{"id":97,"date":"2006-02-07T11:34:33","date_gmt":"2006-02-07T09:34:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=97"},"modified":"2006-02-07T11:34:33","modified_gmt":"2006-02-07T09:34:33","slug":"deutsches-theater-in-pariser-vorstadten-deutschlandradio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=97","title":{"rendered":"Deutsches Theater in Pariser Vorst\u00e4dten (Deutschlandradio)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Festival &#8222;Le Standard Id\u00e9al&#8220; in Bobigny bei Paris setzt 2006 einen deutschen Schwerpunkt<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Bettina Kaps<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn der Nordpariser Vorstadt Bobigny findet j\u00e4hrlich das internationale Theaterfestival &#8222;Le Standard Id\u00e9al&#8220; statt. In diesem Jahr wurde daraus fast ein deutsches Festival: Sechs Schauspiele standen auf dem Programm. Abgesehen von einer Tschechow-Inszenierung durch die Truppe des ungarischen Dramaturgen Arpad Schilling waren alle St\u00fccke auf Deutsch. Festivalleiter Patrick Sommier glaubt, dass sich das zeitgen\u00f6ssische deutsche Theater radikal von dem franz\u00f6sischen unterscheidet.<\/p>\n<p>Bobigny, f\u00fcnf Kilometer n\u00f6rdlich von Paris. Umgeben von 20 Stockwerke hohen Wohnt\u00fcrmen liegt das Theater, &#8222;Maison de la Culture&#8220; genannt, Kulturhaus. Seit Jahresbeginn sind hier fast ausschlie\u00dflich deutsche Inszenierungen zu sehen.<\/p>\n<p>Viele junge Menschen dr\u00e4ngen sich an diesem Abend in die Eingangshalle, um &#8222;Kunst und Gem\u00fcse&#8220; zu sehen. Es ist das erste Mal, dass der deutsche Erfolgsregisseur Christoph Schlingensief in Frankreich spielt. Redjef und seine Freunde haben einen weiten Weg auf sich genommen. Weil ihre Deutschlehrerin das St\u00fcck so gelobt hat, sind die Abiturienten aus dem S\u00fcden von Paris mehr als eine Stunde lang Zug und Metro gefahren, um ins Theater von Bobigny zu kommen.<\/p>\n<p>Sch\u00fcler: &#8222;Das St\u00fcck interessiert mich, au\u00dferdem kann es f\u00fcr mein Deutsch nur gut sein. Ich sehe heute zum ersten Mal ein Schauspiel aus Deutschland. Das ist ein Erlebnis. Wir wissen nichts \u00fcber das St\u00fcck, lassen uns \u00fcberraschen, und anschlie\u00dfend werden wir wohl im Unterricht dar\u00fcber sprechen.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/4700_01.jpg\" width=\"450\" height=\"337\" alt=\"Schlingensief in Paris\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Andrea Fuchs ist ein Fan der Berliner Volksb\u00fchne und schafft es jedes Jahr, einige Sch\u00fcler zu deren Gastspielen nach Bobigny zu bringen. Sie hat es nie bereut:<\/p>\n<p>&#8222;Die Sch\u00fcler finden es toll, weil es so anders ist als das franz\u00f6sische Theater. Hier kennen sie vor allem die Com\u00e9die Fran\u00e7aise, was sehr klassisch ist, wo Schauspieler den Text perfekt heruntersagen und nicht so viel passiert auf der B\u00fchne. Castorf und Schlingensief ist schon was anderes.&#8220;<\/p>\n<p>Inszenierungen wie die der Volksb\u00fchne, meint die Lehrerin, k\u00f6nnten sogar Vorurteile ins Wanken bringen:<\/p>\n<p>&#8222;\u2026dass sie mal was anderes sehen. Das Bild von Deutschland ist oft so grau: Ordnung, Umweltschutz und Nazi-Zeit\u2026 Da ist Theater was Nettes, was Anderes.&#8220;<\/p>\n<p>Thibaut Croizy spricht kein Deutsch, doch als Student der Theaterwissenschaft verfolgt er genau, was auf den B\u00fchnen in und um Paris gespielt wird. In Bobigny hat er vor einigen Jahren Frank Castorf kennen gelernt, hier hat er zwei Auff\u00fchrungen von Rene Pollesch gesehen, den er nicht mag: Dessen Wechsel von laut und leise, von hysterisch und entspannt, die leicht trashige Schnelligkeit, die auch &#8222;Prater Saga 5: Die Magie der Verzweiflung&#8220; pr\u00e4gt, wertet der Student als Unterwerfung unter den Zeitgeist.