SCHLINGENSIEFS NOTIZEN (NDR KULTUR)

Veröffentlicht am Autor admin

Christoph Schlingensief beschreibt eine leidenschaftliche Standortsuche. Seine Aufzeichnungen laden ein, eigene Positionen zu überdenken und zu diskutieren.

Mit seinem Krebstagebuch “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” hat Christoph Schlingensief die Gemüter bewegt. Jetzt, über zwei Jahre nach seinem Tod, erscheint “Ich weiß, ich war’s”, ein Buch mit autobiografischen Notizen und Aufzeichnungen.

Ursprünglich hatte der Künstler selbst noch eine Autobiografie herausbringen wollen, dazu ist es nicht mehr gekommen. Stattdessen hat seine Witwe, die Kostümbildnerin Aino Laberenz, die Notizen geordnet und mit anderen Originaldokumenten zu einem Buch zusammengestellt, das gleichzeitig auch als Hörbuch herauskommt.

Zwischen Angst und Hoffnung

Wut, Verzweiflung und Hoffnung hat Christoph Schlingensief in seinem Krebstagebuch förmlich herausgeschrien – ein kleines Aufnahmegerät war in dieser ersten Phase der Erkrankung sein ständiger Begleiter und Rettungsanker.

Leseprobe:
“So, heute ist der 31. Juli 2009. Es ist viel passiert, seitdem ich das letzte Mal in meine Maschine hier gesprochen habe. (..) Ich bin inzwischen natürlich weitaus distanzierter, nicht so aufgerissen wie damals im Krankenhaus, auch nicht so ausgeliefert. Allerdings merke ich, dass in den letzten Wochen doch einiges anders geworden ist in mir drin. Es wächst immer mehr diese komische Angst, dass doch alles nur eine zeitlich begrenzte Angelegenheit ist. (..) Dass man schon nächstes Jahr weg ist. Also dass ICH schon nächstes Jahr weg bin.”

Da ist er wieder, dieser unmittelbare, etwas schnoddrige Ton. Der Schauspieler Martin Wuttke, ein langjähriger Weggefährte und Freund Schlingensiefs, liest die von Aino Laberenz dramaturgisch klug zusammengestellten Texte. Sie zeichnen das Bild eines ebenso eitlen wie selbstkritischen, ebenso ängstlichen wie hoffnungsfrohen Künstlers.

Große Projekte und wichtige Begegnungen

Anspruch auf Vollständigkeit wird dabei nicht erhoben, auch folgt das Buch keiner klaren Chronologie. Sie wolle keine Werk-Ausdeutung, keinen Beipackzettel liefern, schreibt Aino Laberenz im Vorwort, sondern ein Lebenszeichen senden. Das ist ihr gelungen.

Christoph Schlingensief erzählt mitreißend und lustvoll von großen Kunstprojekten und wichtigen Begegnungen. Wir lernen einen Mann kennen, der lange nicht genau wusste, was er eigentlich wollte, aber nie Scheu hatte, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um seinen Weg zu finden. So rief der angehende Student Anfang der 80er-Jahre den Vater von Wim Wenders an, der wie Schlingensiefs Eltern in Oberhausen lebte. Und es gelang ihm tatsächlich, mit dem berühmten Sohn in Kontakt zu kommen:

Leseprobe:
“Und dann stand ich da, um 14 Uhr, und er kam tatsächlich und ich sagte, ich bin der Sohn von dem Apotheker, ach, die Apotheke am Altmarkt, die kenne ich, ja, da habe ich mal ne Zahnbürste gekauft, ja die haben wir im Angebot.”

So erzählte Schlingensief die Geschichte 2009 bei einer Veranstaltung im Bochumer Schauspielhaus. Kindheit und Jugend in Oberhausen, die ersten Filme, die Gründung der Partei Chance 2000, die Arbeit an der Berliner Volksbühne und am Parsifal in Bayreuth, das Opernhaus für Afrika.

Gegenwärtige Erinnerungen

Viele wichtige Projekte ruft dieses Buch in Erinnerung und bringt gleichzeitig das Kunststück fertig, offensiv gegenwärtig zu sein. Das liegt nicht nur daran, dass manche, wie das Opernhaus in Afrika, noch im Werden sind, sondern vor allem an dem Ton, den der Künstler anschlägt. Er will kein Mitleid, er will leben und dieses Leben Kunst werden lassen.

Leseprobe:
“Wenn alles klappt, werde ich noch in diesem Monat innerhalb von zehn Tagen einen Spielfilm in Berlin drehen. Das klingt vielleicht absurd, aber nicht absurder als dieses Sterben-Sollen. Mein letzter Film, mein Abschiedsfilm. Es geht um das Sterben, nicht mehr ums Sterben-Lernen. Um die Abrechnung kurz vor dem Schluss, auch um die unendliche Sehnsucht, nicht als Depp gehen zu müssen. Und um die Hoffnung, nicht am Ende noch alles kaputt zu machen.”

“Ich weiß, ich war’s” erzählt in sehr persönlichen Texten von der Lebens-Kunst des Christoph Schlingensief. Es beschreibt eine leidenschaftliche Standortsuche und lädt ein, eigene Positionen zu überdenken und zu diskutieren.

Quelle: NDR kultur, 10.10.2012, vorgestellt von Katja Weise