Sadochrist Matthäus

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Von Jörg van der Horst / Christoph Schlingensief

“Und da versammelten sich die Hohepriester und die Lebendigen im Volk im Palast der Schriftgelehrten.” Einer von Odin einberufenen Zusammenkunft der Erdgötter folgt die Anbetung unter freiem Bühnenhimmel. Die Söhne des Götterkönigs werden aus Erdspalten geboren. Dem Urchaos folgt die Schöpfung der Riesen. Der Mensch wird Licht. Die Raben des Allvaters fliegen aus, um überall auf der Welt die Bilder zu sammeln. Afrika ist der Mond. Brennende Sonnen, Ginnungagap droht. “Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird Wege finden, die sein Fuß gehen kann.” Das göttliche Auge fährt in die Kamera und segnet die begehbare Fotoplatte (Animatograph). Yggdrasil misst Raum und Zeit. Nordische Feuer, dann auf zur Schädelhöhe: “Sie nahmen die Menschen und umwickelten sie mit Leinenwand, um ein Abbild ihrer selbst zu machen.” Eloï, Eloï, lema sabachtani?

“Und es kam eine Finsternis über das ganze Land. Die Sonne verlor ihren Schein und der Vorhang des Tempel riß mitten entzwei.” Jede Belichtung benötigt das Dunkel. Der Animatograph ist die dunkle Seite der Belichtung. Das 16. Bild des Kreuzgangs. “Die Erde erbebte und die Felsen zerrissen. Und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der Entschlafenen standen auf und gingen aus ihren Gräbern in die Stadt und erschienen vielen.”

Einmal würde das Figurenspiel aufhören, die Bühnen durchdrehen. Einmal würden sie das Leben lernen. Mimir wartete auf sie. Bach wartete auf sie: die Zerschlagung des Betrachtermonopols. “Und sie sprachen: Bei einer andächtigen Musik ist alle Zeit Gott mit seiner Gnadengegenwart.”

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu: Ruhe sanfte, sanfte ruh!

Ende des wohltemperierten Theaters.[1]

[1] Die Interpretation, die sich um den musikalischen Sinn nicht kümmert, verfehlt ihn. Die Reflexion auf den Stil darf nicht den konkreten musikalischen Inhalt verdrängen und sich selbstzufrieden bei der Pose transzendenten Seins bescheiden. Sie muss der unter der klanglichen Oberfläche verborgenen, kompositorischen Struktur der Musik folgen.