EIN FESTSPIELHAUS IN AFRIKA (3SAT)

Veröffentlicht am Autor admin

Christoph Schlingensief auf Ortsbesichtigung in Kamerun. Donnerstag, 29.01.2009 ab 19.20 Uhr in 3sat Kulturzeit

Als Regisseur Christoph Schlingensief Anfang November 2008 auf einer Berliner Veranstaltung im Hebbel am Ufer sein Vorhaben verkündete, ein Festspielhaus in Afrika zu eröffnen, signalisierte das Goethe-Institut unmittelbar seine Unterstützung für diese Idee, denn es will seine Arbeit auf dem Kontinent verstärken. Christoph Schlingensief verfolgt diesen Plan schon seit längerer Zeit. Zu Beginn des Jahres 2009 war es soweit.

Trotz seiner Erkrankung reiste Christoph Schlingensief gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Aino Laberenz nach Kamerun, um einen Ort für ein Festspielhaus zu suchen. Schlingensief ist fasziniert von Afrika – und von der Oper. Beides will er nun zusammenbringen. Zwischen Bayreuth und Afrika sieht er sowohl bei den Bauwerken, als auch bei den Kostümen Parallelen. „Wer hat hier wieder von wem geklaut?“, fragt er. „Wir müssen einen Ort schaffen, indem wir etwas Afrika klauen, so die Idee.“

In Douala, der größten Stadt des Landes, erkundet Schlingensief bei drückender Hitze geeignete Bauten und Plätze. Sein Traum ist eine Begegnungsstätte für Afrikaner und Europäer. In Afrika soll er wahr werden. Ein Jahr sind die Krebsdiagnose und die Operation jetzt her. Der Trip nach Kamerun ist seine erste große Reise nach alledem. Gerade in der Auseinandersetzung mit der Krankheit, ist der Wunsch von einem Festspielhaus so etwas wie zur inneren Notwendigkeit geworden. „Dieses Projekt habe ich schon länger gehabt“, berichtet Schlingensief. „In der Nacht vor meiner Operation, als ich noch gar nicht wusste was passiert“, habe eine Rechtsanwältin sein Testament aufgeschrieben, berichtet Schlingensief. An dem Afrikaprojekt „hing so viel an Sehnsucht, dass ich gesagt habe, das ist mein Projekt, darum geht es mir. Weil ich mich auch frage, was ist der Sinn dieser Arbeit, was war der Sinn. Ich glaube, ich wollte den Leuten einfach nahe bringen, dass viele Sachen nicht im Perfekten existieren, dass das Leben aus dem Unperfektem entstanden ist und trotzdem ein hoher Grad an Perfektion entsteht.“

Nahezu ideal erscheint Schlingensief ein ehemaliges, inzwischen verfallenes Kolonialhaus. Es gehört der Familie von Marylin Douala Bell. Die Leiterin des einzigen Kunstvereins in der Stadt zeigt der kleinen Expeditionsgruppe die maroden Pagoden. Das verfallene Haus ist außerdem besetzt und Christoph Schlingensief sofort begeistert. Christoph Schlingensief ist und bleibt ein Visionär, auch auf dieser anstrengenden Reise. Ein Suchender, der alles aufnimmt und sich alles vorstellen kann. Während er das Haus betrachtet, meint er: „Da, wo der Ventilator steht, da sitze ich dann immer.“

Douala Bell: Die Kunst verleiht visionäre Kraft

Die Idee von einem Festspielhaus als kulturelles Zentrum begeistert nicht nur die Gäste aus Deutschland. Auch Marylin Douala Bell ist davon eingenommen. „Diese Idee des Festspielhauses ist sehr gut“, sagt sie. „Wir haben hier so etwas nicht. Ich glaube auch, dass die Welt der Künste ein Universum ist, das dem Menschen etwas Grundsätzliches gibt: Sie verleiht den Menschen ihre visionäre Kraft. Sie vermittelt Mitmenschlichkeit und menschliche Würde. Ein Opernhaus, so wie es Christoph Schlingensief vorhat, wäre eine gute Gelegenheit diese Sensibilität zu entfalten, zu vermitteln.“

Mitgereist sind auch Peter Anders vom Goethe Institut, das das Projekt unterstützt, und Matthias Lilienthal vom Theater Hebbel am Ufer. In der Millionenstadt Douala gibt es noch nicht einmal ein Theater. Um so elementarer sind solche Vorhaben. Schlingensief glaubt deshalb, dass die Zukunft des „Transportmittels Kultur“ darin bestehe, zu sagen: „wir machen das zusammen und dann hat jeder seine Erinnerungen daran. Diese Erinnerung transportiert sich wie ein Virus, der variiert sich permanent.“

Peter Anders: Kunst als Dialogform

Peter Anders vom Goethe-Institut in Johannesburg meint: „Das, was ich schätze, ist die Anbindung der Kunst an die soziale Praxis. Das ist hier natürlich in diesem Kontext von besonderer Bedeutung. Da kann Kultur Transportmittel sein als Dialogform, das heißt in der Begegnung, gemeinsame Dinge zu entwickeln als einen offenen Prozess, Oper zu verstehen.“

Marylin Douala Bell führt Schlingensief zu einer freien Fläche. Schlingensief ist von dem Grundstück begeistert. Hier schwärmte schon Douala Bells Vater von einer Oper. Ihre Familie ist hoch angesehen. Ihr Urgroßvater war König des Douala-Volks zur deutschen Kolonialzeit und Widerstandkämpfer. Er wurde von den Deutschen hingerichtet. Die Kolonialvergangenheit ist auch hier ein schweres Erbe. Die Geschichten treiben Christoph Schlingensief in seiner Suche an. Er will mehr davon hören und mehr sehen. Am liebsten sofort weiter reisen. Obwohl vieles schon hier denkbar ist.

Matthias Lilienthal, künstlerischer Leiter des Theaters Hebbel am Ufer in Berlin, erklärt: „Die Erkrankung hat extrem viel verändert. Er [Schlingensief] ist mit der Krankheit in einer Art und Weise umgegangen, indem er immer das Gegenteil von dem getan hat, was man normalerweise tut. Jetzt, in einem Moment, in dem er noch schwach ist, sich einer Strapaze wie Afrika auszusetzen, das ist das Moment, aus dem heraus er lebt.“ Ein Festspielhaus in Afrika – die Suche danach hat für Christoph Schlingensief gerade erst begonnen.

Sibylle Dahrendorf für Kulturzeit

Ausgestrahlt am Donnerstag, 29.1.2009, 19.20 Uhr, 3Sat