemanden, dessen radikale, überbordende Schaffenswut jeden Rahmen sprengte. Zeitlebens verausgabte sich Schlingensief, als könne er dem Tod davonlaufen, um dann doch viel zu früh zu verglühen. Und er hatte Recht: Was bleibt von einem, dessen Leben und Kunst eins waren? Der deutsche Politik und Kirche, Familie und Faschismus, Joseph Beuys und Richard Wagner, Illusion in der Kunst und Verdrängungsprozesse im Leben in ein höchstpersönliches Pandämonium zwischen Bühne, Film, Ausstellungsraum und Straße verwandelte? Wie erinnert man an den, der bei der documenta 1997 zur Tötung Helmut Kohls aufrief, verhaftet wurde und kurz darauf mit seiner Partei CHANCE 2000 Junkies und Arbeitslose zur Wahlurne rief? Der 2004 im bürgerlichen Bayreuth den „Parsifal“ als Apokalypse im Großstadtmüll inszenierte, um drei Jahre später die Wagner-Oper „Der Fliegende Holländer“ in den brasilianischen Regenwald zu holen? Der ein riesiges Röntgenbild seiner gemarterten Lunge auf die Bühne brachte, ein Sterbetagebuch schrieb und nebenbei ein Operndorf in Burkina Faso ins Leben rief? Die Berliner Kunst-Werke haben sich nun dieser Mammutaufgabe angenommen und würdigen Deutschlands umstrittensten Provokateur, der 2011 als erster Künstler postum den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig erhielt, mit einer großen Retrospektive. Kuratiert von Klaus Biesenbach, Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer, nimmt sie erstmals die bildnerische Komplexität seines Gesamtkunstwerks ins Visier. „Der Schwerpunkt liegt auf Installationen und Filmen, die seine Aktionen dokumentieren“, so Susanne Pfeffer, die die Ausstellung eigentlich im Jahr von Schlingensiefs Venedig-Auftritt 2011 geplant hatte. Heute gibt sie eben dem großen Gedanken Raum, um den es Schlingensief stets ging: Die Eigenverantwortlichkeit des Menschen in einer Gesellschaft des Spektakels. Ohne Bevormundung oder erhobenen Zeigefinger bekam er sie stets dort zu fassen, wo sie sich Simulationen und Ablenkungsmanövern hingibt.

Von Gesine Borcherdt, art Kunstmagazin

Christoph Schlingensief
Termin: 1.12.–19.1.14, Berlin, KW Institute for Contemporary Art
Es wird ein Katalog erscheinen.
Weitere Station: ab März 2014, MoMA PS1, New York
www.kw-berlin.de