English Deutsch Argentina
Brasil Chinese Latvijas
Foto: David Baltzer
Operndorf Afrika (Remdoogo)
Oper
Installation
Theater
Film
Aktion
Hörspiel
Fernsehen
Kolumnen
Atta-Kunst
POLITIKERENTSORGUNG
Tagesspiegel, 21.09.2002


Über Berlin und Restberlin, also Deutschland, liegt ein fauliger Geruch. Die nur noch mäßig magischen Kanäle eines Marshall McLuhan sind stark verseucht. Rund um den Reichstag herrscht Beerdigungsstimmung. Das Kanzleramt verwaist, Gerhard hat vorsichtshalber doch schon mal gepackt. Siegessicher bügelt Frau Stoiber, Mutter der Nation in spe, in der Bayrischen Staatskanzlei Edmunds Trachtenjanker auf. Joschkas Blutwerte sind nach dem letzten Wahlmarathon vollkommen im Eimer. Am Brandenburger Tor wird Guidos Spaßmobil abgeschleppt - absolutes Halteverbot in der Reichshauptstadt. Wenigstens ein Hoffnungsschimmer.

Von hier aus wollten die neoliberalen Comedians um Wolfgang Gerhardt, Klaus Kinkel und Harald Schmidt in der Nacht auf den 24. September ihrem 18 prozentigen Wahlvolk beim Erwachen zuschauen... und die übrigen 82 Prozent alsbald auf Erich-Mende-Kurs bringen. Auf dem als FDP-Sonderparteitag getarnten Treffen der Berliner Vereinsbank am 8.9., einer Parallel- veranstaltung zum TV-Duell des designierten Bundeskanzlers Schroiber, hatte Westerwelle, seine Fingernägel ins Rednerpult gekrallt, noch einmal die Vorsehung beschworen, der Bildungsreformer, der Arbeitsmarktforscher - der Bundesbeachvolleyballer. Es war Geisterstunde im Saal. Hier trafen sich die lebenden Toten aller Altersklassen. Die "Neue Generation für Deutschland", den Grundwerten ihrer Vorgänger auf das loyalste ergeben. Die Alt-68er, die auf dem Neuesten Markt ungewollt zum Porsche gekommen waren; die Verbindungsbübchen, deren Siegelringe im blau-gelben Scheinwerferlicht funkelten; die Staubsaugervertreter, die noch vor Verlesung des Kassen- berichts durch den Fachleiter für Propaganda und Populismus, Jürgen W. Möllemann, für wieder verwertbare Staubsaugerbeutel warben: "Der Sack ist brauchbar noch, aus dem dies kroch." Und mittendrin die Frauenfrontfrau Cornelia "Conny" Pieper, die liberale Quotenemanze mit Tendenz zur Multimanagerin, die sich die Haare auf ihren geweißten Zähnen extra von Starcoiffeur Udo Waltz hat frisieren lassen.

Die Übertragung auf n-tv hatte der Doris ihrem Mann nur ein müdes Lächeln abgerungen, als er gerade seine fluterprobten Gummistiefel im Keller der Geschichte verstaute und bei der Gelegenheit gleich seinen Schulatlas mit hoch brachte. Wo ist eigentlich Irak? Stoiber proklamierte "Zeit für Taten" und schaute sich in permanenter Sorge um den desaströsen Zustand seines geliebten Freistaats Deutschland zunächst einmal das Auftaktspiel des FC Bayern an.

Mit dem Urnengang am kommenden Sonntag wird er endlich zu Grabe getragen, der inhaltsleerste Wahlkampf in der Geschichte der noch so jungen Berliner Republik, die in den Gesichtern der Kanzler und -kandidaten schon extrem vergreist anmutet. "Deutschland, pack´s an!" und entsorge sie - die soldatengestützten Heereslenker, die lösungslosen Inkontinenzteamchefs, die antisemitischen Fallschirmspringer...

"Töte Politik!", Deutschland, und sehe endlich ein, dass Du die Politik bist!

"Töte Politik!", Deutschland, und sehe ein, das darf nie wieder so sein!

CHRISTOPH SCHLINGENSIEF



Weitere Beiträge und Kolumnen von Christoph Schlingensief

- INTENSIVSTATION (43 Beiträge) (FAZ, 2000/2001)
- DIE FLEISCHWURST (Süddeutsche, 2001)
- WO IST GOTT? (Tagesspiegel, 27.01.02)
- DEUTSCHLANDMUTTER - Zum Tode von Hildegard Knef (DIE ZEIT, 07.02.02)
- DEUTSCHLAND MUß HÄRTER WERDEN (Zitty Stadtmagazin, 20/02)
- POLITIKERENTSORGUNG (Tagesspiegel, 21.09.02)
- THEATER IHRES VERTRAUENS (Theater heute, 1/03)
- AKTION 18-TAGEBUCH (Süddeutsche, 24.-28.06.02)
- SCHONEN SIE IHRE WÄHLERSTIMME! (TV Spielfilm, 42/02)

Mehr von Schlingensief

- Weitere Kolumnen
- Biographie
- Newslog
- Presse
- Schlingensief Shop


Nachlass Christoph Schlingensief, Fehrbelliner Str. 56, 10119 Berlin Newsletter Kontakt Impressum Datenschutz