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Atta-Kunst
Die Kunst, das sind wir


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.03.2005.

Von Gerd Stadelheim.


Der Punkt, in dem Parallelen sich treffen und in dem sie aufeinander zulaufend wenigstens für einen Moment zueinanderkommen und eins werden, liegt im mathematisch Unendlichen. Im irdisch Endlichen ist dieser Punkt eine perspektivische Täuschung. Im Schauspiel Frankfurt wurde mit dieser Täuschung jetzt gespielt.

Aus diesem Loch taumelt wie von ferne oder von unendlich her ausgespiene eine Schar von Menschen, durch die Kunst gehandicapt, die auf der Bühne miteinander auf einen Kunstdiskurs einließen, der letztlich eine einzige Huldigung des Lebens an sich war. Ein neues, ein wirkliches Theater. Ein kleiner Ausschnitt aus einem noch nicht gemalten Meisterwerk, in dem sich nichts weiter als ein langer Tisch und aneinandergereihte Stühle befinden und auf dem Tisch jede Menge Whiskey-, Gin-, Sektflaschen und Gläser. Endlichkeitszeug.

So wie Moderator Arno Waschk arrangiert und Kurator Christoph Schlingensief inspiriert, ist es das einfachste und schlagendste und auch komischste Bild für "Deutschland, ein Land sucht seine (Kultur-)Mörder", oder für die "Fickcollection" - so der offizielle Titel des Abends -, ein Stück Theater (kein Theaterstück!), das mit zu den fabelhaftesten und reißerischsten aller Zeiten zählt, perfekt in allem, was Perfektion an Menschenstürzendem klassisch albträumend dramaturgisch fertigkriegt: Einheit von Ort und Zeit; drei Akte; eine Nacht, die nicht enden will; ein Besuch von Jonathan und Horst; eine Kunst- und Küchenschlacht; ein Putenmord; ein Wortspiel; ein Alkohol; ein Haß; eine Gier; offene Gesellschaft; kein Ausgang. Und der aufrichtige Versuch von ein paar Kunstkriegern, das unmöglich Unendliche zu wagen. Welch ein Abend!

Maria und Reami, kinderlos, spielen Christiane und Karin vor, sie hätten einen Traum, in dem sie ihre Kunst am Ende retten. Horst hat womöglich seine Eltern getötet, also die Vergangenheit. Und alle haben keine Kinder, also keine Zukunft - außer der Zukunft der Kunst.

"Fickcollection" ist auch die Tragödie einer geschichts- wie zukunftsverlorenen Gesellschaft, verdammt zu einer schlaflosen, ewigen Gegenwart, in der sie einander alles beichten, aber alles eigentlich nur beichtend vorspielen, jede Wahrheit voreinander verhüllen und jede Lüge einander ins Gesicht schreien unter Strömen von Whiskey, von An- und Abmache, von Jonathans dauernder Aktion "Mutter Parsifal", von Erbrechen und dem Saufen aller, von Tabubruch, wenn Horst es mit einem konservierten Hirn treiben möchte, von unendlichem Versagen und von Sehnsucht. Erstaunlich, wie Christoph Schlingensief sich zurückhält und zu einem von vielen erklärt.

Alle kleben zusammen, keiner hat mit dem anderen zu tun. Jeder rast am anderen vorbei. Ein Parallelen-Mysterienspiel im Kunstsumpf. Eine Theater-Tragödie als Bühnenweihefestspiel. Der Boulevard als Todestanz. Strindberg mit Cowboy-Hut. Wie alle großen Dramen hat es die Füße im Schlamm, die Köpfe im Himmel, die Seelen in der Hölle, die Herzen aber im Fegefeuer. Dies alles sieht man zusammen selten. Jetzt, in Frankfurt, morgen in Hamburg (Kampnagel, 17./18.3.) sieht man es in herzbewegender Fülle.

