{"id":98,"date":"2006-02-11T21:29:27","date_gmt":"2006-02-11T19:29:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=98"},"modified":"2006-02-11T21:29:27","modified_gmt":"2006-02-11T19:29:27","slug":"bazon-brock-eine-grosartige-tat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=98","title":{"rendered":"Bazon Brock: &#8222;Eine gro\u00dfartige Tat!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Transkript des aktionistischen Vortrags von Bazon Brock in AREA7, Burgtheater Wien, 20. Januar 2006<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>\u2026Was wir hier exemplarisch vorgef\u00fchrt bekommen: Es gibt kein Halten, es gibt kein An-sich-halten \u2013 das macht Ostipation, Verstopfung.<\/p>\n<p>Es gibt nur ein fr\u00f6hliches Durchwalken, ein fr\u00f6hliches Verdauen, und dieses Verdauen wird uns hier als ein Wandel der Formen und Gestalten vorgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das Urklo in der Verwirklichung des Glaubens an das mediale Durchdringen, das Sich-Wandeln als Prinzip: von der Jugend zum Alter, von der Kleinheit zur Gr\u00f6\u00dfe, von der Einheit zur Vielheit, vom Lebendigen zum Tode.<\/p>\n<p>Es ist eine grundlegende Erfahrung, in der etwa Christoph Schlingensief den heute angesagten Synkretismus, die m\u00e4chtigste aller Kulturbewegungen seit der Antike, wieder repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>\u201eSynkret\u201c hei\u00dft etwas zusammen zu sehen in Konstellationen, die es ohne diese Zusammenschau nicht gibt, und in jenem Synkretismus leistet er wirklich Ungeheures!<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nWenn Sie durch die Installation gehen, werden Sie entdecken, dass sich Ihnen durch die scheinbar willk\u00fcrliche Konfrontation von Afrika und Pinguinen das wirkliche Bild unserer heutigen \u00f6kologischen Situation ergibt. Der afrikanische Pinguin ist der Pinguin, der jetzt bereits an den abgeschmolzenen Hohlkappen mit seinen \u00c4rmchen rudert, und nicht mehr wei\u00df, wohin er geh\u00f6rt.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nDie tats\u00e4chliche Bedeutung des immer erneuten Rekurrierens auf die Twin-Towers-Katastrophe gleicht dem In-Gang-Setzen der tibetanischen Gebetsm\u00fchlen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"centered\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/bazonbrock_beschn_01.jpg\" width=\"450\" height=\"339\" alt=\"Bazon Brock in Area 7\" \/><\/p>\n<p>Was wir mit unseren Medien im Westen im Hinblick auf dieses Ereignis vom September 2001 tun, ist, Gebetsm\u00fchlen in Gang zu setzen, unseren Hochmut gegen\u00fcber dem animistischen Belebungsprinzip der Tibetaner zusammenbrechen zu lassen, oder umgekehrt ihnen dankbar daf\u00fcr zu sein, dass wir in der tibetanischen Erfahrung der Gebetsm\u00fchle ein Bild f\u00fcr die Erfahrung mit unseren eigenen Medien im Hinblick auf das Ereignis der Twin Towers haben.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nEs ist etwas Wunderbares, was sich hier in dieser konstellativen Entgegensetzung zeigt! Zum Beispiel in der bisherigen tierliebenden humanistischen Attit\u00fcde von Joseph Beuys \u201eZeig mir, wie du einem toten Hasen die Kultur erkl\u00e4rst; wie du ihn beseelst.\u201c \u2013 Wir sind da inzwischen ganz weit, und der Schlingensief hat ein geniales Bild des synkretistischen Zusammenschauens gebracht: \u201eZeig mir deine Bremsspur!