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WO IST GOTT? ICH BIN'S DOCH!
Tagesspiegel, 27.01.2002


Von Christoph Schlingensief

Die Frage nach Gott beschäftigt mich seit meinem ersten Auftritt als Messdiener 1966 in der Herz-Jesu-Kirche in Oberhausen. Es war sechs Uhr am Morgen und mein Kollege erschien nicht zur Arbeit. Gelernt hatte ich bei Kaplan Kuhn, einem fortschrittlichen Geist, der die Messfeier zur Vereinfachung trieb, einige Gänge am Altar abschaffte und stattdessen auf Zufall und Verständnis setzte.

Das kam mir entgegen, und prägte mich auch für meine noch folgende Film- und Theaterarbeit. Handle wie Dir Dein Dämon befiehlt. In diesem Falle war Gott der Dämon, der den Befehl im Sinne Kaplan Kuhns auf mich übertrug, im Gegensatz zu Pater Geulen, der die Messe nach alter Schule gestaltete und "leider Gottes" an jenem ersten Auftrittstag anstelle von Kaplan Kuhn erschien. Kollege weg, neue Messfeier weg, alleine und in den Händen traditioneller Abläufe. Oh mein Gott, dachte ich, lieber Gott hilf mir! Die Messe war ein Desaster. Ich raste mit dem Buch rum, brachte irgendwann den Kelch, machte Kniebeugen und stolperte zweimal über mein zu langes Gewand. Ich war erledigt. Schnell noch der Schlusssegen, dann nichts wie raus hier. Doch dann hörte ich das Gewand des hinter mir hereilenden Pater Geulen, der mich kurz vor der Sakristei am Kragen packte, zurück zum Altar schleppte, mich zur Kniebeuge zwang, mir einen Klapps gab und sagte, so ... Kniebeuge vergessen, ... und jetzt kannst du gehen! Ich rannte was das Zeug hielt und war am Ende.

Den Tränen nahe bat ich um Entschuldigung, doch Pater Geulen sagte: Pass mal auf mein Kleiner! Egal was du auch falsch machst, hier am Altar oder auch in deinem Leben, eines musst du dir merken: Der Papst bleibt bei seinem Glauben. Mit diesen Worten verschwand ich und verstand zum ersten Mal, dass Gott und der Glauben an ihn zweierlei paar Schuhe waren. Ich hatte Gott verloren, weil ich die Regeln verloren hatte. Oder besser noch, ich hatte Gott verloren, weil ich andere Regeln beachten musste als die, die ich als Regeln Gottes gelernt hatte.

Seitdem bin ich schizophren und suche nach Gott. Aus den angelernten Gebeten sind kurze Stoßgebete geworden, aus dem Zwang Gott zu gehorchen, ihm gefallen zu wollen, ist der indirekte Auftrag gewachsen, ihm Widerstand zu bieten. Ja, es geht sogar soweit, Gott bewusst zu enttäuschen, seinen Sohn als Weichei zu titulieren und sich auf Heilige zu konzentrieren, die ja immerhin mal Mensch waren, bevor sie heilig gesprochen wurden. Schwieriger Zustand, aber ich glaube, Gott versteht, wenn man ihn nicht mehr aushalten kann. Das liegt nämlich gar nicht mal an Gott, sondern an denen, die ihn vermitteln. Die Vermittlung Gottes ist das Problem. Gott ist tot! Es lebe Gott! Und zwar in mir!

Ich überlege mir ernsthaft, aus der Kirche auszutreten. Ich brauch da mal Pause. Ich überlege mir auch, nicht mehr zu wählen. Auch da brauche ich Pause! Ich habe extreme Nackensteifheit, weil ich obrigkeitshörig erzogen wurde und noch immer bin. Damit muss nun endlich Schluss sein. Ich erkläre Gott für tot. Ich gründe eine Sekte, fordere auf, die Kirchen zu verlassen und den eigenen Gott zu suchen. Denn dieser Gott wohnt in einem, ist in einem, der ist man selber! Ja, ich glaube man muss sich als Gott begreifen.



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