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DEUTSCHLANDMUTTER
Zum Tode von Hildegard Knef
DIE ZEIT, 07.02.2002


Deutschlandmutter Hildegard Knef - je heimatloser sie wurde, desto intensiver war sie bei sich

Von Christoph Schlingensief

Meine Eltern haben Hildegard Knef nie getroffen, können sie aber perfekt beschreiben. Ihre Ausstrahlung, ihre Verletzungen gegen die Moralwaffen deutscher Wiederaufbaugemüter, ihren ewigen Kampf gegen das Sterbenmüssen, ihren besten Satz, "Ich habe mehr überlebt als gelebt!", und ihren zweitbesten Satz: "Man muss die eigene dümmliche Eitelkeit abgeben, als absolute Spende, um weiterleben zu können."

Das sind Weisheiten, die vielen Kriegs- und auch Nachkriegskindern bekannt vorkamen, auch wenn sie sie niemals so offen ausgesprochen hätten. Gerade damals, als man das Bild deutscher Frauen noch beschmutzen konnte, weil sich die größenwahnsinnige Nation auf Zwangsfortpflanzung im eigenen Käfig reduzieren musste. Heute ist alles anders! Deutsche Frau im Eimer, deutscher Mann beim Bauchtraining, den Rest scheißen die Kanäle drauf. Hauptsache durchgeimpft und abgebrüht. Was innen ist, bricht erst später aus. Bis dahin noch malen, weißen, sich verleugnen und hoffen, dass es viele neue Knefs gibt, damit man ganz vergisst, dass auch in unseren Körpern schon ein feiner Tumor wächst. Die Suche fällt schwer. Warum eigentlich? Weil Heike Makatsch zwar an Hildegard Knef erinnert, aber noch keinen Skandal, nicht mal einen kleinen Tumor hervorgebracht hat? Nicht, dass sie nicht schön anzugucken ist und auch gut spielen kann, aber zur Ikone fehlt der Krebs. Und der stellt auch die Frage: Ist es der Krebs der uns fehlt, um endlich wieder da zu sein? Kann man unserer Generation daraus einen Strick drehen?

Ich habe Hildegard Knef einmal getroffen, und eine Beschreibung fällt schwer. Damals kam sie in meine Sendung Talk 2000. Zusammen mit Sophie Rois saß sie da, war superschlagfertig und fand das ganze aus Hilflosigkeit entstandene Chaos "ungewohnt, aber großartig". Schon damals dachte ich darüber nach, was der Unterschied zwischen einer jungen großartigen Sophie Rois und einer älteren großartigen Hildegard Knef sein könnte. War es der berühmte Skandal um die nackten Brüste in Die Sünderin, als es wirklich noch Skandale gab? War es das Erlebnis, in Kriegsgefangenschaft geraten zu sein, im Gegensatz zu unserer Gnade der späten Geburt? War es der in Erfüllung gegangene Traum, nach Hollywood zu gehen, im Gegensatz zum Untergang des deutschen Films mit seinen Hollywood-Imitationsprodukten? Oder war es Hildegard Knefs ewige Hoffnung, wieder eine Heimat zu finden, im Gegensatz zu unserer Generation, die ohne Pass und mit Einheitsgeld durch die Gegend rasen kann und gar nicht mehr weiß, was Heimat eigentlich bedeuten soll? Die Knef saß da und hatte einen Rat. Das, was man sieht, ist nicht das, was es zu sehen gibt. "Das ist mein Schicksal ... Man sieht in mir, glaube ich, jemand weitaus aggressiveren, als ich es bin." Der Groschen war gefallen. Die Knef hatte es erklärt: Um sich als sauber darstellen zu können, musste man jemanden finden, der viel schmutziger war als man selbst, oder zumindest behaupten, dass es so war.