\u201c Das ist die rechtlich verbindliche Form, in der ich auf Hasen oder restliche Tiere reklamiere. Ich bremse auch f\u00fcr Hasen! Das ist die einzige Verbindlichkeit, in der wir heute das Hasenorientieren, das Z\u00fcchten und Fressen begreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es gibt eine ganze Reihe von wunderbaren Darstellungen solcher Konstellationen der pl\u00f6tzlichen Einsicht in das, was uns eigentlich beherrscht. Das grandiose Bild der Myonen, der kleinen Teilchen-Regen, die in Gestalt von Seel\u00f6wen 100.000-fach an den Str\u00e4nden wimmeln.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nEs ist eine wunderbare Erfahrung, sich innerhalb dieser konstellativen Gegen\u00fcbersetzung von Zuf\u00e4lligkeiten auf eine Produktion von Sinn, auf eine Reflexion seiner eigenen Erfahrung gebracht zu sehen.<\/p>\n<p>Denn Menschen, menschliche Gehirne, k\u00f6nnen es nicht ertragen, etwas als Zeichensalat, als Konglomeration vorgef\u00fchrt zu bekommen, ohne das, was sie da sehen doch wieder auf eine Intentionalit\u00e4t zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Sozusagen im Vergleich zu der von Thomas Mann f\u00fcr die Moderne reklamierten intentionalen Rebarbarisierung, also willentlichen antihumanistischen Geste zum Beispiel des Faschismus, geht es hier um eine barbarische Reintentionalisierung \u2013 eine Wiedererf\u00fcllung des Sinns im Zuf\u00e4lligen, im rein Konstellativen, im Auswendigen, im Mutwilligen der Medien.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nSie alle kennen die Erfahrung, die Sie hier einigerma\u00dfen fremd sehen, n\u00e4mlich das Snapping, das Zapping, das Durch-die-Programme-Zappen.<\/p>\n<p>Was hier gezeigt wird, ist die Konstellation, in die man ger\u00e4t, wenn man ein solches Durchgehen des Nacheinander des Unterschiedlichen sich zumutet.<\/p>\n<p>Denken Sie vielleicht daran, wie ein Besucher des Burgtheaters, der hier f\u00fcnf Jahre lang treulich auf seinem Sessel gesessen h\u00e4tte, das, was er in f\u00fcnf Jahren erlebte, \u00fcberhaupt je in eine Erfahrung \u00fcbersetzen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Er m\u00fc\u00dfte den Faust und den Hamlet, er m\u00fc\u00dfte Nestroy und irgendein Lustspiel miteinander in Beziehung setzen \u2013 eine Art von Zusammenschau eben synkretistischer Erzwingung von Intentionalem. Er m\u00fc\u00dfte Absichten erkennen lernen, obwohl sie gar nicht da sind. Absichten Gottes, Absichten der Autoren, Absichten der Akteure. Er m\u00fc\u00dfte Pl\u00e4ne und Konzepte rekonstruieren in seinem Kopf, obwohl sie ihm gar nicht vorgegeben sind durch das, was er als Ausgang seiner Erfahrung sieht.<\/p>\n<p>Es ist also eine Erfahrung der realen Alltagssituation, es ist sozusagen der Realismus unserer mediengesellschaftlichen Existenz, der sich hier in einem Modell darstellt.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nUnd es gibt kein Entweichen im Hinblick auf die Aussage: \u201cDas ist ja alles keine Kunst! Das ist ja alles nur hingeschmiert! Das ist ja alles nur willk\u00fcrlich! Das ist ja alles nur zitiert, es ist nichts original, es ist alles nur von anderen entliehen und verwurstet!\u201c<\/p>\n<p>Wir sind nun eben Verwurstungsmaschinen, wir sind eben Dasein zu Verdauung! Wir sind nichts anderes als Schlund, \u00d6ffnung, Durchf\u00fchrung durch den Schlauch und Ausscheidung im After. Wir sind zugleich das, was wir aufnehmen und ausscheiden.<\/p>\n<p>Wir sind die Instanz dieses Wandels, den man bisher eben Institutionen wie Theater, Kunsthallen et cetera erledigen und bew\u00e4ltigen lie\u00df. Jetzt sind wir es selber! Hier gewinnen wir die Qualit\u00e4t des Regenwurms, des Urwurms in der gesellschaftlichen Bedeutung.<\/p>\n<p>\u201eFri\u00df, und beguck\u00b4 deine Schei\u00dfe, dann wei\u00dft du, woraus die Welt besteht!