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Den Mythos weitererzählen


Verschärft, angereichert, beschleunigt: Christoph Schlingensiefs Bayreuther "Parsifal"-Projekt ist im zweiten Jahr auf dem Weg zur Kult-Inszenierung


Frankfurter Rundschau vom 04.08.2005. Von Hans-Klaus Jungheinrich.


Die Bayreuther Festspieltradition rühmt sich, mit den jeweiligen Neuinszenierungen nichts Endgültiges abzuliefern, sondern die Ergebnisse so weit offen zu halten, dass in den Folgejahren so etwas wie ein work in progress deutlich wird. Der sarkastische Prototyp dieser Verfahrensweise war vielleicht in den Zeiten der Studentenunruhen Götz Friedrichs Tannhäuser auf dem Grünen Hügel mit der exzellenten Premieren-Provokation des exakt beim Kulminationspunkt zu dem chorischen Huldigungs- "Heil" für den Landgrafen (im 2. Akt) entbotenen kollektiven Hitlergrußes. Die emphatisch nach oben gerissenen vielen Arme wurden im zweiten Jahr schon etwas schwungloser geführt, in späteren Wiederaufnahmen dann noch unauffälliger, bis keine Spur mehr von der anfänglichen Schockwirkung merklich war. Wenn man wollte, konnte man in der Genese dieser Geste auch die Kurzbiographie des Künstlers und Theatermannes Götz Friedrich erkennen.

Bei Christoph Schlingensiefs jetzt im zweiten Jahr auf die Bühne gebrachten Bayreuther Parsifal zeigte sich eher umgekehrt eine Verschärfung. Gegenüber dem ersten Anlauf wurde die Schraube deutlich angezogen. Damals gab es soviel Turbulenzen (wohl auch Gegenwind von der Festspielleitung), dass sich Schlingensief, ohnedies ziemlich hysterisiert und in Panik, nicht trauen mochte, das ganze Füllhorn seiner Einfälle und seines präparierten Filmmaterials auszuschütten. Der Erfolg 2004 machte ihm jetzt offenbar Mut. Wer hätte auch gedacht, dass der Profi-Szeniker Marthaler den Bayreuther Festspielen heuer nur einen matten Thaler spenden würde, während es Schlingensief womöglich zu seiner eigenen Überraschung schon im zweiten Jahr gelang, so etwas wie eine Kultvorstellung herzurichten, vergleichbar dem Chéreau-Ring oder dem Heiner-Müller-Tristan.

Der Pool der Mythologie

Dieser Parsifal ist relativ leicht auffüllbar und veränderbar, weil er keinen stringenten Plot, keine begradigenden Rationalisierungen enthält. Schlingensief legt seine Bühnenerzählung eher unordentlich an als einen Pool oder eine Baugrube von Motiven, wobei man immer wieder etwas ergänzen oder weglassen könnte. Der Mythos erzählt sich großzügig weiter, und dabei verwendet er vielleicht auch das eine oder andere aktuell vom Erzählenden hinzukommende Material. Schlingensief liegt wenig oder nichts an einer Entmythologisierung des Stoffes, an einer durchdringenden Kritik seiner vielfältigen obskurantistischen Tendenzen, Begleit- und Folgeerscheinungen (unübersehbar wuchern Parsifal- und Gralsmotivik ja in die trivial-geschwätzigste Esoterik-Afterliteratur). Gleichwohl widersetzt sich seine Darstellung einer eindimensionalen Verfeierlichung, weil sie das Bunte und Krause jeglicher Spielart mit enthält. Wo alle erdenklichen Häresien integriert sind, kann Orthodoxie schwerlich aufkommen. Die inklusive Naivität der Schlingensief-Vision hat ihre Meriten. Auch sie verzichtet aber nicht auf Widerhaken. Am Schluss stirbt nicht nur Kundry, sondern auch Amfortas. Und der letzte Bildeindruck - ein einsam davonschreitender Parsifal hinter dem zurückbleibenden Schatten Gurnemanz' - mutet ernüchternd fahl an. Ganz zu schweigen von der beklemmend zur chorischen Schlussapotheose gebrachten Filmsequenz des verrottenden, sich kompostierenden Hasenkadavers. Der Hase, auch zuvor in mehrerlei Gestalt ein rätselhaftes Äquivalent jener "reinen Torheit", die, durchaus vieldeutig, zu den Essenzen des Stoffes gehört.

Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr, neben zusätzlichen Filmeinblendungen, die Verdopplung einiger Hauptfiguren wie Kundry und Parsifal. Schon im ersten Amfortas-Auftritt ist ein Parsifal-Double teilnehmender Beobachter; im zweiten Akt scheint dieser Helden-Doppelgänger zu assistieren bei Klingsors teuflischen Zaubereien. Und während der eine Parsifal die sexuelle Verlockung der singenden Kundry ausschlägt, erliegt der andere denjenigen einer mädchenhafteren, stummen Kundry. Mythen erzählen sich oft auch durch ihr Gegenteil. Bei Schlingensiefs Personen-Antizipationen könnte man auch an B. A. Zimmermanns "Kugelgestalt der Zeit" denken: In vielen Anfängen ist sichtlich bereits das Ende enthalten. In einigen Fällen wirkt die Methode indes auch etwas zwanghaft als Bebilderungs-Obsession um jeden Preis. Kaum fällt im Text der Name, wird auch die zugehörige Figur sichtbar und entlastet den Zuschauer davon, sie aus seiner Vorstellung heraus zu imaginieren.

Parsifals Licht

Nach wie vor frappiert die professionelle Virtuosität, mit der Schlingensief einen perfekten synästhetischen Zusammenhang herstellt zwischen dem für sich genommen gerümpelhaft-raffiniert dosierten kinetischen Elementen, die sich einerseits abstrahierend mit Licht-Strategien verbinden (das Licht ist hier ein viel schlagkräftigerer Mitakteur als bei Marthalers Tristan), andererserits die tropisch-afrikanische Atmosphäre miterzeugen, die der synkretistischen Annäherung Schlingensiefs so wichtig ist.

Die Sängerführung gehört nicht zu den Glanzpunkten dieser Arbeit. Nach dem Desaster eines ins Konzept unintegrierbaren Parsifal-Tenors im Vorjahr sang diesmal Alfons Eberz die Titelrolle, bemerkenswert dunkel timbriert und etwas ungefüge, im zweiten Akt nach dem Kuss und zuletzt überraschend kraftvoll und konzentriert. In ihren Registern nicht ganz ausgeglichen die Kundry von Michelle de Young. Markig, ja geradezu deftig der Gurnemanz von Robert Holl. Ohne übertriebenes Pathos der Amfortas von Alexander Marco-Buhrmester. Schneidend klar die Klingsor-Diktion von John Wegner (wie ein Massai-Krieger anzuschauen). Nach den etwas beruhigten Tempi im Vorjahr kehrte Pierre Boulez nun wieder zu den beweglichen, flüssig gehaltenen Zeitmaßen seiner Jugend zurück (Dauer des Kopfaktes: nicht mehr als 94 Minuten) und zu einem silbrig-impressionistisch schimmernden Parsifal-Klang.



Pressestimmen und Kritiken zur Parsifal Inszenierung 2005

- "Den Mythos weitererzählen" - Frankfurter Rundschau vom 04.08.2005
- "Schönste Gelassenheit auf der Gerümpelbühne" - FAZ vom 01.08.2005
- "Fortdauernde Bewegung macht den Raum zur Zeit" - Stuttg. Nachr. 01.08.05
- "Viel Verstörung im Publikum" - Süddeutsche Zeitung vom 01.08.2005
- "Erlösung durch ewige Weltsehnsucht" - Der Standard vom 31.07.2005
- "Mythisches Netzhautflackern" - Der Tagesspiegel vom 31.07.2005
- "Weltabschiedswerk in heiterer Zartheit" - Fränkischer Tag vom 01.08.2005
- "Schlingensiefs Parsifal spaltet das Publikum" - dpa vom 30.07.2005
- "Lautstärke bei Schlingensiefs Show" - Die Presse vom 01.08.2005
- "An der Seele reißen" - Die WELT vom 01.08.2005
- "Punk-Poetin trifft Theater-Rebell" - Nordbayerischer Kurier vom 01.08.2005
- "Erlösungsutopie aus Kulturpessimismus" - Landshuter Zeitung




