KEIN NEUER FITZCARRALDO (NEUES DEUTSCHLAND)

Das in Burkina Faso geplante Operndorf ist ein europäisch-afrikanisches Gemeinschaftsprojekt

Von Fabian Lehmann

Der Theaterregisseur Christoph Schlingensief baut zusammen mit dem afrikanischen Architekten Francis Kéré in Burkina Faso ein Operndorf. Um europäischen Kulturexport geht es ihm dabei nicht, sondern eher um Kulturimport aus dem Süden und vor allem um Kulturaustausch.

Wie oft schon wurde Schlingensiefs Operndorfprojekt mit den wahnwitzigen Bemühungen des Fitzcarraldo verglichen. Jenes von Klaus Kinski gespielten Abenteurers, der sich der Idee verschrieb, in Peru ein Opernhaus nach europäischem Vorbild zu errichten. Der Film, den Werner Herzog 1982 den Kinos präsentierte, bleibt vor allem durch die Szene unvergessen, in der ein stattlicher Flussdampfer über einen Bergrücken gehievt wird.

Die Assoziation zu dem Projekt des 50-jährigen Theater- und Opernregisseurs Christoph Schlingensief liegt zunächst nicht allzu fern. Auch Schlingensief baut ein Opernhaus – vielmehr gleich ein Operndorf – ebenso fernab vom üblichen Kontext solcher Häuser. Er entschied sich, sein Opernhaus im Dorf Laongo, nordöstlich Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou, entstehen zu lassen. Zentrum dieses Operndorfes wird einmal ein schneckenförmiges Festspielhaus sein. Neben der Bühne, der Kantine und den Unterkünften für die Künstler sollen dort auch eine Schule und eine Krankenstation entstehen.

Ob Schlingensief sein Festspielhaus auch als eine Form der Entwicklungshilfe betrachtet, bleibt offen. Der soziale Anspruch an das Operndorf ist jedoch nicht zu überhören. So will er den Menschen in und um Laongo die Möglichkeit geben, sich selbst künstlerisch zu verwirklichen. Schulkinder etwa sollen mit einfachen Mitteln eigene Videofilme produzieren können, ohne dabei an ästhetische Vorstellungen der westlich geprägten Postmoderne gebunden zu sein. Es ginge ja gerade nicht darum, europäische Vorstellungen von Kunst, von Theater oder von Oper nach Burkina Faso zu exportieren.

Der Ansatz Schlingensiefs steht damit in Gegensatz zu jenem, welcher hinter der Einrichtung von deutschen Goethe-Instituten in Afrika steht. Diese Institute sollen die Verbreitung deutscher Sprache, deutscher Kultur und Kunst fördern. Schlingensief hingegen will der europäischen Kunst ermöglichen, vom Schaffen der Afrikaner zu profitieren, indem er den Kulturtransfer von Süd nach Nord fördert. So könnten etwa die von burkinischen SchülerInnen produzierten Videofilme via Internet auch dem deutschen Publikum zugute kommen. Dabei stellt das Festspielhaus in Laongo die nötige Infrastruktur und schafft ein Forum für die Kreativität der angrenzenden Bevölkerung.

Der Einfluss des Festspielhauses auf die Burkiner ist aber genauso wenig abschätzbar wie der damit zusammenhängende Erfolg des Projekts. Nationale wie internationale Unterstützung erfährt Schlingensief jedoch genügend. So ist etwa der burkinische Minister für Kultur, Filippe Savadogo, voller Zuversicht des positiven Einflusses auf das Land.

Schlingensief ist nicht, wie so oft missverständlich verglichen, ein zeitgenössischer Fitzcarraldo. Dieser Vergleich stammt aus einer früheren Schaffensphase des Opernregisseurs, als er 2007 im Opernhaus von Manaus, im brasilianischen Amazonas, Wagners »Fliegenden Holländer« inszenierte. Solche Vorhaben sind aber passé. Scheiterte denn Fitzcarraldo nicht gerade deshalb, weil er die lokale Bevölkerung des Amazonas benutzte, um seinen Traum einer klassischen europäischen Oper in Peru zu verwirklichen? Der Schlingensiefsche Ansatz ist nun ein grundsätzlich anderer, da nicht europäische Kultur nach Afrika transportiert werden soll, sondern im besten Fall das genaue Gegenteil geschieht.

Quelle: Neues Deutschland vom 17.8.2010