»BUNUEL HAT ES SPASS GEMACHT, FRAUENBEINE ZU SEHEN« (NZZ)

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Seine 2008 in Duisburg begonnene autobiografische Trilogie führt Christoph Schlingensief am Wiener Burgtheater fort. «Mea culpa», die «Readymade-Oper» in drei Akten, entsteht als Work in Progress.

Werkstatt

Es ist eine Szene der Rührung. Mit kleinen, unsicheren Schritten tappt ein greiser Laienschauspieler dem Burgtheater-Riesen Joachim Meyerhoff entgegen. «Christoph!» – «Papa!», tönt es von der Probebühne. Vater und Sohn begegnen einander im Himmel, und die Frage steht im Raum: «Was macht man, wenn man sich nach eineinhalb Jahren wieder sieht und der eine tot ist?»

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Mehr loben als tadeln – Christoph Schlingensiefs neue Devise. Probenbild.
(Foto: Georg Soulek)

In der abgedunkelten Halle des Wiener Arsenals sitzt Christoph Schlingensief hinter seinem Regiepult und schaut milde in die Szene. Noch einmal läutet der Provokateur die Glocken seiner «Kirche der Angst», doch anders als in Duisburg vor einem halben Jahr ist das neue Burgtheater-Stück kein Requiem für einen Untoten. Es soll «chaotisch und albern» werden. «Halleluja», singt jetzt der Chor. «Noch ein bisschen kräftiger und hysterischer» hätte der Regisseur das gerne.

Profane und heilige Messen

Von ihm selbst handelt Christoph Schlingensiefs Burgtheater-Projekt, das am 20. März Premiere hat und vorerst den Arbeitstitel «Mea culpa» trägt. Welche Schuld kann denn ein an Lungenkrebs leidender Nichtraucher auf sich geladen haben?, fragt Schlingensief. Das Martyrium seiner Krankheit hat der Multikünstler in einer Weise öffentlich gemacht, dass die Arbeiten wie ärztliche Bulletins wirkten. Noch einmal dröhnt in Wien das Beuys-Zitat mit schwerem Hall durch den Saal: «Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.»

Wie in Schlingensiefs Bayreuther «Parsifal» ist es ein grob gezimmertes Gebäude, das da auf der Drehbühne steht. Die Stationen des Dramas ziehen vorbei. Ein Speisesaal und eine Kathedrale, zerwühlte Krankenbetten und ein Schreibzimmer. Um Wellness und ums Totsein geht es in «Mea culpa», um profane und heilige Messen. Auf den Holzplanken steht «Wegen Unsterblichkeit geschlossen» oder «Glaube Liebe Mistel». «Mea culpa» ist eine «Readymade-Oper», die ihren Synkretismus in aller Lust vorführt. Elfriede Jelinek und Friedrich Nietzsche, Wagner-Musik und afrikanische Trommeln sollen zu einem Stück kompiliert werden, das in der Probenarbeit immer noch entsteht. Texte werden erst formuliert, ein anschwellendes «Niadiadiadiadiii» des Chors muss zur Nietzsche-Szene passen.

Die Arbeiten mit der Oper, seine Erfahrungen mit Wagners «Parsifal» und Walter Braunfels’ «Jeanne d’Arc» haben Schlingensiefs Rhythmus verändert. Als würde er die Bilder hören, bevor er sie sieht, setzt der einstige Radaumacher auf die Musik. Im Himmel von Schlingensiefs neuer Transzendenz erklingt jetzt Wagners «Tristan». Die seriellen Kompositionen von Moondog passen zum Flackerlicht der Projektionen. Bilder von halb abstrakt wirkenden Krebszellen beleuchten die Szene oder Ausschnitte aus dem Werk von Wim Wenders. Der Regisseur ist nicht mehr der Berufsjugendliche der Provokation, das Kind in ihm aber lebt: «Irgendwie ist es mit der Musik wie in Kindertagen. Kassette zusammenstellen, Kopfhörerchen aufsetzen und dann Verfolgungsjagden im Kopf haben oder Actionfilme. Mit der Musik kommen die Bilder.»