<\/p>\n<p>Croizy: &#8222;Ich mag deutsches Theater sehr, weil es viel verr\u00fcckter ist und mehr wagt als alles, was ich aus Frankreich kenne. Franz\u00f6sische Theatermacher sind zur\u00fcckhaltend, sie wollen nicht schockieren. Franzosen haben zwar oft einen sehr heftigen Diskurs \u00fcber die Gesellschaft, aber die Schauspieler auf der B\u00fchne sind nicht radikal, und daher funktioniert das nicht. Deutsche Regisseure bringen ihre Schauspieler dazu, sehr viel weiter zu gehen, sie erlauben sich mehr.&#8220;<\/p>\n<p>Der Direktor des Theaters von Bobigny, Patrick Sommier, teilt die Auffassung des Studenten. Auch wenn es eher ein Unfall war, dass sein Theater-Festival &#8222;Le Standard Id\u00e9al&#8220; in diesem Jahr neben dem ungarischen Regisseur Arpad Schilling ausschlie\u00dflich aus deutschen Inszenierungen bestand. Er hatte urspr\u00fcnglich noch eine englische Truppe und den Spanier Calixto Bieito in sein Theater eingeladen, doch die beiden St\u00fccke fielen aus.<\/p>\n<p>Sommier setzt sich seit langem daf\u00fcr ein, deutschsprachige Regisseure in Frankreich bekannt zu machen:<\/p>\n<p>&#8222;Deutschland ist nach wie vor das einzige Land in Europa, wo man Theater ein bisschen ernst nimmt. Kein Vergleich zu Frankreich! Deshalb ist die Theaterproduktion in Deutschland f\u00fcr unser Publikum interessant. Die Zuschauer entdecken eine ganz andere und unglaublich faszinierende Art, Theater zu machen.&#8220;<\/p>\n<p>Sommier und seine Vorg\u00e4nger haben es geschafft, in Bobigny ein Publikum von Theaterbegeisterten anzuziehen, das neugierig \u00fcber die Grenzen schaut. Dennoch war es f\u00fcr ihn ein gewisses Risiko, in diesem Jahr gleich drei Regisseure zu programmieren, die in Frankreich bislang unbekannt waren.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck &#8222;Kunst und Gem\u00fcse&#8220;, in dem Schlingensief unter anderem die t\u00f6dliche Nervenkrankheit ALS thematisiert, ist zu Ende. Die Zuschauer str\u00f6men aus dem Saal, vier \u00e4ltere Frauen diskutieren intensiv \u00fcber das, was sie gerade gesehen haben.<\/p>\n<p>Frau 1: &#8222;Ich bin wie verst\u00f6rt\u2026 Wir haben nah an der B\u00fchne gesessen und an der bettl\u00e4gerigen Frau. Das war brutal. Unsere Theatermacher gehen in der Gewalt nicht so weit. Der Weg in die Gaskammer, die Vehemenz gegen Wagner und Bayreuth&#8230; Ich glaube nicht, dass wir so schonungslos mit der Geschichte umgehen. Es gab Momente, da bekam ich keine Luft mehr und habe mich gefragt: Wo f\u00fchrt das hin? Gibt es f\u00fcr die Menschheit keine Rettung mehr?&#8220;<\/p>\n<p>Frau 2: &#8222;Ich arbeite manchmal in Deutschland. Wir haben eng verwandte Kulturen und dennoch so unterschiedliche Ausdrucksweisen. Das ist ein anderes Universum, nicht zu vergleichen mit dem, was unsere jungen Regisseure machen.&#8220;<\/p>\n<p>Unterdessen ist die Programmgestaltung f\u00fcr das Festival &#8222;Standard Ideal 2007&#8220; schon weit fortgeschritten; die Deutschen werden wieder stark vertreten sein, verspricht der Direktor. Er wei\u00df, dass er auf sein Publikum z\u00e4hlen kann &#8211; vorausgesetzt, die Vorst\u00e4dte bleiben ruhig. Denn die Krawalle vom November haben seinem Theater schwer geschadet. &#8222;W\u00e4hrend der Ausschreitungen hatten wir keine Zuschauer. Selbst Leute, die bezahlt hatten, sind fern geblieben. Dabei ist in Bobigny selbst fast nichts passiert. Wir leben jetzt mit einem Damokles-Schwert, denn wenn erneut Unruhen ausbr\u00e4chen, w\u00e4re das sehr schlimm f\u00fcr uns. Ich bef\u00fcrchte, dass es wieder losgehen wird.&#8220;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"35\" border=\"0\"\/><br \/>\nDiesen Beitrag anh\u00f6ren: <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/downloads\/dradio20060206_paris.mp3\" target=\"_blank\">dradio20060206_paris.mp3<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Festival &#8222;Le Standard Id\u00e9al&#8220; in Bobigny bei Paris setzt 2006 einen deutschen Schwerpunkt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=97"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/97\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=97"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=97"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=97"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}