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DEUTSCHLAND MUß HÄRTER WERDEN.
zitty Stadtmagazin, 20/02


"Bundeskanzler Westerwelle" - wenn am Morgen des 23. September aus diesem worst case scenario bittere Wirklichkeit geworden ist, dann werden sie um ihr Wahlrecht winseln, die Politverdrossenen, die Desinteressierten, die Nichtwähler. Dann aber ist es zu spät. Dann ist man zwar gerade noch mal an Stoiber vorbei geschrödert, dafür nimmt der größte staatsterroristische Akt seit Helmut Kohl seinen Anfang und wird vier lange Jahre kein Ende nehmen. Aus den Wahllokalen dringt der Geruch abgestandenen Champagners. Projekt 18 Promille. Sturzbetrunken in eine äußerst blutige Legislaturperiode. "Deutschland muss härter werden!"

Und jetzt? Jetzt spukt es allerorts. Das Inkontinenzteam um Brüderle, Gerhardt und Bundespräsident in spe Hans-Dietrich Genscher legt sich wie eine neonfarbene Dunstwolke über Berlin, also Deutschland. Im Geiste Erich Mendes hatten sie alles generalstabsmäßig vorbereitet, hatten an sich geglaubt, als alle längst vom Glauben abgefallen waren. Sonntag, 18:01 Uhr. Die erste Wahlprognose hatte Guido genügt. 49,1 %, damit konnte selbst er nicht rechnen. 18:04 Uhr der Anruf seiner Mutter, die stolz auf ihn war, ihm aber eigentlich nur mitteilen wollte, dass jetzt endlich die jüdische Großfamilie aus dem Nachbarhaus ausgezogen sei. 18:10 Uhr Jürgen W. Möllemann, der Guido drängen wollte, die Ressortverteilung erst am Dienstagabend anzugehen, da er am Montag noch kurz nach Libyen müsse. Eine einzige Gratulationskur! Bad Berlin. 18:56 Uhr, die FDP war inzwischen bei 49,9 % angelangt, der erste Anruf von der Verliererfront: Edmund Stoiber fragte an, ob man vielleicht was helfen könne, so, äh, so koalitionstechnisch... Was für eine Genugtuung! Nach all den Demütigungen und Schmähungen!

Die zehn Gebote des Neoliberalismus hatte Guido noch in einem mehrstündigen Nachtgespräch mit der Obersten Heeresleitung unter Otto Graf Lambsdorff sowie Chefagitator und Focus-Macher Markwort auf eine leicht verdauliche Parole zusammen gestaucht: "Lachen, Lachen, Lachen". Arbeitslosigkeit und Kriegseinsatz, so stenographiert Parteisekretär Hermann-Otto Solms ins Geheimprotokoll, subtrahieren sich als politische Inhalte gegenseitig bis auf Null. Das Ganze wird mit nassforschem Witz multipliziert, bleibt im Ergebnis bei Null, hat aber wenigstens totalen Spaß gemacht. Politik ist Spaß. Politik ist ein positives Nichts ("positiv" dreimal unterstrichen). Dieser Quintessenz entsprechend schnürt "Bundeskanzler Westerwelle" schon am Vormittag des 23.9. die ersten Reformpakete: 1. Die Arbeitslosigkeit wird für abgeschafft erklärt! Der überversorgte Sozialhilfeempfänger wird vom zuständigen Finanzamt ab sofort als privat krankenversicherter Unternehmer geführt. Der Modellselbständige schiebt in Wandlitz von nun an jene Einkaufswagen zusammen, die Möllemanns Vetter an den Netto-Markt hat bringen können. 2. Kriegseinsätze werden generell mitgetragen! Egal für wen, egal wohin man trägt. Das kurbelt die Rüstungsindustrie und die Satellitenwirtschaft an und mindert - ganz nebenbei - das unkalkulierbare Risiko, dass der amerikanische Amokläufer Bush seine nächste Talibahn ins Sony-Center krachen lässt. 3. Bildung fördern, Zuwanderung stoppen! Wissen wird abgeschafft, allein gegen monatliche Vorauszahlung wird an Eliteschulen noch für dumm gekauft.

In diesen frühen Stunden schwappt die Westerwelle bereits wie eine Flut in die zukünftige Reichshauptstadt. Berlin ist jetzt bereits das, was Deutschland in Kürze sein wird. Eine liberal befreite Zone. Vor Guidos heran rasendem Mobil bringen sich die Ernüchterten mit einem unbeherzten Sprung zur Seite in Sicherheit. Heute wird umgezogen! Endlich Schluss mit der miefigen Studentenbude in Bonn-Bad Godesberg, der sterilen Wohnküche im Abgeordnetenhaus. Als der Kanzler aus dem Fahrzeug steigt und die Heckklappe öffnet, bilden Schaulustige und die klassenbesten Jungliberalen, die sich noch in der Wahlnacht ad hoc in "Westerwellen" umbenannt haben, eine Menschenkette. Wie am Fließband transportieren sie Guidos Mobiliar, seine Grünpflanze und seinen Rauhaardackel ins neue Domizil.

Guidos Bodyguards, vormals Türsteher im edlen Etablissement "dix-huit", hieven das Energiebündel mit einem sanften Griff in die Lenden auf das Dach des Guidomobils, von wo er, gleich vor Ort und vor dem Volk, den Reichstagstouristen, seine Regierungserklärung abhält. 100 Tage Schonfrist sind vollkommen überflüssig. Schröder hat seinen Amtssitz durch die Hintertür verlassen. Die Bilder sind abgehängt. Doris schmeißt noch schnell ihre Bewerbung bei der Hamburger Morgenpost in den Briefkasten. Dann weist er seinen Fahrer an: "Zu Konopcke! Erst Mal `ne Currywurst."

P.S. Beachten Sie bitte: Über "Bundesaußenminister Möllemann" wurde an dieser Stelle noch gar nicht geschrieben!



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