Schmäler und ruhiger ist Christoph Schlingensief geworden. Grauer als bisher stehen ihm die Haare vom Kopf. Die bösen Launen der vor über einem Jahr diagnostizierten Krebserkrankung haben den 48-Jährigen einen Lungenflügel gekostet. Nach einer Embolie war er dem Tod nahe, dann kamen die Metastasen zurück. Seit Jahresende weiss Schlingensief, dass die Metastasen verschwunden sind. Auch wenn die Depressionen und die von den Medikamenten verursachte Appetitlosigkeit geblieben sind, ist das ein Schlag gegen alle Prognosen und Anlass zur Hoffnung. Dem Himmel seines Stücks ist Schlingensief vielleicht wieder ferner: «Ab dem zweiten Akt wird es sehr ruhig hier. Langsam haben die Schauspieler gemerkt, dass das alles auch Geister sind. Die sind ja alle schon tot, nur Christoph nicht. Dem Christoph im Stück wird gesagt, du bist hier im Himmel, aber da gibt’s auch Theater, und du darfst inszenieren. Er denkt aber: Macht mal lieber alleine weiter, ich komme später mal hier oben vorbei. Das wäre jetzt so meine Haltung.»

Im Jenseits hofft Schlingensief dereinst wenigstens gute Gesellschaft zu haben. «Buñuel im Himmel zu treffen, da wär ich scharf drauf, weil der seine Figuren auch ganz liebevoll beschreibt. Buñuel hat es Spass gemacht, Frauenbeine zu sehen, aber er wollte auch die Auflösung des Menschlichen zeigen. Die Leute bei ihm sind sehr alleine. Ich fühle mich den Filmen sehr verbunden.» In diesem Sinn sind die Schauspieler bei Schlingensief «Leidensbeauftragte». Selten weicht seine neue Sanftheit der Ungeduld. «Denkt doch bitte mal ein bisschen voraus», heisst es dann in Richtung Bühne, wo Irm Herrmann, Fritzi Haberland, Mira Partecke und Joachim Meyerhoff stehen. «Beuys hat gesagt: Mehr loben als tadeln! Ich will im Moment weniger einschenken und will auch weniger einstecken müssen. Ich war auch auf dem Trip, immer alles runtermachen zu müssen, weil man dann interessanter ist. Man findet mich komischerweise jetzt schon in den Inszenierungen von Luc Bondy. Sein LEAR hat mich beeindruckt, weil die Töne ganz leicht in mein Ohr gekommen sind.»

Zwischen Zorn und Spiritualität

Der Arbeitstitel seines neuen Werks mag von Schuld handeln, seine Schuldigkeit aber hat Christoph Schlingensief noch nicht getan. Aus dem Festspielhaus irgendwo in Afrika soll noch etwas werden. «So etwas wie Bayreuth, nur ganz aus Lehm!» Deutschland, sagt Schlingensief, könne ihm gestohlen bleiben: «Was gibt’s da noch für Themen ausser der Pendlerpauschale. Ich sitze vor dem Fernseher und denke mir: Meine Zeit ist wirklich anders strukturiert. Was reden die Leute da? Man kann das doch alles in drei Sätzen sagen. Auch im Theater.» Eine Opel-Oper von Christoph Schlingensief wird es nicht geben. Auch wenn es aus Bayreuth Signale gibt, der Regisseur könne dort vielleicht 2016 wieder etwas machen, hat er keine Lust, auf diesen Feldherrenhügel der deutschen Hochkultur zurückzukehren. Die Gespenster der Vergangenheit sieht der Regisseur in Bayreuth ihr Wesen treiben. «Dort sitzt für immer der Hitler und spielt schon mal die Götterdämmerung durch», hat Schlingensief dieser Tage in einem Zeitungsinterview gesagt.

Um andere Formen des Jenseits wird Schlingensiefs Wiener Stück kreisen. Es entsteht zwischen Zorn und Spiritualität. Er habe im Krankenbett im Werk des Künstlers Dieter Roth gelesen und sich bei Beuys über das «Leidwesen» informiert, sagt Christoph Schlingensief. Am Pathos arbeitet der aufklärerische Antirationalist wie ein Schreiner. Man muss sehen, wie es gemacht ist und woher es kommt. Das Spirituelle will er gerne gelten lassen. «Der Künstler darf nur nicht sagen: Hey, ich hab mit Gott gesprochen, und ich sag euch jetzt was.»

Schlingensiefs grosses Tremolo der Angst, das noch seine letzten Stücke bestimmt hat, ist möglicherweise einem heiligen Zittern gewichen. Auf der Probebühne stirbt die Figur der Elfi, sie sackt vor dem versammelten Schlingensief-Pandämonium zusammen, während das Licht die Szene wie ein altmeisterliches Tableau wirken lässt. «Als Kunst ist es okay», sagt der Christoph des Stücks. Wo endet das Leben, wo beginnt die Kunst? Wo ist die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits? «Ohne Gehampel! Wie Geister!», brüllt Schlingensief seinen Schauspielern im Dunkel der Halle entgegen. «Und bitte mehr Knattermusik!»

Text: Paul Jandl; Neue Züricher Zeitung, 13.03.2009