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Foto: Aino Laberenz
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Der tote Hase und die Bilder


Christoph Schlingensief präsentiert am brandenburgischen Schloss Neuhardenberg seinen "Animatographen"

Frankfurter Rundschau, 22.8.2005

Elke Buhr Im Zentrum ist der Hase. Er nämlich, so wusste Joseph Beuys, kann sich in die Erde graben, um sich neu zu schöpfen; ein Symbol für die Inkarnation. Christoph Schlingensief hat Beuys den toten Hasen aus dem Arm genommen, er hat ihn in Bayreuth zum Gral gemacht, und jetzt liegt der Hase in Formalin, mit einem Fischschwanz versehen, mitten in einem kaputten Auto, das Teil einer ungeheuren Installation ist, für die sich in Brandenburgs Sandboden eine Erdspalte aufgetan haben muss. Denn wie sonst sollte dieser delirierende Ort entstanden sein, auf dem nun für eine kurze Woche der Zauber des Schamanen Schlingensief eine neue Qualität erreicht?

Doch wer wie Beuys dem toten Hasen die Bilder erklären will, sollte von vorn beginnen. Wir befinden uns an der Kulturstiftung Schloss Neuhardenberg, eine Autostunde von Berlin entfernt. Von hier aus fahren die Busse los zum kleinen Flugplatz, wo es auf einer mückenverseuchten Wiese eine erste Lektion gibt: 50 000 Tote vom Ende des Zweiten Weltkriegs liegen in dieser Gegend, doziert eine Dame. Helga und Achim von Paczenski, zwei von Schlingensiefs bewährten Schauspieler-Team aus dem Behindertenwohnheim, sekundieren lakonisch. Bei den folgenden Stationen werden sie allen Hasen die Igel sein, die immer schon da sind und ihr großes Kreuz schwenken: Zwei Parsifals, wie sie reiner nicht sein könnten.

Sie kommen nicht direkt aus Bayreuth, sondern haben den Umweg über Island gemacht. Dort hat Schlingensief in diesem Sommer Erdgeister getroffen, viel Filmmaterial belichtet und die erste Version seiner theatertechnischen Neuentwicklung gezeigt, um die es jetzt auch in Neuhardenberg gehen soll, den Animatographen. Und so ist der verfallene Gebäudekomplex am Rande des Flughafens, in dem früher mal Munition gelagert wurde, nun zu Odins Parsipark geworden: Klingsor trifft Ragnarök trifft Edda, und mit Hilfe der Nasa fahren alle gemeinsam zum Himmel.

Geburt und Kondolenz: Auf Safari über das Schlachtfeld

In einem fünfzehnminütigen Vortrag hatte ein beschwingter Schlingensief das Publikum auf die Parsipark-Safari vorbereitet, mit dem Zeigestock lustig über die wirre Karte des Parcours hüpfend. Im dunklen Wald dann ertönt ein verballhornter Muezzin-Sing-Sang von einem Schornstein, irgendwo kreischt ein Schwein schrill in ein Megaphon, und schon stürzt man sich beherzt ins Abenteuer. Eng und muffig ist es, alles mit Schriften und plumpen Malereien überzogen, vollgestopft mit Monitoren und Projektoren, mit Objekten und Bildern: Man steht mitten drin im Bühnenbild (Tobias Buser, Thekla von Mühlheim), das keines ist, sondern viel eher eine Kunstinstallation wie von dem jungen wilden Maler Jonathan Meese. Eine begehbare Vagina im ersten schlägt den Bogen zu einem Mausoleum mit Grablichtern und Kondolenzbuch im letzten Komplex: Es geht um Leben und Tod, um letzte Dinge, um alles.

Auf Island hatte Schlingensief in Pingvellir gedreht, dort, wo im Jahr 930 das Althing zusammentrat, das älteste Parlament der Welt. Aus den dortigen Erdspalten quoll dem notorischen Parteiengründer die Demokratie entgegen, endlich auch sie in Form eines Mythos. Und so ist die kleinwüchsige Karin Witt, mit blonder Perücke angetan, in den Filmen wie auch real abwechselnd Edda und isländische Präsidentin - wenn sie nicht gerade als blumenbekränzte Wagner-Figur durchs Laub tanzt.

Wer allerdings auf dem Brandenburger Schlachtfeld gräbt, findet keine Demokratie, sondern das vergossene Blut des 20. Jahrhunderts - und so tanzt der Mundharmonika spielende Maniker Horst Gelloneck als SS-Mann herum, ein echter Wernher von Braun schweißt seine V2 zusammen, und eines der letzten Bilder, das man mitnehmen wird, bevor man wieder in die Nacht geht, wird ein Hitler-Stalin-Porno sein: zwei wichsende Schnurrbartträger in Schwarz-Weiß.

