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Augentropfen für den Märtyrer


Nicht allein der Herd qualmte, auch eine Pute und der Künstler selber standen unter Dampf.

Kölner Stadtanzeiger, 16.3.05. Von Frank Olbert.


Christoph Schlingensief, dies muss einfach festgehalten werden, ist ein miserabler Koch. Die Pute, die er mitsamt Karotten, Fenchel, Lauch, Zwiebeln und zwei Gläsern Mango-Chutney im Kölner Schauspielhaus zubereitet, stinkt zum Bühnenhimmel, der Herd qualmt. Am Ende liegt der Vogel auf dem Boden, inmitten der Scherben eines Römertopfs. Eine Appetitverderberei à la Schlingensief, ein Theatertrümmerhaufen mit unangenehmem Geruch.

So weit, so erwartbar. Warum sollte Schlingensief als Koch gelingen, was er in anderen Rollen eben so wenig schafft: etwas zu Ende zu bringen. Als Politiker hat er schließlich auch keine Partei gegründet, die sich zu dauerhaftem Wahlerfolg aufgeschwungen hätte, als Talkmaster im Fernsehen hat er seine Gästerunden regelmäßig gesprengt, statt einen sinnvollen Satz aus ihnen herauszukitzeln. Dafür haben wir ihn geliebt, für dieses Unfertige, Rebellische, für dieses Spiel mit Wirklichkeit und Medien, dem noch der doppelte Boden viel zu wenig schien. Bei Schlingensief wusste man nie, woran man war, und diese Irritation wirkte weit faszinierender als sein ganzer Habitus des Theaterzertrümmerers und Provokateurs.

Doch der Schlingensief, der nun nach Köln kam, sich über die Pute hermachte und danach durch die Lande tourt wie ein Rockstar, dieser Schlingensief ist ein anderer geworden. Einstmals hatte er ein Ziel, einen Gegner - Möllemann, dessen Äußerungen zu Israel er in nordrhein-westfälischen Fußgängerzonen attackierte, das Asylrecht, um das es in einem Container vor dem Wiener Burgtheater ging, das verlogene Auschwitz-Gedenkwesen, das er in "Rocky Dutschke 68" auseinander nahm. In seiner neuen Performance "Schlingensief intim" geht es in erster Linie nur noch um eines: um Schlingensief selbst.

Daran ändert nichts, dass er sich Mitspieler auf die Bühne holt, Videofilme und Musik abspielt und eine wahre Fülle von Themen in seinem Programm unterbringt - von der Flick-Collection über Hartz IV bis hin zu seiner Bayreuther Inszenierung inklusive eines selbstverständlich erfundenen Briefwechsels mit den Wagners sowie dem Parkplatzwächter auf dem Grünen Hügel. Letzterer hatte sich über Schlingensiefs fehlerhaft abgestelltes Wohnmobil mokiert. Im Grunde sind all diese Figuren, Bilder und Anekdoten auf der Bühne Projektionen seiner selbst - und seines Zweifels an der Kunst.

Ahnherr Beuys

Als Ahnherrn ruft er - wen wohl? - Joseph Beuys herbei, der in einem Film schon zu sehen und zu hören ist, bevor Schlingensief überhaupt die Bühne betritt. Mit verschwitzter Oberlippe und kühn nach vorne gekämmtem Restscheitel nahm Beuys in den 60er Jahren an einer Diskussion teil, in der es unter anderem um ein totes Schwein im Theater ging - so viel zur Tradition von Tierkadavern auf der Bühne. Und so viel zur Tradition voller Häuser: So drangvoll wie in dem Vorlesungssaal in den 60ern ging es auch im Schauspielhaus zu, das der großen Schlingensief-Gemeinde offensichtlich mehr Karten verkauft hatte als Plätze vorhanden waren. Oder gehörte es mit zur Performance, das im endlich geöffneten Orchestergraben Zuschauer Platz nehmen durften, die später auf die Suche nach herabgerollten Möhrenstücken gingen?

Gemüse und Fettflecken: Mit Beuys jedenfalls verbindet Schlingensief das Interesse an Lebensmitteln, aber auch der Sinn für den Auftritt, für Pathos und (Selbst-)Stilisierung. Voller Inbrunst berichtete er davon, wie Beuys, von einem Gegner seiner Kunst blutig geschlagen, ein Kreuz hervorholte und es, einem Märtyrer gleich, in die Höhe reckte. Woher hatte er in dieser Situation das Kreuz, wieso konnte er sich derart perfekt inszenieren? Gleichgültig: Kunst soll mehr sein als die Wertgegenständesammlung der Flick Collection, die jeden Hartz-IV-Empfänger ob ihrer Preise in die Hoffnungslosigkeit treibt. Sie soll empfundenes Ritual sein, echtes Leiden wie beim blutigen Beuys.

Und so schritt Schlingensief nicht allein zum symbolischen Tieropfer, indem er seine Pute zersägte, so holte er sich nicht nur bei 190 Grad unter "Aua-aua"-Geschrei Brandblasen, indem er den Römertopf mit bloßen Händen hin und her schubste. Zum Abschluss seiner Show betrat er als eine Mischung aus Rotarmist, Mitglied der königlichen Garde, Pute und Heavy-Metal-Frontmann die Bühne, angetan mit Plateaustiefeln, Tarnwams und feuerrotem Kopfschmuck, blickte wirr, rief Worte wie "Pathos" und stellte mit seinem Braten eine ziemliche Schweinerei an. Derart gerieten Ritual, Tieropfer und Leiden letztendlich zu einer Herausforderung an das Reinigungspersonal des Schauspielhauses.

