DAS KREUZ ALS SCHMUSEDECKE (DRADIO)

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Reihe: „Was mir heilig ist“ – Mit Christoph Schlingensief. Christoph Schlingensief machte seine Krebserkrankung öffentlich und feierte in seinem Stück „Kirche der Angst“ seinen Kampf ums Leben. Unsere Frage beantwortete der Künstler in seiner Wohnküche in Berlin-Prenzlauer Berg.

Was ist Ihnen heilig? Bei allem Durcheinander, der so stattgefunden hat in der letzten Zeit und auch vielleicht sonst im Leben war mir immer, also Vergangenheit – war mir immer wichtig die Geborgenheit in einem göttlichen System, das war auch Selbstvertrauen und Geborgenheit, heißt, ich hab gedacht, ich kann mir alles erlauben, es kann mir Vieles passieren, ich kann alles tun, ich bin aufgehoben wirklich in der Heiligen Familie, im Christentum. Das ist ein Schutzpanzer. So hab ich das gelernt als Katholik, als Messdiener und auch als Nicht-mehr-Kirchgänger hab ich das immer als ein Heiligtum betrachtet und habe dann in der kranken Phase gemerkt, dass ich die gar nicht mehr als so heilig empfinde und auch gar nicht mehr wusste, was heilig sein soll, und auch deren Geborgenheit nicht mehr zur Verfügung hatte, also war das ne Krippenfigur-Anstalt geworden. Das war ein Märchenpark.

Ich hab ne Schmusedecke mit mir rumgeschleppt, selbst das Kreuz als Schmusedecke. Hilf mir, hilf mir, damit komm ich nicht mehr weiter, ich werd am Ende vielleicht die Schmusedecke, wenn es wirklich in den Abgrund geht, und das Licht ausgeschaltet wird. Dann werd ich die Schmusedecke vielleicht brauchen, weil das ist dann die Gefühlsebene die wieder einkehren wird, aber jetzt, wo ich denke, ich hab was verstanden durch diesen Todeskuss, der mir da begegnet ist.

Und in jedem „Gütiger Gott“, „Barmherziger Gott“ ist er limitiert, und das lehne ich neuerdings extrem ab. Ich möchte auch nicht, dass die Schöpfung nur gut ist, Schöpfung ist auch böse. Ich kann mit Koheleth mehr anfangen und mit der Klarheit von Meister Eckhardt mehr anfangen, weil sie auch härter ist und weil sie auch mich mehr in die Verantwortung bringt.

Szene aus „Sterben lernen“: Gott ist gut, seine Schöpfung ist nicht gut. Gott ist entweder gut oder er ist allmächtig. Ich sage es wieder und wieder Gott ist nicht gut, ich bin gut.

Und jetzt ist eben die Frage: Ich kann mich doch begreifen als Teil dieses Göttlichen, das ist doch eine wunderbare Aufwertung meiner Person, ich bin dann nicht mehr allein, ich bin zwar alleine tieftraurig und melancholisch, nichts will funktionieren, ich bin auch nicht anerkannt, was ich alles für Probleme, aber alles in allem bin ich Teil von dieser Wahnsinnsenergie, die sich nicht im 14. / 15. Jahrhundert ausmacht, sondern auch im 14. /15. Universum.

Wenn es ne Gemeinsamkeit gibt zwischen Gott und mir: dann – der Trennungsschmerz, der Schmerz, dass er eigentlich nicht sterben kann, mein Gott, dass ich nicht in Gott sein kann. Dieser Schmerz verbindet uns kolossal. Jesus bin auch ich, Gott bin auch ich, auch wenn ich ein Fliegenschiss von ihm bin.

Ich darf eben dann Jesus mal kurz benutzen, imitieren, oder selber Jesus sein: Warum mein Gott hast Du mich verlassen, hab ich selber in der Wohnung geschrieen, als die Ergebnisse kamen … als es aussah, als ging es zu Ende. Das kannste doch nicht mit mir machen. Das war der Anfang vom Kampf und dann geht aber Jesus gleich in den Tod und anschließend in die Höhle und fährt dann hoch und ist weg, schade, ich hätte ihn gerne noch mal in der Argumentation nach dem Kreuz erlebt. Was er dann mit seinem Vater besprochen hätte, was er meint, was er gerne noch als Mensch von dem Vater verlangt … da ist eine allmächtig und kann nicht sterben.

Bei Kirche der Angst hab gelernt, dass die Phase der Arbeit entscheidend ist. Da wo ich den Schritt gemacht habe, dass zu besprechen, wie ne Wundbesprechung ne Gürtelrose wurde früher besprochen, im Vodoo gibt’s auch. Ich habe Texte ausm Diktiergerät in das Ritual eingespeist und da passiert tatsächlich eine Belebung, man merkt es auch im Publikum, kamen Gespräche auf, passierte ne Aufladung, nicht dass man rausging war nur noch fertig, es war ganz anders. Ob das nun heilend ist, weiß ich nicht, und heilig erst recht nicht. Die vierte Mauer bin ich oft genug durchschritten, die vierte Wand wohnt auch in mir, und ob ich da tatsächlich durchkomme, um der zu sein, der ich bin, und Jesus ich bin der, der ich bin, isse ne zentrale Frage, die ans Theater stelle.

Was mir heilig ist: Der Regisseur Christoph Schlingensief als MP3-Datei:

Beitrag aus Deutschlandradio Kultur Fazit, 24.12.2009, 23:05 Uhr