Kampf, Krebs, Kampf

Ein Prinzip, das Deutschland schon immer und gerade heute wieder gerne braucht, um die Flecken auf der Seele loszuwerden. Die Knef war so ein Fleckenmittel für Deutschland. Und immer nur zur Reinigung anderer gebraucht zu werden war ihr irgendwann zu viel. Da stand sie auf, war herb und doch charmant, bedankte sich und ging. Was soll ich also nachrufen: "Alle Achtung, Hilde!" Oder: "Scheiße, Mann, was soll jetzt werden?" Oder: "Das waren noch Zeiten?" Schwer zu sagen, aber Hildegard Knef hat ihre Arbeit gut getan.

Verwirrende Kontexte, russische Kriegsgefangenschaft, einmal Hollywood, Broadway und zurück, Filmschrott, Filmkunst, angeblicher Deutschhass, Krebs, Kampf, Krebs, Kampf, Krebs, Chansonsängerin, Schriftstellerin, Mutter, Heimatlose, Passversorgte, Deutschlands glücklichste Tragödie. Das zeichnet sie aus, das macht sie unsterblich, und ihr Tod erscheint mir deutscher als der noch bevorstehende Tod anderer älterer deutscher Schauspielerinnen, die man gerne als "Mutter der Nation" bezeichnet. Doch Knef, die "Deutschlandmutter ohne Heimat", ist die wahre Mutter der deutschen Nation. Sie ist kein Skandal, denn Skandale sind langweilig, sie ist die Wahrheit, denn die besteht aus Lüge, sie war die Oberfläche, aber taugte nicht zum Vorbild. Die Knef war und wird eines bleiben: ein Nachbild! Ganz weit hinten auf der Netzhaut. Irgendwo zwischen den Sehstäbchen und Sehzäpfchen. Dort ist sie gelagert.

Die Knef bewegte sich zwischen den Dingen. Sie zeigte ihre Brüste, und man vermutete mehr, als man zu sehen bekam, nämlich die eigene Dreckmaschine. Die zwischen den Ohren, hinter der sabbernden Fresse, die es zu verstecken galt. So etwas konnte Deutschland beim besten Willen nicht aushalten. Deutschland durfte nicht sabbern, musste glänzen, und jeder, der Obsessionen aus anderen herauslockt, ist höchstverdächtig und muss bestraft werden. Nichts wie weg. Ab nach Hollywood, da wo man mit lügenden Bildern Millionen macht. Die Knef mittendrin und immer wieder oben, aber nicht bei sich. Erfolg, aber Glück? Dann zurück "ins Reich", zurück in jene Filme, die man auch heute wieder als deutschen Film bezeichnet. Einige äußerst miese Imitationskisten ohne Obsessionen und ohne Dunkelheit, aus denen die Nachbilder wie Würmer aus der Nase kriechen. Manchmal konnte man die Knef noch riechen, dann hat sie gesiegt gegen all den Post-Ufa-Kitsch der fünfziger, sechziger und einen Teil der siebziger Jahre. Manchmal verschwand sie komplett, doch je heimatloser sie wurde, desto intensiver war sie bei sich. Zwangsläufig. Niedergeschrieben. Eigener Saft, selbst dirigiert. Ein großer Erfolg, bewundert von Millionen, die es nicht geschafft hatten, aus anderen Bildern zu verschwinden und über die eigenen zu berichten.

Und dann kam der Knall. "Ich habe mehr überlebt als gelebt!", sagte sie. Die Krankheit brach aus. Eine neue Zeit, die durch Krankheit erzeugte Zeit. Dann wenn es dunkel wird, wenn alle Pläne beendet sind, dann wachen sie auf, die noch nicht erfüllten Bilder, und bitten um Erfüllung! Dann bekommt man den Auftrag, das zu tun, was einen ausmacht, wenn man die Eitelkeit abgelegt hat. Das ist der Moment, der uns nun bevorsteht, wenn wir unsere Biografie neben die von ihr legen und sehen, dass wir mehr Zeit damit verschwendet haben, die Burg zu bauen, als darin zu wohnen.

Ich habe noch nie einen Nachruf geschrieben, aber "Liebe ist eine chemische Reaktion", sagte die Knef, "es macht Spaß, nach der Formel zu rufen". Na, wenn das kein realistisch-romantischer Ansatz war! "Von nun an ging's bergab." Das war die Knef!



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