Die Wagners im Township

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Schlingensief in Aktion: Bewohner der Lüderitzbuchter Armensiedlung Area 7 werden zu Schauspielern

Von Irmgard Schreiber, Allgemeine Zeitung Namibias

Im Lüderitzbuchter Township ,,Area 7″ herrscht großer Trubel am Vorabend von Christoph Schlingensiefs Geburtstag. Rund 200 Bewohner des Elendsviertels stehen am Sonntag um die Drehbühne herum, die einige Tage zuvor zwischen den Wellblechhütten erbaut wurde. Gespannt, skeptisch, amüsiert schaut man dem Spektakel zu, dass die deutsche Filmcrew von ,,African Twin Towers” hier veranstaltet.

Christoph ist sauer. Auf die Allgemeine Zeitung im Allgemeinen, auf deren dümmliche Kulturreporterin im Besonderen. Als ich am Sonntagmorgen den Afrika-Korrespondenten des ,,Spiegel” zum Obelix-Village fahre, um bei seinem Interview mit Schlingensief Mäuschen zu spielen, fährt der Berliner Filmregisseur aus der Haut. Was ich denn überhaupt noch hier wolle, fragt er und klappert irritiert mit dem Kaffeegeschirr im Frühstücksraum der Lüderitzbuchter Pension. Warum ich mit meiner Berichterstattung über unzufriedene Schauspieler die Stadt Windhoek gegen Lüderitz aufhetzen würde, ich solle doch lieber nach Hause gehen, ,,Weißwürschte” fressen und Sarotti-Schokolade lutschen. Auf dem Weg hinaus ruft er meiner Begleiterin ein ,,Heil Hitler” zu.

Wir eilen im Stechschritt zurück zu unserem Wagen. Am frühen Nachmittag fahren wir hinaus zur Wellblechsiedlung Area 7. Dort, zwischen den Container-ähnlichen Hütten, steht der Animatograph: eine kreisrunde Drehbühne, darauf ein verwittertes Schifferboot mit angebauter Hütte und Podium. Bunte Slogans ohne erkenntliche Botschaft sind auf dem gesamten Bühnenbild verteilt. Es sieht aus, als hätte sich eine Schulklasse im Kunstunterricht ausgetobt. Die Leute von Area 7 haben dabei mitgewirkt, erzählt ein bärtiger Mann in zerrissener blauer Kutte. Liebevoll malt er mit weißem Pinsel einige Worte an die Bootswand, die er von einem Zettel kopiert. Was sie bedeuten, frage ich ihn. ,,Ich weiß nicht”, sagt er, der Klaus Beyer heißt, schon mehrmals mit Schlingensief zusammengearbeitet hat und als renommierter Autorenfilmemacher gilt. Später wird er in die Rolle des Hagen von Tronje schlüpfen. ,,Das hat man mir gegeben”, mit freundlichem Lächeln hält er seinen zerknitterten Spickzettel hoch.

Schon lange bevor die restlichen Schauspieler eintreffen, sind die Kameras in Aktion. Eine beobachtet das Geschehen aus der Vogelperspektive von einem Lampenpfeiler aus. Eine weitere ist an einem langen Arm befestigt, der über die Köpfe der Menge in Area 7 schwingt, eine dritte wechselt ständig aus den Händen der Kamerafrau in die von Schlingensief. Seine Crew hätte auch versteckte Mini-Kameras an Brillen befestigt, behauptet der Regisseur später gegenüber einem Radioreporter.

Die Inszenierung, zu der die Öffentlichkeit eingeladen wurde, beginnt unmerklich, es gibt keinen Startschuss, denn eigentlich ist alles schon von vornherein Inszenierung – oder aber einfach nur gelebtes Leben. Die Zuschauer werden automatisch zu Akteuren, ob sie wollen oder nicht. Schlingensief, mit einem Fell um die Schultern und einer schwarzen Zottelhaarperücke auf dem Kopf, malt ,,Area 7″ in großen schwarzen Lettern auf ein Segeltuch. Später sollen die beschrifteten Tücher von den zwei Masten des Bootes hängen, das sind die Twin Towers, die am 11. September zum Einsturz kamen. Eine einheimische Theatergruppe wird die Katastrophe vom World Trade Centre nachspielen.
Oben auf dem Podium schreit Schauspieler Dirk Rohde mit heiserer Stimme ins Mikro, der Wind reißt ihm die Worte aus dem Mund. Über Entwicklungshilfe und die AZ zetert er, über die Bundesministerin Wieczoreck-Zeul, und seine Faust droht dem Helikopter, der in diesem Moment am Himmel kreist. Neben ihm steht Schlingensief mit Kamera, er sagt den Text vor: ,,Kommt endlich runter, kriegt euren A? in den Wüstensand!”, skandiert der Redner Richtung Helikopter, und Schlingensief winkt hektisch, noch einmal soll der Flieger seine Runde machen. Dann singt einer den ,,Revolution”-Song der Beatles, die Kinder des Townships sollen mitsingen, aber kaum eines kennt den Text.