Die Menschlein im Frankfurter Schauspiel, die den geschnürten, luftigen, komischen Unendlichkeitsausschnitt erreichen, sind seltsam erregende und erregte Konträrwesen. Die sich nicht ergänzen dürfen. Kerstin Grassmann besteht in ihrer "Rolle" als Kerstin Grassmann fast ganz aus Zwerchfell, Brust und Bauch, wie aus einem riesigen Knoten in Herznähe, der ständig zu platzen droht: eine Frau, die soeben aus Chile, aus den Klauen des allmächtigen Sektenführers Paul Schäfer entkommen ist; Maria, die volltrunken wirkt und singt, weiter trinken will, den Tisch umkreist wie ein augenloses, blindes, schönes, aber verkommenes Raubtier.

Gestiefelt, in leichter Bluse, verlangt Kerstin Grassmann fauchend nach einem Drink und bettelt um den Angriff eines Mannes, den sie offenbar gerne stark, überlegen, löwenhaft hätte, aber dessen Stärke, Überlegenheit und Löwenhaftigkeit, wenn er sie besäße, sie unendlich verachten würde. Eine geschlachtete Schlächterin als Liebhaberin. Eine grandios Zerrissene. Im leicht berlinisch durchhauchten Schnodderton der Grassmann, im görenhaft Ladyhaften weht hinreißend der Abgrundkältewind einer Unerreichten. Ohne Augen. Man sieht nur, wie sie ausschaut. Diese Kunst sieht hinter der Fassade genauso aus wie die Fassade selbst. Kein Bild hinter dem Bilde. Nicht, wie sie schaut. Eine blinde Figur. Ganz nach innen nur blickend.

Dafür besteht der mittlere Sohn des Plastinators und Versagers fast ganz aus Augen: tiefen, dunklen, schlaf- und fast liderlosen Irrsinnshöhlen, in denen sich dauernd das Entsetzen darüber spiegelt, daß nichts mehr hilft und nichts mehr hinreicht, daß jede Perspektive ein Trug, jedes Spiel ein Wahnsinn ist. Gelonnek scheint als Horst von Hagens schauend Löcher ins Unendliche zu reißen, in denen alles Endliche verschwindet. Er hat keine Illusionen mehr. Er ist das große, schaudernd reine Glück.

Mitten aus einer gefährlichen Stille heraus, in der er mit dem Jungaktionisten Jonathan über Männer-, Kunst- und Karriereprobleme plaudert, schreit dieser nach "Hagen, Hagen von Tronje" wie nach einer Droge, die den aufkommenden Weltschmerz betäuben könnte. Doch die Droge, die im Rollenspiel besteht, spielt keine Rolle mehr. Denn der Ernst, der unbetäubbare Schmerz, hat längst gesiegt.

Wenn Hosea Dzingirai, afrikanischer Stern am (sinn-)entleerten deutschen Theaterhimmel, ihn um einen Drink anfaucht, ihm um den Hals fällt und mit ihm tanzen will, ihn anraunzt, als sei das Raubtier die Dompteuse, die den schwächlichen Dompteur auspeitscht, wenn die beiden ihre völlig kaputte, leere Vision, ihre öden Nächte, ihren Haß überm Whiskeyglasrand der Theaterkantinen sich sozusagen vorgurgeln, Jonathan aggressiv tapsend, Hosea matt im Stuhl hängend, dann ist da kein Rest mehr, keine Verabredungsmöglichkeit, dies sei ja alles nur ein abgekartetes, ewig wiederholtes Spiel. Ihre eingebildetes Kunst scheint wirklich zu bestehen und wirklich zu Tode gekommen: für die beiden. Und für uns alle. Nicht für die Wirklichkeit. Also um so wirklicher.

Es gibt am Ende kein Ausweichen mehr in den Trost, daß man es weiter aushalten werde miteinander. Man wird in der Kunst bleiben müssen. Und die Kunst, das sind wir, nicht die anderen. Den Trost verweigert die "Fickcollection" nicht brutal und verbissen, sondern leicht, mit freundlicher, optimistischer Bitterkeit. Genial heiter bei aller Wucht und Wut. Schlingensief, gehört dem deutschen Theaterbetrieb nur randständig und deshalb entspannt ehrgeizlos an, unbekümmerter um Moden und Trends als andere.

