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Das war die BRD (15) Die Fleischwurst
Süddeutsche Zeitung vom 29.03.2001 Feuilleton


Wurst verbindet, das wusste schon meine Großtante zu berichten. Für ein Stück Wurst konnte man zu Kriegszeiten bei Familie Henscheid in der Nähe von Köln zwei Tage versteckt werden. Egal ob der Wursthändler auf der Flucht vor Nazis oder als Nazi auf der Flucht war. Die Wurst hing innen im Mantel oder wurde dezent aus der Tasche gezogen. Professionelle Herbergsunternehmen brauchten nur einen Blick, um Wurst in Nächte umzurechnen.

Auch ich lernte bereits im Alter von vier Jahren, was es hieß, eine Wurst zu bekommen.

Damals, 1964, wurde ich praktisch an die so genannte Wurstnadel gehängt. Der Gang zur Wurst von Metzgerei Schweißfurth machte mich und andere Kinder süchtig. Dort trafen wir uns und warteten auf jenen Moment, an dem sich die dickste Verkäuferin mit den vollgeschwitztesten Oberarmen direkt über die Wursttheke beugte und mit den Sätzen: "Na, mein Süßer? Was haben wir denn da? Willst du Wurst, mein Kleiner?" ein verhältnismäßig großes, braun-rot-saftiges Fleischwurststück im Echtdarm über die Theke hielt und darauf wartete, dass ich es mit meinen kleinen Patschehändchen annahm und dann mit stolzem Seitenblick zu meiner Mutter reinbiss.

Für unseren Dackel Ilka war das eine Qual. Kann mich noch gut erinnern, wie er 1968 nach eben einem solchen Metzgerbesuch Selbstmord beging, indem er sich von einem Mercedes überrollen ließ. An diesem Abend hatte ich eigentlich zum ersten Mal die Nase voll von Fleischwurst und lernte, dass Fleischwurst nur dazu dient, Klassenunterschiede auf sehr unangenehme Art und Weise zu unterstreichen. Der Hund bekam Fleischwurst im Kunstdarm, den er dann erst Wochen nach Wurstverzehr mühsam aus dem Arschloch drückte. Mein Echtdarm war mittlerweile in alle Einzelteile zerlegt und alle Nährstoffe in die Kleinkindentwicklung eingebaut.

Aber egal ob Echt- oder Kunstdarm, es kommt auf den Inhalt an, und ich vermute mal, dass ich als 8-Jähriger dieselbe Wurst bekommen habe wie etwa die 68er. Und genau darauf will ich hinaus. Die Wurst von damals ist einer der Zeugen, die es leider nicht mehr gibt und die eindeutig belegen könnten, dass die Fleischwurst eines Nazis von heute nichts, aber auch gar nichts mehr mit einer Fleischwurst der 68er zu tun hat. Die Zeiten haben sich geändert. Ich habe dieselbe Fleischwurst bekommen wie Joschka Fischer, für mich sind dieselben - damals noch gesunden - Kühe und Schweine gestorben wie für Joschka, und wir wurden beide damit auf Klassenunterschiede aufmerksam gemacht. Die Wurst war ein Machtinstrument. Und genau deshalb musste sie 89 verschwinden.

In der damaligen DDR gab es nur sehr wenige Vitamine und noch weniger Mineralien. Als meine Eltern mit mir mal in der DDR zu Gast waren - mein Vater spionierte damals für den BND -, haben wir in Leipzig DDR-Fleischwurst gegessen. Schon wenige Stunden später hatten wir weiße Flecken unter den Fingernägeln. Die DDR-Fleischwurst absorbierte die letzten Mineralien und Vitamine, die Haut wurde fahl, Calciummangel setzte ein. Warum, fragten wir uns in Helmstedt. Warum sammelt mein Vater im Lionsclub Brillen für Afrika, und warum nicht Fleischwurst für die DDR?

Ab nach Indien

Schon wenige Stunden nach unserer Rückkehr in den Westen, war meine Haut wieder gut durchblutet und die Flecken komplett verschwunden.

Vitamine und Mineralien symbolisieren Reichtum, und Reichtum war dem Osten untersagt.

Also aß ich meine Fleischwurst bis 1989 alleine weiter. Aus der Spenden- und Sammelaktion ist nichts geworden. Es ging um Wichtigeres wie etwa Mode und Verzweiflung, FSK, Holger Hiller, Sounds, um geniale Dilletanten, um die Bekämpfung der kommerzialisierten Neuen Deutschen Welle und um die Frage, ob alle Grünen noch alle Fleischwurst im Schrank haben.

Sah damals nicht so aus. "Ab nach Indien" haben wir gerufen und die Fleischwurst zusammen mit "Vier Kaiserlein" einer Nürnberger Lebkuchenspezialität, in uns reingeschoben und an früher gedacht. An die Zeit als man uns abhängig gemacht hat und die Fleischtheke die Grenze zwischen Macht und Abhängigkeit war. "Die Mauer war eigentlich eine Fleischtheke", hat mir mal ein kleiner Ostdeutscher Metzger erzählt, der 1989 auf Neulandfleischwurst umstellen wollte, was aber der Vereinigungsvertrag verboten hat. Selbst am Abend der Wiedervereinigung habe ich Fleischwurst gegessen und mich geärgert, dass es auf allen Kanälen nur um Bananen ging. Kurz darauf kam es zu ersten Engpässen. Die Fleischwurst verschwand aus den Kühltheken. Ab und zu bekam man mal einen Tipp. Da ist man dann regelrecht hingerast, oft zu spät. Ich bekam damals Entzugserscheinungen, hörte von Fleischwurstdepots in der Ex-DDR und von Hamsterkäufen der Klassenfeinde.

Das hat mich stark belastet. Jeder Verlust belastet mich. Mit Überfluss kann ich gut umgehen, aber Verlust macht mich traurig. Weil es so scheiße ist, wenn man mal etwas hatte, was einen glücklich gemacht hat. Die Fleischwurst im Westen hat einen glücklich gemacht. Die Fleischwurst im Osten sicher nicht. Erst jetzt wo ich sehe, dass Westerwelle, dem man den Entzug von Fleischwurst regelrecht ansieht, nur noch alles in einen Topf wirft und das Töten von Schwarzen gleichsetzt mit ein bisschen Popohauen bei Polizisten, die noch mit Filbinger zusammen im Lager waren, dann möchte ich ihm so eine Fleischwurst oben und unten, hinten und vorne reinstecken, damit das dumme Geschwätze endlich aufhört. Das Projekt 18 der FDP wird niemals funktionieren. Dafür werde ich Sorgen. So wahr ich Fleischwurst bin!

PS: Eine neueste Untersuchung hat ergeben, dass das Verschwinden der Fleischwurst 1989 die Möglichkeit einer BSE-Erkrankung um circa 0,9 % Prozent verringert.

Von daher hat mir die DDR vielleicht sogar das Leben gerettet. Danke!

CHRISTOPH SCHLINGENSIEF



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