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SCHONEN SIE IHRE WÄHLERSTIMME!
TV Spielfilm, 42/02


"Welches Bier trinkst Du diesmal?" Wenn Sie das nächste Mal mit dieser Gretchenfrage der Fernsehunterhaltung konfrontiert werden, dann konsumieren Sie womöglich schon nicht mehr die Schmidtsche Nummernrevue für den wenigstens körperlich anwesenden Grundkurs BWL der Fernuni Hagen. Nein! Vielleicht ist es Sonntag, der 22. September, und Sie stehen mitten in Ihrem Wahllokal. Ja, in Ihrem Wahllokal - und damit mitten im Auge eines Sturms aus wählerstimmenorientiertem Politschmutz und quotengeilem TV-Staub. Hier wie dort sind Anspruch und Inhalt zur Fahndung ausgeschrieben. Das zuständige Sinneinsatzkommando (SEK) siedelt die Erfolgschancen seiner Ermittlungen bei Normal Null an. Normal eben. Politische Kultur findet nicht mehr im Stadttheater Reichstag statt, sondern ist mittlerweile auf Tournee durch die Berliner Republik:

Schröder grasst bei Maischberger, Stoiber macht bei Kerner auf Familie; Schröder jetzt schon bei Illner, Fischer beim Torwandschießen im Morgengrauenmagazin - anschließend wieder ganz staatstragend vor der Reichstagskuppel: "Wenn Deutschland den Außenminister Fischer nicht will, dann eben nicht." Eine beleidigte Leberwurst, deren Kalorien er sich dann medienwirksam von der Seele joggt; Schröder unterdes bei BamS... und Stoiber auch: Kanzler schimpft Kompetenzteamchef einen "Illusionisten", Kandidat nennt Medienkanzler einen "Schauspieler", "Wetten dass...?" kommt diesmal aus Disneyland Paris. So viel Selbstbetrachtung ist selten, Baudrillard soll vor Freude die ganze Nacht geweint haben.

Politik und Unterhaltung? Da fehlt doch noch was? Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, gutes Gewissen und Trauerkloß der FDP in einem, hält sich online den SPIEGEL vor bei dem Versuch, inhaltlich zu werden. Sie wolle nicht in einem Land leben, in dem es noch Bücherverbrennungen gebe. Ein Land, so darf festgehalten werden, in dem jährlich über 100 Nazi-Aufmärsche stattfinden und in dessen liberal befreiten Zonen schon mal ein "geklatschter" Schwarzafrikaner als Kollateralschaden verbucht wird, hat sie bislang noch nicht ins Exil getrieben. Nicht ins äußere und schon gar nicht ins innere, denn die nächste Talkshow ruft...; Jürgen W. Möllemann, Propagandist im Medienzeitalter, fallschirmspringt in das eigens zu seinen Ehren eröffnete WDR-Studio und spricht zum Thema "Eingeschränkter Antisemitismus"; allein Bundeskanzler in spe Guido Westerwelle, von allen Big Brother-Containern verlassen, darf nicht auf die Love Parade und muss sich in die TV-Duelle klagen, die uns in derart verdorrter Medienlandschaft noch blühen.

Im Auge des Sturms bleibt es derweil ruhig. Da hört man nur das dumpfe Grollen, ohne dass es das Lachen der Leidkultur übertönt. Trotzdem mittendrin statt nur dabei. Populisten aller Sender, vereinigt Euch! Nie waren sie so wertvoll wie heute. Insbesondere für den deutschen Durchschnittsabgeordneten. Politik und Entertainment sind promiskuitiv miteinander verschmolzen. Beide firmieren unter Politainment ab sofort als eine Anstalt. Es beginnt das Spiel ohne Geschmacksgrenzen. Der politische Akteur macht sich nun auch abseits der Bundesratsinszenierung die Unterhaltungsformate der Mediokratie zu eigen. Sieger ist, wer sich am unauffälligsten die Maske des Biedermenschen überstülpt - "Ich bin einer von Euch! Ausländer raus! Kennt Ihr schon den...?"

Der Stammtisch, an dem der Rattenfänger seine PR-Strategien zu Testzwecken an den anonymen Alkoholiker bringt, steht wie zufällig in der gleichen Kneipe, in der Raab & Co. ihre 1000. Ausdünstung begießen. Günter Jauch, das positive Nichts im handlichen Quizformat, lässt noch einen Kasten Krombacher springen, bevor er den Regenwald entsorgt. Das ist wahre Volkswirtschaft! Wir setzen uns blaugelbe Clownsnasen auf und spielen Politbarometer. Das genügt noch dem Bildungsbürger, um sich politisch engagiert auf dem Stand der Dinge zu wähnen. Bequem ist, wenn man trotzdem lacht. Die angestrengt aufklärenden Unterhaltungsdemokraten proben in der Zwischenzeit den Aufstand der Aufrechten. Wie gesagt: sie proben. Die Hildebrandts und Deutschmänner ersaufen im selbstgerechten Mittelmaß. Auf ihrer Kulturzentrumsbühne installieren sie sich als ewige Oppositionsbank und sind doch längst schon heimische Sitzgruppe. Auf sie lauert der Sperrmüll. Kein Herauskommen aus der Satirehaut. Die letzte politische Pointe muss im Sendeskript abgelesen werden, das Cello ist verstimmt. Maßvoll intellektuell und ein Schuss Polemik. Das Uraltkabarett frönt seiner Inkontinenz im Wächterhäuschen.

Vonnöten ist ein Ende der Spaßkultur und ihrer dauersendenden Zeremonienmeister. Notwendig ist die Rückkehr zur rituellen Streitkultur. Wir brauchen Voodoopriester, keine Fernsehpfarrer! Was klingt wie ein Schritt zurück, sind tatsächlich zwei Schritte vor. Die Medienwirklichkeiten haben mit Wirklichkeit nicht viel gemein. Wieso verstehen sich im audiovisuellen Volksempfänger alle so blendend? Weshalb äußert kein Talkmaster gegenüber seinem Gast, dass er die Schnauze voll hat vom dauernden Liebkosen? Warum antwortet ein Minister auf welche Frage auch immer nicht mal mit dem Eingeständnis völliger Ratlosigkeit? Stattdessen gütliche Einigung allerorts. Der Dämmerzustand der Allzufriedenheit verginge augenblicklich, wenn Streit- und Verletzbarkeit wiederkehrten. Dass der reine Sachstreit ohne Ansehen der Person mit besonderer Härte ausgefochten werden könnte, kommt keinem in den Sinn. Nichts darf persönlich genommen werden. Feindseligkeit wird zur Meinungsverschiedenheit zusammengestaucht, damit jeder sein Revier behält, ohne es verteidigen zu müssen. Verachtung muss ausgesprochen werden! Man muss wieder Verfluchen dürfen! Mal wieder nein schreien, einfach mal wieder aus voller Kehle schreien: Nein!!!

Haben Sie Ihr Bier schon? Stehen Sie immer noch im Wahllokal? Im Auge des Sturms?
Schonen Sie Ihre Wählerstimme!
Trinken Sie Wein!

CHRISTOPH SCHLINGENSIEF



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