\u201c<\/p>\n<p>Endlich akzeptieren, was durch uns hindurchgegangen ist und verwandelt wurde, so da\u00df wir es sehen und betrachten k\u00f6nnen!<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nWerke sind abgeschiedene Schei\u00dfe. Ausscheidungen im Urklo, das Museum hei\u00dft; im Urklo, das Theater hei\u00dft.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nAber da k\u00f6nnen wir die Schei\u00dfe betrachten, und denken Sie daran, mit welcher Freude kleine Kinder ihre Ausscheidungen in der Toilettensch\u00fcssel betrachten! Als eine gro\u00dfe Leistung, eine vollbrachte Tat. Ein Ein\u00fcben des Geben und Gew\u00e4hren  &#8211; das ist hier von Christoph Schlingensief auch f\u00fcr uns, die verdorbenen Charaktere der wirtschaftlichen und feuilletonistischen Bestimmung von Werthaltigkeiten geboten. <\/p>\n<p>Es ist eben leider nicht mehr das Feuilleton, das uns eine Orientierung im Hinblick auf die Darstellung des Strukturprinzips der Schei\u00dfe, n\u00e4mlich den Haufen, gibt.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nHier haben wir einen Haufen als Modell. Hingeschissen von einer g\u00f6ttlichen Vielfalt, von einer Autorit\u00e4t des Beliebigen, und trotzdem kommt heraus Ordnung. N\u00e4mlich die, die unser Gehirn uns zwingt, in der konstellativen Entgegensetzung von verschiedenen Dingen notwendig als barbarische Reintentionalisierung selbst des gr\u00f6\u00dften Chaos und der Beliebigkeit, noch zu erreichen.<\/p>\n<p>Es ist ein wunderbares Gef\u00fchl, hier endlich wieder in der eigenen Schei\u00dfe kneten zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Denken Sie daran, dass Sie heute jeder Arzt fragt: \u201cWie sah Ihr Kot aus? Wie sah Ihr Stuhl aus \u2013 damit ich Sie diagnostizieren kann!\u201c<\/p>\n<p>Ohne diesen Haufen Schei\u00dfe gibt es keine Diagnose f\u00fcr unseren gesellschaftlichen Zustand mehr, aber in dieser Schei\u00dfe l\u00e4\u00dft sich jederzeit eine zutreffende Diagnose f\u00fcr unseren Zustand treffen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchlingensief ist ein ganz gro\u00dfartiger Schei\u00dfer, dessen Kothaufen wirklich zeigen, in welcher Vorstellung, in welchen Verdauungsmechanismen, in welchen Metabolismen, Stoffwechselprozessen, heute die Kunst mit der Gesellschaft, das Werk mit der Phantasie lebt.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfartige Tat! Ich begr\u00fc\u00dfe in ihm einen der Gro\u00dfmeister synkretistischer konstellativer Kunst! Er ist nur zu vergleichen mit den gro\u00dfen Meistern von Alexandria.<\/p>\n<p>Burgtheater und Wien sind die Geburtsst\u00e4tten einer solchen alexandrinischen neuhelenistischen konstellativen synkretistischen Kunst \u2013 das hei\u00dft der Kunst des Haufen-bildens.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nDenken Sie daran, wenn Sie morgen Ihre Ausscheidungen in der Klosch\u00fcssel betrachten!<\/p>\n<p>Dies sind die Kriterien, nach denen Sie diese Schei\u00dfe zu beurteilen haben. Wenn Sie das k\u00f6nnen, sind Sie gesund!<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Transkription: Sarah Wuhlbrandt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transkript des aktionistischen Vortrags von Bazon Brock in AREA7, Burgtheater Wien, 20. Januar 2006<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/98"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=98"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/98\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=98"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=98"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=98"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}