Materialübersicht zu Schlingensiefs Parsifal Inszenierung

- Parsifal Bildergalerie 2007 - Fotos der vierten und letzten Spielzeit 2007
- Parsifal Pressespiegel 2007 - Pressestimmen zur vierten und letzten Spielzeit
- Parsifal Pressespiegel 2007 (PDF) - Gesammelte Rezensionen als PDF-Datei
- "Schlingensief ist für mich der reale Tannhäuser" - Interview Philippe Arlaud
- Schlingensief träumt vom "Tristan" in Bayreuth - Schlingensief im Gespräch
-  "Meistersinger" 2007 - Radiokritik zu Katharina Wagners Debut in Bayreuth
- Probengalerie Parsifal 2007 - Fotos der Vorbereitungen zum Parsifal 2007
- Parsifal Bildergalerie 2006 - Fotos der dritten Parsifal Spielzeit 2006
- "Du hast mich inspiriert" - Interview K. Wagner / C. Schlingensief (23.07.07)
- "Opera Review" - A Personal Experience at Bayreuth by David W. Kline
- "Der erweiterte Wir-Begriff" - Boris Groys und Carl Hegemann zum Parsifal
- "Werkstatt Bayreuth" - Carl Hegemann zur Non-Rekralisierung
- "Begegnungen der vierten Art" - Schlingensiefs Zeitreisen, von Jörg v.d. Horst
- "Das Licht kommt von innen" - Jean-Marie Thiers zur Parsifalinszenierung
-  Boulez in Deutschlandradio - Pierre Boulez zur neuen Parsifalinszenierung
- Parsifal Bildergalerie 2005 - Fotos der zweiten Parsifal Spielzeit 2005
- "Alles schreit" - Notizen zur Parsifal-Inszenierung von Carl Hegemann
- "Der erweiterte Hasenbegriff" - Drei Essays zum Parsifal, div. Autoren
- "Wege zu Parsifal" - Kaum noch Illusionen über die Illusion. Von P. Boulez
- "Zum Raum wird hier die Zeit" - Ein Beitrag des Schriftstellers Peter Nadas
- "Der Todestag" - Christoph Schlingensief im Interview mit der FR (2004)
- "Weehee, Weheee" - Schlingensief im Interview mit dem Tagesspiegel (2004)
- "Ein metaphysisch obdachloser Metaphysiker" - Interview mit der SZ (2004)
- Parsifal Pressespiegel 2004 - Pressestimmen zur ersten Spielzeit 2004
- Parsifal Bildergalerie 2004 - Fotos der ersten Parsifal Spielzeit 2004
- Bayreuther Festspiele - Offizielle Homepage der Bayreuther Festspiele
- Parsifal Libretto - Libretto zu Richard Wagners Parsifal als Onlineversion

Bayreuth Dossier

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   2007 als PDF


- Philippe Arlaud über
   Schlingensiefs Parsifal

- Schlingensief träumt
   vom "Tristan" in
   Bayreuth

-  Deutschlandradio zu
   K. Wagners Debut

- Gespräch K. Wagner /
   C. Schlingensief (FR)

- Parsifal Review
   by David W. Kline

- Groys / Hegemann:
   Der erweiterte
   "Wir"-Begriff

- Carl Hegemann:
   Werkstatt Bayreuth

- Jörg van der Horst:
   Begegnungen der
   vierten Art

- Wagnerverband
   Frankreich: Das Licht
   kommt von innen

-  Pierre Boulez
   zum Parsifal 2005


- Carl Hegemann:
   Alles schreit

- Der erweiterte
   Hasenbegriff

- Peter Nadas: Zum
   Raum wird hier die Zeit

- Pierre Boulez:
   Wege zu Parsifal


- FR Interview mit
   Schlingensief (2004)

- Der Tagesspiegel
   Interview mit
   Schlingensief (2004)

- SZ Interview mit
   Schlingensief (2004)



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Externe Links

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- Parsifal Libretto





Parsifal
Inszeniert von Christoph Schlingensief
Bayreuther Festspiele
2004 − 2007

Dirigent: Pierre Boulez

Inszenierung:
Christoph Schlingensief

Chorleitung:
Eberhard Friedrich

Bühnenbild:
Daniel Angermayr, Thomas Goerge

Kostüme: Tabea Braun,
Aino Laberenz

Video:
Meika Dresenkamp, Monika Böttcher

Lichtdesign:
Voxi Bärenklau

Künstlerische Mitarbeit: Carl Hegemann

Darsteller:
Amfortas: Alexander Marco-Buhrmester; Titurel: Kwangchul Youn; Gurnemanz: Robert Holl; Parsifal: Alfons Eberz; Klingsor: John Wegner; Kundry: Michelle de Young; 1. Gralsritter: Clemens Bieber; 2. Gralsritter: Samuel Youn; 1. Knappe: Julia Borchert; 2. Knappe: Atala Schöck; 3. Knappe: Norbert Ernst; 4. Knappe: Miljenko Turk; Klingsors Zaubermädchen: Julia Borchert, Martina Rüping, Carola Guber, Anna Korondi, Jutta Maria Böhnert, Atala Schöck; Altsolo: Simone Schröder

Webredaktion:
Jörg van der Horst, Patrick Hilss