Die "Fickcollection" als Deutschlandbild. Großartig, dann wieder trostlos. Aber immer wieder großartig.



Weiterführende Artikel zur Fickcollection, A. Hipler

- "Pute als Lebenskunst" - Bericht vom Auftakt in der Schorndorfer Manufaktur
- "Colonia Dignidad" - Ein heißer Fickcollection-Abend im Schauspielhaus Köln
- "Verwandlungsszenen" - Die Fickcollection in der Münchner Muffathalle
- "Koordinaten" - Vierter Tagesbericht - zu Gast im Schauspielfrankfurt
- "Bilderstürmer" - Bericht zum fünften Abend der Fickcollection in Hamburg
- "Putenrollbraten aus dem Römertopf" - Schlingensiefs Originalrezept
- Tag 1 Bilderstrecke - Eindrücke des Auftakts in der Schorndorfer Manufaktur
- Tag 2 Bilderstrecke - Der Fickcollection Abends im Kölner Schauspielhaus
- Tag 3 Bilderstrecke - Schlingensief intim zu Gast in der Münchner Muffathalle
- Tag 4 Bilderstrecke - Bildeindrücke des Schlingensief intim Abends in Frankfurt
- Tag 5 Bilderstrecke - Fotos der Fickcollection auf Kampnagel in Hamburg
- Tag 6 Bilderstrecke - Eindrücke des zweiten Hamburger Fickcollection Abends
- Fickcollection Übersicht - Übersicht aller Fickcollection Berichte und Fotos



Fickcollection, A. Hipler - Pressespiegel

- "Sperrt ihn weg, bevor etwas passiert!" - von Cornelia Sollfrank, 22.03.05
- "Darunter steckt immer ein kluger Kopf" - Kritik aus der WELT, 19.03.05
- "Nicht die Nerven verlieren!" - Kritik aus d. Hamburger Morgenpost, 19.03.05
- "42" - Frankfurter Rundschau vom 18.03.05, von Sylvia Staude
- "Auf Plateausohlen" - Kritik aus der Wormser Zeitung, 18.3.05
- "Wenn das Chaos keine Theorie bleibt" - Kritik aus der FAZ vom 17.03.05
- "Von Wolfgang Wagner bis Pute" - Pforzheimer Zeitung vom 17.03.05
- "Augentropfen für den Märtyrer" - Kölner Stadtanzeiger vom 16.03.05
- "Parsifal mit Pute" - Kritik aus SPIEGEL ONLINE vom 16.03.05
- "Die Kunst, das sind wir" - Eine Kritik aus der FAZ vom 18.03.2005
- "Schlingensief live & intim" - Kritik aus Intro.de vom 15.03.2005
- "Kraut, Rüben und Schönberg" - Kritik, Stuttgarter Nachrichten, 15.03.05
- "Schräger Vogel an Tabascosauce" - Kritik, Stuttgarter Zeitung, 15.03.2005
- "Von Wagner bis Pute" - Kritik aus der Wiesbadener Zeitung, 15.03.2005

Weitere Artikel

- Tagesbericht 1
   Pute als Lebenskunst


- Tagesbericht 2
   Colonia Dignidad


- Tagesbericht 3
   Verwandlungsszenen


- Tagesbericht 4
   Koordinaten


- Tagesbericht 5/6
   Bilderstürmer


- Stabliste

- FAZ-Kritik, 18.03.

- Fickcollection Index

- Pute im Römertopf -
   von C. Schlingensief


   Pute im Römertopf


Bilderstrecken

- Bilderstrecke 1
   Schorndorf, 13.03.


- Bilderstrecke 2
   Köln, 14.03.


- Bilderstrecke 3
   München, 15.03.


- Bilderstrecke 4
   Frankfurt, 16.03.


- Bilderstrecke 5
   Hamburg, 17.03.


- Bilderstrecke 6
   Hamburg, 18.03.






Tourtermine

13.03.2005
Schorndorf / Manufaktur

14.03.2005
Köln / Schauspiel

15.03.2005
München / Muffathalle

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Frankfurt / Schauspiel

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Hamburg / Kampnagel

18.03.2005
Hamburg / Kampnagel