ÜBER DAS VERMÄCHTNIS SCHLINGENSIEFS (DLF)

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Christoph Schlingensief hatte noch viel vor – das zeigt das Archiv, das am Samstag in der Akademie der Künste in Berlin eröffnet hat. Mit Arbeiten und Materialien, die seine Arbeit und auch seine Pläne dokumentieren. Seine Ehefrau und Witwe Aino Laberenz gibt Einblick in die Sammlung. Aino Laberenz im Gespräch mit Oliver Kranz.

Kranz: Wie hat Christoph Schlingensief mit seinem Archiv gearbeitet?

Laberenz: Mit seinem Archiv direkt, was jetzt die Akademie betrifft, gar nicht. (lacht) Ich würde sagen, ein Teil seiner Korrespondenzen, mal ein altes Drehbuch, also ganz verschiedene Aufzeichnungen hat er zu Lebzeiten schon der Akademie der Künste gegeben – einfach weil es ihm wichtig war, dass Dinge nicht verloren gehen. Ihm war generell ein Archivcharakter wichtig, dass ein Moment der Geschichte nicht verloren geht. Das heißt nicht, dass er die große geschichtliche Person ist oder sich, als solches gesehen hat, sondern einfach, dass so Momente nicht verloren gehen.

Kranz: Nun haben Sie ja auch gerade ein Buch veröffentlicht: Christoph Schlingensief “Ich weiß, ich war’s”. Das ist eine Art posthume Autobiografie. Im Vorwort ist zu lesen, dass dieses Buch angefangen worden ist als Plan von Schlingensief. Hat er das Buch schon als Botschaft an die Nachwelt geplant?

Laberenz: Die Anfrage kam ganz klar von Kiwi, von Helge Malchow, nach dem Tagebuch ist der ein Christoph herangetreten und hat gefragt: “Kannst du dir das vorstellen in Form einer Autobiografie?” Christoph war bei dem Gedanken erst mal unwohl. Er wusste nicht, wie er damit umgehen soll und was das für ihn sein soll. Und hat dann letztlich angefangen, sich auf seine Art dem zu nähern. Er hat diese Leserreisen gemacht und hat da nicht aus dem Tagebuch gelesen, sondern erzählt zwei Stunden – natürlich immer auch über das Operndorf, um das zu formulieren teilweise, auf der anderen Seite, um seine Geschichte, nicht sich bewusst werden zu lassen, aber Christoph war jemand, der ganz oft erzählt hat, um Dinge festzuhalten, um sich in dem Moment nicht nur zu erinnern, sondern vielleicht klar zu werden auf eine Art und Weise. Ich habe das beobachtet, dass diese Lesereise, dieses Erzählen seiner Geschichten, auch durchaus eine Annäherung an die Biografie war.

Kranz: Das Buch zeigt ihn auch sehr privat. Also da wird über seine Hochzeit geredet oder über seine Gefühle während seiner Krankheit. Das Archiv zeigt wahrscheinlich etwas anderes. Das Archiv zeigt die Arbeit. Oder?

Laberenz: Das würde ich schon so beschreiben. Ganz klar. Es sind viele Korrespondenzen, Notizen, auch mal ein Drehbuch. Das sind andere Seiten: die Arbeit, mit der Arbeit, als dieses aus sich heraus.

Kranz: Wenn man sich seine Theaterinszenierungen und Ausstellungen angeguckt hat, da hat er sich sehr oft selbst zitiert oder auch Dinge zusammengebracht, die er gesammelt hat. Hat er das Archiv auch gebraucht als Material für seine Arbeiten?

Laberenz: Also in dem Moment war er sein eigenes Archiv, würde ich sagen – sein Kopf. Es gibt diesen Satz, den ich sehr mochte – da hat er gesagt: “Man läuft immer auf dem Schrott oder den Ruinen der Vergangenheit herum, findet sich aber immer im Jetzt.” Ich glaube, so war Christoph auch als Mensch, der seine Vergangenheit immer auch geschichtlich aufgesogen hat, aber trotzdem sich ganz klar in dem Moment bewegt hat – ob das politisch, sozial, was auch immer war, in Bereichen der Kunst, dass er sich direkt bezogen hat auf sein nächstes Umfeld, auf sein nächstes Geschehen, ganz situativ und trotzdem Geschichten der Vergangenheit mit sich getragen hat und das auch immer als Form von Boden hatte.

Kranz: Es gibt eine konkrete Stelle in der Inszenierung “Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”, wo er einen Tonausschnitt präsentiert von dem, was er in sein Diktiergerät gesprochen hat, als er im Krankenhaus war. Da heult er, weil er Angst vor dem Tod hat. Eine extrem private Aufnahme, wo ich mich frage: Wie geht jemand damit um, wenn er das später hört? Ist er ein Künstler und sieht das als Material und sagt: Oh, das ist persönlich, das ist stark. Das nehme ich. Weshalb hat er solche privaten Sachen herausgelassen?

