KAMERA-KINDER (KULTURZEIT)

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Schlingensiefs Operndorf aus Sicht der Schüler
Sibylle Dahrendorf für 3sat Kulturzeit vom 21.08.2013

Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso wächst und gedeiht. Mehr als 100 Kinder besuchen mittlerweile die zum Dorf gehörige Schule. Drei Lehrer unterrichten sie, auch in künstlerischen Fächern. Die deutsche Fotografin Marie Köhler hat mit den Kindern einen Fotoworkshop gemacht. Das Ergebnis: eine Ausstellung zum Schulstart und ein eindrucksvoller Bildband.

Christoph Schlingensief starb 2010, hat die Schuleröffnung im Herbst 2011 selbst nicht mehr erlebt. Auch nicht, wie die Kinder toben, lernen und fantasievoll alles Denkbare ausprobieren. Die Fotografin Marie Köhler hat vier Monate lang im Operndorf gelebt, den Kindern Kameras gegeben und sie ihre eigenen Bilder machen lassen. Mehr als 15.000 Fotos haben die Kinder geschossen. Und zwar so, wie sie es wollten. Die Perspektive der Kinder ist offen und unverstellt. Es ist ihr Blick in ihre Lebenswelten. Das Betrachten der Bilder ist eine wahre Entdeckungsreise. Auch mit den Techniken haben sie experimentiert – ohne Anleitung.

Das Forschen – und wie aus Fehlern etwas Besonderes entstehen darf – das war auch ein Teil von Christoph Schlingensiefs Ideen. Lustvoll ist der Blick der Kinder auch auf sich selbst gerichtet. Das trifft die Vision vom Operndorf, an deren Verwirklichung Schlingensiefs Ehefrau Aino Laberenz arbeitet. Das Dorf wächst kontinuierlich. Parallel zum Schulunterricht und dem künstlerischen Programm wird weitergebaut. Neue Wohnmodule entstehen: für Gäste, Künstler und Personal. Die Finanzierung ist manchmal eine Zitterpartie und für alle Beteiligten eine Herausforderung, auch für den Architekten Francis Kéré. In den letzten Monaten wurde die Krankenstation gebaut. Sie ist fast bezugsfertig. Das Dorf soll auch noch ein Theater bekommen, das war auch Schlingensiefs Traum. Auch wenn es noch nicht da ist, getanzt und an Theaterstücken geprobt wird überall für den großen Tag: das Schuljahresfest.

Das Leben durch die Kunst schneller begreifen
“Wir begreifen das Leben durch die Kunst oder durch die künstlerische Auseinandersetzung einfach schneller”, sagt Abdoulaye Ouedraogo, Schulleiter des Operndorfs. “Mit Kunst geht man sogar schneller.” So ausgelassen wie die Stimmung in den Theaterproben von Abdoulaye Ouedraogo ist das Thema jedoch nicht: Das Stück spielt im “Land der Dunkelheit”, einem fiktiven Land mit realen Problemen. Die Kinder fordern die Abschaffung von Beschneidung und Zwangsheirat. “Man muss das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden”, so Abdoulaye Ouedraogo. “Wir möchten uns amüsieren mit unserer Vorführung und das Publikum ablenken. Aber im gleichen Moment haben wir eine ernste Botschaft zu vermitteln. Wenn die Eltern verstehen, dass Beschneidung etwas ist, das nicht gut ist, haben wir gewonnen. Wenn die Eltern begreifen, dass Zwangsheirat verbannt werden sollte, haben wir gewonnen. In jedem Fall werden die Kinder, die wir hier ausbilden, gerade durch die künstlerischen Arbeiten, auch durch solche Theaterstücke, ihr Wissen verbreiten und die Menschen für aktuelle Themen sensibilisieren.”

Beim Schuljahresfest im Operndorf kommen dann alle zusammen: die Aufführungen und die Fotoausstellung, die unbedingt auch in Deutschland zu sehen sein sollte. “Von Afrika lernen” war eine der Visionen von Christoph Schlingensief. Einen Ort der Begegnung zu schaffen. Drei Jahre nach seinem Tod lebt dieser Traum im Operndorf weiter – hoffentlich noch sehr lange.

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