Herzstück der Inszenierung aber sind die Drehbühnen, aus denen Schlingensief seine Animatographen gebaut hat. Man entert die langsam rotierenden Plattformen wann man will, setzt sich oder erwandert sich ihre Teile, zieht dabei an den Monitoren an den Zimmerwänden vorbei, durchschreitet Projektionen quer über die Bühne und wird so selbst Teil der großen Bilderflut.

Die Zukunftsmaschine: Der Apparat zum Assoziations-Chaos

Schlingensief hat den Animatographen nicht erfunden: Mit dem Begriff bezieht er sich auf Experimente mit beweglichen Fotografien auf der Bühne, die bereits am Ende des 19. Jahrhunderts stattfanden. Seine Drehbühne ist alles andere als ein High-Tech-Gerät; zugemüllt, beschmiert und von Freaks und Göttern bevölkert, erinnert sie an einen alten Jahrmarkt. Für sein Theater aber scheint dieser Animatograph eine Zukunftsmaschine zu sein. Hier ist Brechts Traum von der Auflösung der Differenz zwischen Akteur und Betrachter verwirklicht, und vor allem: Hier ist endlich der Apparat gefunden, der Schlingensiefs Assoziations-Chaos die angemessene Form gibt.

Schlingensief hat sich eine Mythenzentrifuge gebaut, die alles, was sich in seinem rasenden Hirn so kurzschließt, gleichzeitig ins Jetzt schleudert, und den Betrachter dabei nicht überfährt, sondern ihn liebevoll in ihre Mitte nimmt. So fährt man also im Kreis, schlingert durch die projizierten Götterwelten und verfällt in einen sanften Taumel, der ewig dauern könnte.

Allein, der Bus fährt wieder ab, und es muss noch ein totes Huhn im Ballon zum Himmel fahren - sein symbolisches Ziel ist Lüderitz in Namibia, wo Schlingensief und sein Team im September den Animatographen auf- und neue Verknüpfungen herstellen wollen. Später soll die immer weiter angereicherte Bildverarbeitungsmaschine wieder in Theatern landen - oder in Kunstmuseen, was für dieses im Übrigen von der Kunststiftung TBA geförderte Projekt kein schlechter Ort sein dürfte.

Denn abgesehen davon, dass Theater im eigentlichen Sinne hier nur noch am Rande stattfindet: Die Exzessivität, mit der Schlingensief seine Privatmythologie entfaltet, hat seit Hasengedenken ihren Platz doch eher in der Kunst als auf einer Bühne. Und so erweist der Parsipark zum Beispiel auch dem Künstler Dieter Roth seine Reverenz, mit einem kleinen Altar, auf dem eine Reihe seltsamer Spielzeuge so mit Farbe verklebt und verkrustet ist wie einst Roths Utensilien in dem zum Kunstwerk erklärten Atelier; und in einem Otto Mühl gewidmeten Raum gibt Schlingensief den Wiener Aktionisten, verschnürt sich mit absurden Verrenkungen den Penis und leckt Ketchup-Blut, dass es eine Lust ist. Die vielen Filme mit den spielenden isländischen Göttern, mit den lachenden SS-Männern und anderen Toren sind dabei mittlerweile von solch technischer und ästhetischer Qualität, dass man an den amerikanischen Meister des neowagnerianischen Gesamtkunstwerks denken könnte, an Matthew Barney.

Schlingensief selbst hat im Nachhinein seinen Bayreuther Parsifal zum Animatographen Nummer eins erklärt: Ein Vorspiel nur zu dem, was sich jetzt entfaltet. Nach einem Besuch in diesem großartigen Parsipark kann man ihm nur Recht geben. Er hat sich gequält auf seiner Gralssuche. Aber er ist ein gutes Stück vorangekommen.