Für Schlingensiefs eigene Verhältnisse blieb das Ritual eher rituell. In seinen besten Momenten gelang es ihm stets, die Aufplusterungen des Kulturbetriebs, das dröhnende Rauschen mancher Medienmaschine als Unsinn zu demaskieren - und er war dabei viel unterhaltsamer als die Talkshows, die er aufs Korn nahm. In "Schlingensief intim" konfrontiert er den Rummel um Bayreuth oder die Flick Collection mit dem Schicksal seines erblindeten Vaters, den ganz andere Probleme plagen als Parzival, oder mit seiner eigenen Furcht vor dem Grünen Star, den er kurz vor neun wie jeden Tag um diese Zeit mit Augentropfen bekämpfte. Das alles bewegt sich auf einem Niveau, dass man sich am liebsten bei den Bierflaschen auf der Bühne bedient hätte - doch inszeniert war es mit einer Botschaftshuberei und auch mit einer Distanz zum Publikum, die Schlingensief selbst in jenen Kulturbetrieb entrückte, den er anprangerte.

Es ist zum Heulen: Nach all seinen Bemühungen, die Bayreuther zu bekehren oder doch wenigstens Intendant des Deutschen Theaters zu werden, beugt sich ein frustrierter Schlingensief über seine Wunden und eine angebrannte Pute, beklagt Sinnentleertheit, griemelt über seine eigenen Scherze und will zurück zu den magischen Wurzeln der Kunst. Das Schlimme daran ist, dass er all dies im Ton eines amerikanischen Fernsehpredigers tut, der im Nebenberuf auch Fernsehkoch ist - und fürchterlich langweilt. Und kocht.



Weiterführende Artikel zur Fickcollection, A. Hipler

- "Pute als Lebenskunst" - Bericht vom Auftakt in der Schorndorfer Manufaktur
- "Colonia Dignidad" - Ein heißer Fickcollection-Abend im Schauspielhaus Köln
- "Verwandlungsszenen" - Die Fickcollection in der Münchner Muffathalle
- "Koordinaten" - Vierter Tagesbericht - zu Gast im Schauspielfrankfurt
- "Bilderstürmer" - Bericht zum fünften Abend der Fickcollection in Hamburg
- "Putenrollbraten aus dem Römertopf" - Schlingensiefs Originalrezept
- Tag 1 Bilderstrecke - Eindrücke des Auftakts in der Schorndorfer Manufaktur
- Tag 2 Bilderstrecke - Der Fickcollection Abends im Kölner Schauspielhaus
- Tag 3 Bilderstrecke - Schlingensief intim zu Gast in der Münchner Muffathalle
- Tag 4 Bilderstrecke - Bildeindrücke des Schlingensief intim Abends in Frankfurt
- Tag 5 Bilderstrecke - Fotos der Fickcollection auf Kampnagel in Hamburg
- Tag 6 Bilderstrecke - Eindrücke des zweiten Hamburger Fickcollection Abends
- Fickcollection Übersicht - Übersicht aller Fickcollection Berichte und Fotos



Fickcollection, A. Hipler - Pressespiegel

- "Sperrt ihn weg, bevor etwas passiert!" - von Cornelia Sollfrank, 22.03.05
- "Darunter steckt immer ein kluger Kopf" - Kritik aus der WELT, 19.03.05
- "Nicht die Nerven verlieren!" - Kritik aus d. Hamburger Morgenpost, 19.03.05
- "42" - Frankfurter Rundschau vom 18.03.05, von Sylvia Staude
- "Auf Plateausohlen" - Kritik aus der Wormser Zeitung, 18.3.05
- "Wenn das Chaos keine Theorie bleibt" - Kritik aus der FAZ vom 17.03.05
- "Von Wolfgang Wagner bis Pute" - Pforzheimer Zeitung vom 17.03.05
- "Augentropfen für den Märtyrer" - Kölner Stadtanzeiger vom 16.03.05
- "Parsifal mit Pute" - Kritik aus SPIEGEL ONLINE vom 16.03.05
- "Die Kunst, das sind wir" - Eine Kritik aus der FAZ vom 18.03.2005
- "Schlingensief live & intim" - Kritik aus Intro.de vom 15.03.2005
- "Kraut, Rüben und Schönberg" - Kritik, Stuttgarter Nachrichten, 15.03.05
- "Schräger Vogel an Tabascosauce" - Kritik, Stuttgarter Zeitung, 15.03.2005
- "Von Wagner bis Pute" - Kritik aus der Wiesbadener Zeitung, 15.03.2005

Weitere Artikel

- Tagesbericht 1
   Pute als Lebenskunst


- Tagesbericht 2
   Colonia Dignidad


- Tagesbericht 3
   Verwandlungsszenen


- Tagesbericht 4
   Koordinaten


- Tagesbericht 5/6
   Bilderstürmer


- Stabliste

- FAZ-Kritik, 18.03.

- Fickcollection Index

- Pute im Römertopf -
   von C. Schlingensief


   Pute im Römertopf


Bilderstrecken

- Bilderstrecke 1
   Schorndorf, 13.03.


- Bilderstrecke 2
   Köln, 14.03.


- Bilderstrecke 3
   München, 15.03.


- Bilderstrecke 4
   Frankfurt, 16.03.


- Bilderstrecke 5
   Hamburg, 17.03.


- Bilderstrecke 6
   Hamburg, 18.03.






Tourtermine

13.03.2005
Schorndorf / Manufaktur

14.03.2005
Köln / Schauspiel

15.03.2005
München / Muffathalle

16.03.2005
Frankfurt / Schauspiel

17.03.2005
Hamburg / Kampnagel

18.03.2005
Hamburg / Kampnagel