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DIE 120 TAGE VON BOTTROP (1996)

DER LETZTE NEUE DEUTSCHE FILM


Die letzten Überlebenden der alten Fassbinder-Zunft tun sich zusammen, um auf dem Potsdamerplatz den wirklich allerletzten Neuen Deutschen Film, ein Remake von Pasolinis "120 Tage von Bottrop" zu drehen. Schlingensief soll Regie führen, wird aber von einem gewissen "Sönke Buckmann" ersetzt, dem prompt Katja Riemann den Bundesfilmpreis überreicht. Eine Hommage an Rainer Werner Fassbinder, an die Exzentrik und den Wahnsinn einer längst vergangenen Zeit.


"Laut, schrill, obzön - fernab von Sitte, Sinn und Ordnung... Herr Schlingensief, brauchen Sie einen Psychiater" (Bild)

"Deconstructing Riefenstahl & Fassbinder: Die deutsche Krankheit Film, der Triumph des Willens zur Kömödie, all das muß totgemacht werden. Einer mußte diesen schmutzigen Job erledigen. Er hat es für uns getan." (taz)

"Wenn man Schlingensief sieht, weiß man was dem deutschen Kino, so gefällig es daherkommen mag, zumeist abgeht: Eigenart." (Michael Althen, SZ)

"Natürlich verdient Christoph Schlingensief allein den Bundesfilmpreis - für öffentlich gelebte, in Kunst verwandelte Dauerpubertät und die erfolgreiche Verschmelzung von Selbstmitleid und ernsthaften Unernst." (BZ)

"...Experimentalorgie die ihresgleichen sucht. Schlingensief's bester Film seit Jahren." (Der Standard, Wien)



INHALT

In den 12O TAGEN VON BOTTROP (1996) wendet sich Schlingensief von der (Anti-)Analyse typisch deutscher Krankheiten ab und setzt sich kritisch, mit unter auch boshaft, mit `seinem´ Medium - dem Film - auseinander.

Vordergründig ist es ein Film über die bloße Hektik, die hässliche Ökonomie des Filmemachens, ein Deutscher Tag als Pendant zu Truffauts Amerikanischer Nacht. Gleichzeitig ist es ein melancholischer Abgesang auf den deutschen Film der späten 60er und 70er Jahre, auf den sich Schlingensief immer berufen hat. Ein Abschied von gestern.

In einer Reihe von Anspielungen, Spitzen und Zitaten ist der Film auch ein Rückblick auf die deutsche Filmgeschichte als solche, der Schlingensief den zeitweiligen Anschein verpasst, dass sie keine Zukunft haben werde.

Die 12O TAGE VON BOTTROP sind erwartungsgemäß verwirrend - auch oder gerade für seine Figuren -, thematisch überladen, exzentrisch bis exzessiv, aber auch lustig. Ein Haufen ehemaliger Fassbinderakteure (Margit Carstensen, Irm Hermann, Kurt Raab, Volker Spengler) plant, den letzten neuen deutschen Film zu drehen - ein Remake des Skandalfilms Salo oder Die 120 Tage von Sodom von Pier Paolo Pasolini.

Nicht die Figur des Christoph Schlingensief, gespielt von Martin Wuttke, der zum Aufnahmeleiter degradiert wird, sondern der mit Bundesfilmpreisen überhäufte Sönke Buckmann (Mario Garzaner) übernimmt die Regie. Seine optische Ähnlichkeit mit Fassbinder hangelt wie ein Omen über dem Projekt. Der Produzent (V. Spengler), ständig in Kontakt mit seinem Agenten (C. Schlingensief) in Hollywood, ist bemüht, den Visconti-Akteur Helmut Berger für den Film zu engagieren. Der Versuch, an Zeiten des Aufbruchs anzuknüpfen, gerät mehr und mehr außer Kontrolle. Die gebeutelten Figuren pendeln zwischen Tragik und Komik:

Der AIDS-kranke Kurt Raab kommentiert Margit Carstensens Bemerkung zum Erhalt des Iffland-Ringes, dieser werde jedes Jahr an den besten Schauspieler weitergereicht, mit den Worten: "Das erinnert mich an meine Krankheit."; Produzent Volker Spengler bespringt Komparsen, während Bundesinnenminister Kanther in einer Einspielung von der Bundesfilmpreisverleihung den Katja Riemann und Till Schweiger - Heroen deutscher Filmkunst - huldigt; Irm Hermann liefert sich, in Erinnerung an gute, alte Fassbinder-Zeiten, eine Schlammschlacht mit Margit Carstensen… Letztere stürzt sich frustriert aus dem Fenster, als sie plötzlich realisiert, dass Fassbinder tot ist; Christoph Schlingensief (M. Wuttke im Gewand des Dornen gekrönten Jesus Christus) verzweifelt an seinen organisatorischen Unfähigkeiten; die größenwahnsinnige Leni Riefenstahl taucht auf dem Kamerabock auf; Irm Hermann mutiert angesichts dieses Umstandes zu Lieselotte Pulver… Und alle fragen sich fortwährend, ob und wann denn nun Helmut Berger am Set eintreffe. Gleichzeitig hetzt Agent Schlingensief mit Anzug und Handy durch das heiße Hollywood, trifft auf japanische Touristen, Udo Kier und den Regisseur Roland Emmerich. Das Filmprojekt muss schließlich scheitern, stellvertretend für den von Schlingensief todgeweihten Neuen Deutschen Film.

Hinter all diesen derben, manchmal auch komischen Gags versteckt sich eine verborgene Sehnsucht nach jener Zeit des deutschen Films. Ihr entgegen steht die momentane deutsche Film(chen)branche, die vor Wortmanns und Bucks, vor Ben Beckers und Kai Wiesingers - allesamt zu `Kunstschaffenden´ stilisiert - nur so strotzt, und für die BOTTROP nur ein müdes, ein sehr müdes Lächeln erübrigen kann. Schlingensief gesteht seinem Abbild aktueller Erfolgsregisseure, Sönke Buckmann, zu, das höchst eigene Kettensägenmassaker gedreht zu haben.

Die schmutzig und kratzig wirkenden Bilder machen allerdings eines deutlich: Die dargestellte Zeit ist antiquiert, und BOTTROP bildet ihren fulminanten Schlussstrich; ein sarkastischer Trip durch eine in ihrer Profillosigkeit und Narzissmus erstarrten deutschen Filmlandschaft, eine Assoziationskette wahnwitziger Szenen zu schmissigem Helge-Schneider-Jazz.

Mit Pasolini hat BOTTROP kaum etwas zu tun, allein die in Hundehaltung gezwungenen und an der Leine geführten Menschen aus dem Film des italienischen Neorealisten sind verarbeitet - unkommentiert und als Detail unter vielen. Der Film ist auch nicht in 120, sondern in nur fünf Tagen abgedreht worden. …Und - wen wundert es - Bottrop kommt auch nicht darin vor.



DATEN: Die 120 Tage von Bottrop

Eine Komödie von Christoph Schlingensief. Buch: Christoph Schlingensief und Oskar Roehler, Musik: Helge Schneider, mit: Margit Carstensen, Irm Hermann, Volker Spengler, Udo Kier, Helmut Berger, Sophie Rois, Martin Wuttke, Frank Castorf, Leander Haußmann, Kitten Natividad

D 1997, ca. 60 min, lautes Mono! Original Kinofassung, Farbe und s/w




 



Weiterführende Texte zu Schlingensiefs Filmen

- Portrait Schlingensief - von Dietrich Kuhlbrodt, erschienen 1989 in EPD-Film
- Christoph Schlingensief - Cinegraph Filmlexikon bis 1989 mit Ergänzungen
- Über die Filme, das Theater und die Talkshow - Georg Seeßlen




Weitere Informationen

- Seeßlen Essay
- Kuhlbrodt Essay
- Cinegraph
- Filmographie


Externe Links

- Filmgalerie 451


Filmgalerie 451
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