Materialübersicht zum Animatograph Odins Parsipark

- Odins Parsipark - Erste Eindrücke von der Premiere am 19. August 2005
- Der Animatograph - Das Programmheft zu Odins Parsipark (PDF)
- Beim Gruppensex mit Stalin - Salzburger Nachrichten vom 01.09.205
- Interview - Christoph Schlingensief im Gespräch mit Gerhard Ahrens
- Der tote Hase und die Bilder - Frankfurter Rundschau vom 22.8.2005
- Die Auferstehung des faulenden Fischs - FAZ vom 22.8.2005
- Vom Baum der Erkenntnis geschnitten - Berliner Zeitung vom 22.8.2005
- Nichts geht verloren - Die Tageszeitung vom 22.8.2005
- Der Zauberwald ist ein Totenacker - Die Welt vom 22.8.2005
- Willkommen im Parsipark - Der Standard vom 31.8.2005
- Wo sich Führer und Hase gute Nacht sagen - SZ vom 23.8.2005 (PDF)
- Alles dreht sich - Der Tagesspiegel vom 21.8.2005
- Götter im märkischen Wald - Sächsische Zeitung vom 22.8.2005
- Friedfertiger Krach - Berliner Morgenpost vom 22.8.2005
- Christophs Götter Geisterbahn - Maerkische Allgemeine vom 22.8.2005
- Unter die Oberfläche schauen - Märkische Oderzeitung vom 18.8.2005
- Odins Parsipark - Erste Bilder von den Dreharbeiten in Neuhardenberg
- Der Animatograph - Skizzen von Meika Dresenkamp & Kathrin Krottenthaler
- Odins Parsipark - Anleitung zum Selbstritual
- Odins Parsipark Pressemitteilung - Alle Informationen zum Parsipark
- Vorabbericht - Der Animatograph Deutschland Edition
- Pressemappe - Auswahl von Bildern in drucktauglicher Größe (ZIP
- Muezzin: Die Feigenbäume - Aus dem Koran (PDF)
- Pressemitteilung der NASA - Die Mondlandung der USA (PDF)
- Parsipark Plakat - Plakat zur Deutschland Edition des Animatographen (PDF)
- Animatographie als demokratische Projektion - von Jörg van der Horst (PDF)
- Stiftung Schloss Neuhardenberg - Offizielle Homepage der Stiftung
- T-B A21 - Homepage der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Parsipark Dossier

- Programmheft zum
   Parsipark
(PDF)
- Interview von
   Gerhard Ahrens

- Anleitung zum
   Selbstritual

- Pressemitteilung
- Vorabbericht
- Muezzin: Die
   Feigenbäume
(PDF)
- Pressemitteilung
   der NASA
(PDF)
- Parsipark Plakat (PDF)
- Animatographie als
   demokratische
   Projektion
(PDF)

- Pressemappe:
   hochaufgelöstes
   Bildmaterial
(ZIP)

Bilderstrecken

- Die Premiere
- Dreharbeiten zu
   Odins Parsipark

- Planskizzen

Pressestimmen

- Salzburger Nachr.
- Frankfurter R. (PDF)
- FAZ (PDF)
- Berliner Ztg. (PDF)
- Tageszeitung (PDF)
- Die Welt (PDF)
- Der Standard (DOC)
- Süddeutsche (PDF)
- Tagesspiegel (PDF)
- Sächsische Ztg. (PDF)
- Berliner Mopo (PDF)
- Märkische Allg. (PDF)

- Radiokritik DLF,
   WDR, RBB
(MP3)

Verwandte Projekte

- Animatograph
   Island Edition

- Animatograph
   Afrika Edition


Externe Links

- Stiftung Schloss
   Neuhardenberg

- tba-21 Homepage






 


DER ANIMATOGRAPH – ODINS PARSIPARK
Kampf der Götter – Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Deutschland-Edition – »Midgard -> Ragnarök / Götterdämmerung«

Erste ur-animatographische Installation mit sechs Aktionen

Stiftung Schloss Neuhardenberg
19., 20., 21., 26., 27., 28. August 2005


Regie:
Christoph Schlingensief

Bühne: Tobias Buser; Aufbau, Technik: Udo Havekost, Harry Johansson; Kostüme, Fotos: Aino Laberenz; Requisite: Markus M. Thormann; Video: Meika Dresenkamp, Kathrin Krottenthaler; Dramaturgie: Jörg van der Horst; Regieassistenz: Hedwig Pottag; Kostümassistenz: Lisa Kentner; Internet: Jens Gerstenecker; Künstlerische Beratung: Henning Nass; Produktionsleitung: Celina Nicolay

Darsteller:
Björn Thors, Sachiko Hara, Klaus Beyer, Karin Witt, Horst Gelloneck, Maria Baton, Helga von Paczenski, Achim von Paczenski, Andrea Erdin, Jürgen Drenhaus

Und erstmals, als
Wernher von Braun: Markus M. Thormann

Technik: Matthias Warias; Ton: Jens Voigtländer; Video-Technik: Jens Crull; Beleuchter: Hans Wiedemann; Licht: Voxi Baerenklau

Produktion: Kristjan Schmitt; Produzent: Martin Siebert; Technische Leitung:Thomas Schröder; Hospitant: Johannes Maxim Zarnikow; Produktionsfahrerin: Julia Egloff; Betreuer Horst: Rainer Lembke, Björn Drese


Eine Produktion der Stiftung Schloß Neuhardenberg und von Christoph Schlingensief in Zusammenarbeit mit Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Vienna