Irm Hermann betritt das Podium, mit hoch erhobenem Haupt, in einem quietsch-pinken Abendkleid und farblich passender Sonnenbrille. Sie war eine von Fassbinders Frauen, an der Seite von Hanna Schygulla spielte sie in den 60er und 70er Jahren in fast allen Filmen des eigenwilligen Regisseurs. ,,We welcome you in sis beautiful Schlamm (slum)”, verkündet sie mit deutschem Akzent. Offenbar hält sie die Eröffnungsrede für die Wagner-Festspiele in Lüderitzbucht. Ein großer Erfolg solle das werden, alle Zeitungen wollten darüber berichten, ganz viel Papier wollten sie damit bedrucken, und das sei toll, denn dann könnten die Leute hier Feuer machen und ihre Suppe kochen.

,,Ich hasse meine Eltern”, ruft irgendwann Tochter Wagner ins Mikro, gespielt von Katharina Schlotauer, das Publikum wird aufgefordert mitzugrölen: ,,I hate my parents”. Auch Sohn Wieland stimmt mit ein: ,,Father, Mother, tell these people that you are only using them.” Robert Stadlober spielt ihn, der 23-jährige Österreicher, der in dieser Woche zum besten deutschen Nachwuchsschauspieler gewählt wurde. Durch seine Rolle als gehbehinderter Teenager in dem Kinoerfolg ,,Crazy” (2000) wurde er über Nacht bekannt. Helge-Schneider-Schauspieler Norbert Losch macht das Familienoberhaupt Wagner, in ,,African Twin Towers” werde der Niedergang der Familie Wagner inszeniert, sagt er.

Eine Parodie auf die Welt der Wagners, der 11. September, der Ring der Nibelungen, die Edda, Bayreuth und das Lüderitzbuchter Elendsviertel – alles das und noch mehr wird thematisiert in dieser kuriosen Theaterinszenierung, die gleichzeitig der Höhepunkt der Dreharbeiten für ,,African Twin Towers” ist. Klaus Beyer als Hagen von Tronje hackt mit einem Pappmaché-Schwert auf einen eisernen Drachen ein, der, von einem Bagger geschoben, die African Twin Towers attackiert. ,,I killed se dragon, I killed se dragon”, ruft er später siegestrunken mit piepsiger Stimme und schwingt das Schwert über den Köpfen der Menge. Mutter Wagner ringt im Sand neben der Drehbühne mit einem Strauß. Die amerikanische 70er-Jahre-Rock-Ikone Patti Smith sitzt am Rande des Podiums und trägt Gedichte vor, von korrupten Göttern und der Macht des Rings handeln sie, von einem Hasen, der die Kinder anführt auf deren Suche nach einer neuen Humanität. Ein Mal sitzt Smith unten auf der Drehbühne, die irgendwann tatsächlich zu drehen beginnt, und fiepst in ihre Klarinette. Neben ihr steht ein überdimensionaler gusseiserner Topf auf dem Feuer, in dem der Koch von Obelix Village das Abendessen zubereitet. Die Kinder von Area 7 laufen johlend und hupend hinter einem isländischen Schauspieler her, dessen Hauptaufgabe darin besteht, das Publikum zu animieren. Alles passiert gleichzeitig, und die Kameras sind immer mitten im Geschehen. Hin und wieder droht die Situation zu eskalieren, wenn die Kinder die Drehbühne stürmen, um auch einmal auf dem Podium stehen und in ein Mikro schreien zu dürfen.

Am späten Abend, längst wurden die Scheinwerfer eingeschaltet, ein kalter Wind bläst stetig durch das Township, drängelt sich die Menge um den großen Kochtopf. Da steht Schlingensief neben mir. Erleichtert sieht er aus, die wichtigsten Szenen sind im Kasten. Ob er mich zu einem kleinen Versöhnungshappen einladen kann, fragt er mit spitzbübischem Lächeln. Ich muss ihn misstrauisch gemustert haben. Wie die Leute hier denn essen sollen, frage ich ihn, es gibt ja keine Teller. ,,Ja aber die haben doch – hier”, sagt er und zeigt auf seine hohlen Hände. Jetzt bin ich sauer.

Am folgenden Tag erzählt Schlingensief dem Radioreporter, dass er die Szene mit der ,,komischen” deutsch-namibischen Journalistin am Kochtopf auf Kamera hat und in seinen Film einbauen will. Aha. Vielleicht hat so wenigstens eine Windhoeker Hobby-Schauspielerin noch den Weg in den Film gefunden.