Laberenz: Das Missverständnis ist, das war nicht während der Krankheit, sondern während Bayreuth. Das war die Auseinandersetzung mit seiner Angst. Das hat er später als Material genauso aufgenommen, weil er sich natürlich auch mit dem Fremden in mir, mit bestimmten Ängsten – und das ist nicht nur die Krankheit – “Kirche der Angst”, war ein Projekt und Church of Fear davor, wo er sich mit der Angst als Produktivkraft auch auseinandergesetzt hat, die wir als etwas in uns haben, das immer ganz gern ausgeklammert wird. Wo er eben nicht sich präsentiert als der starke Regisseur, der ganz klar seine Inszenierung schafft, sondern als jemand, der zweifelt. Damit meine ich nicht, dass er sich irgendwie menschlich darstellen will, sondern, dass bei diesen Bildern, denen man entsprechen soll, dass da vieles nicht stimmt. Es war niemals so, dass er gedacht hat: Das kommt jetzt gut. Das ist stark oder sonst irgendetwas, sondern das war der Moment der Angst für ihn, der genau inhaltlich das gezeigt hat, wo er in dem Moment war.

Kranz: Wie strukturiert war das überhaupt, wenn er irgendwo herangegangen ist an eine Arbeit? Hatte er eine klare Idee, wie das Endprodukt aussieht? Oder war es so, wie man vermutet, wenn man diese doch recht chaotischen Produktionen sieht, dass er erst einmal ziemlich viel auf die Bühne geworfen hat und dann gekuckt hat, was passiert?

Laberenz: Dagegen wehre ich mich immer sehr: Er hat niemals Dinge einfach auf die Bühne geworfen und gekuckt was passiert, weil er war sehr genau. Wenn es für ihn keinen Anlass gab, etwas zu sagen oder etwas zu arbeiten, dann hat es auch nicht funktioniert. Da war er sehr klar. Er war wahnsinnig schnell. Und dieses Chaotische, was man ihm zuschreibt, ist eine Form von Überforderung unsererseits, weil er gleichzeitig bestimmte Dinge bedienen konnte, wo er einfach schneller war. So empfinde ich das für mich, wenn ich in einer Arbeit neben ihm saß. Oder wenn man so in Situationen ist, ein Stück wieder aufnimmt, mit einem Team, und dann merkt man, der Rhythmus stimmt nicht. Woran liegt das? Wir haben doch alles richtig gemacht. Nur Christoph konnte das. Der war so präzise und hat sofort ein Gefüge dafür gehabt, wo etwas hakt. Der konnte sehen, wenn jemand drei Sekunden später irgendwo war, und hat sich ohne irgendwelche Aufzeichnungen schriftlicher Seite daran erinnert und er war immer richtig.

Kranz: Sie haben ihn ja kurz vor seinem Tod geheiratet – auch das wird in dem Buch beschrieben, und das hat ihm sehr viel bedeutet und war ein sehr berührender Moment – aber Sie kannten sich ja eher schon. Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt und wann?

Laberenz: Wir haben uns in Zürich kennengelernt, 2003 oder so. Da haben wir uns kennengelernt und das war schnell klar, dass wir gut miteinander sind.

Kranz: Solange sie mit ihm zusammen waren, stand er im Rampenlicht. Er war der große Macher und alles hat sich immer auf ihn gestürzt. Als er dann gestorben war, hat sich das natürlich umgekehrt. Jetzt sind sie die Schlingensief-Witwe und müssen andauernd über ihn reden und bestimmen, was mit seinem Nachlass geschieht. Wie ist das, wenn man auf einmal hauptberufliche Nachlassverwalterin von Christoph Schlingensief ist?

Laberenz: Also es ist kein Auftrag in dem Sinn, dass mir Christoph gesagt hat, “mach den Nachlass” und ich habe einen Riesenballast oder so irgendwas. Ich habe ja zum Beispiel nie aufgehört, ganz banal Kostüme zu machen, was ich immer schon gemacht habe. Ich weiß natürlich auch, dass nach außen immer gern dieses Bild gesehen wird, dass ich jetzt die Witwe bin und das hauptberuflich bin. Da kann ich machen, was ich will und das ist auch o. k. für mich, weil ich sowieso und das mache, was ich gerne mache. Ich habe ja mit Christoph nicht nur Kostüme gemacht, sondern ich habe auch mit ihm gesessen und Drehbuch zusammengeschrieben, Projekte entwickelt. Da habe ich mich mit ihm zusammen in einer Wechselwirkung befunden. Das ist vielleicht die größere Schwierigkeit, dass mein gegenüber fehlt. Ich habe natürlich Menschen, die mir helfen, aber letztlich muss ich Dinge für mich allein entscheiden. Wie geht man mit bestimmten Dingen um? Deswegen bin ich aber weder Christoph, noch Christoph-Ersatz, und stehe ganz anders im Rampenlicht, als er es gemacht hätte. Weil ich ich bin und Christoph Christoph war. Und auf der anderen Seite mache ich hier nicht Projekte, wie er das macht, sondern ich versuche, mit dem umzugehen. Weil was mir wirklich am Herzen liegt und was mir wirklich wichtig ist, dass er in seiner Kunst – als Mensch haben wir ihn alle verloren – aber was er hinterlassen hat. Die Kunst, das ist etwas, was für mich sehr wichtig ist, wo ich ein Anliegen, ein sehr ernstes Anliegen habe, dass das bleibt.

Quelle: Deutschlandfunk, Corso Gespräch, 05.11.2012 · 15:05 Uhr