{"id":91,"date":"2006-02-03T12:46:08","date_gmt":"2006-02-03T10:46:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=91"},"modified":"2006-02-03T12:46:08","modified_gmt":"2006-02-03T10:46:08","slug":"der-moderne-tourismus-des-christoph-schlingensief-introde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=91","title":{"rendered":"Der moderne Tourismus des Christoph Schlingensief (Intro.de)"},"content":{"rendered":"<p>Von Johannes Finke, Matthias Mach<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hat sich in Namibianach neun Jahren wieder an einen Film gewagt bzw. an das Abfilmen und Aufzeichnen, an das Bannen von Bildern auf Film, an das Dokumentieren und Konservieren seiner Ideen, seiner Arbeit, seiner Reisen, seiner Installationen. Er ist Kameramann, Schauspieler und Regisseur. Ein Drehbuch bzw. das tats\u00e4chlich zu Beginn existente Drehbuch wird nach zwei Tagen gestohlen bzw. ver- oder weggeworfen. Daf\u00fcr ist Patti Smith mit dabei, sammelt Steine, fotografiert und reibt an ihrem an einer Halskette baumelnden Kreuz. Der Titel des von Frieder Schlaich, der auf die Frage, wann mit einem fertigen Film zu rechnen sei, mit einem kurzen und knappen &#8222;Kein Kommentar!&#8220; antwortet, und der Filmproduktion 451 produzierten und von Thyssen-Bornemisza Art Contemporary mitfinanzierten Werkes lautet schlicht, aber durchaus poppig sexy: &#8222;African Twin Towers&#8220;. Was ein bisschen nach &#8222;Black Emanuelle&#8220; klingt, h\u00e4lt dann aber doch eine etwas breitere Assoziationskette bereit. Es geht um Wagner und Odin, um den Bundeskanzler und die \u00c4ra Schr\u00f6der und um Frau Wiecorek-Zeul, um den Animatographen und die neu entdeckte Dreidimensionalit\u00e4t, um das Barackendorf &#8222;Area 7&#8220;, vielleicht auch um Aids, Hunger und Elend und eben um die Twin Towers. Unter anderem gibt es Klaus Beyer als Hagen von Tronje, Norbert Losch als Siegfried Wagner und Robert Stadlober als Wieland zu sehen, und auch Irm Hermann und Udo Kier sind mit von der Partie.<\/p>\n<p>Den Remix, die Hauptspeise, das Intermezzo, das Sequel, das Remake oder einfach nur die logische Fortsetzung zum Film gibt es am Wiener Burgtheater. Patti Smith wird auch wieder dabei sein. Und Robert Stadlober. Und wahrscheinlich auch die kleine Drehb\u00fchne, die sie Animatographen nennen und \u00fcber die Christoph Schlingensief in Island, wo er sie in Betrieb nahm, sagte: &#8222;Hier, an dieser Stelle, wo sich Neue und Alte Welt jedes Jahr um 8 mm entfernen, entsteht der Prototyp des Animatographen. Ein Seelenschreiber. Eine begehbare Fotoplatte. Ein organischer K\u00f6rper zwischen dem \u00e4ltesten Menschheitswunsch nach Verwaltung und dem Haus der unverwaltbaren Obsession. Hier, an dieser Erdkruste, reiten die Geister mit unseren K\u00f6rpern; hier beginnt der gr\u00f6\u00dfte Film, den ich jemals drehen werde. Vom Rand der Kruste reisen wir durch die Erde, durchqueren kulturelle und zivile Vergewaltigungen, erreichen im Oktober die afrikanische Unterwelt, suchen den Hammer, \u00f6ffnen L\u00f6cher in den W\u00e4nden zur Nachbarwohnung und fliegen nach der Weltverk\u00fcndung des Strau\u00dfeneis nach Nepal, von da aus zu den Plastiks\u00e4rgen in der amerikanischen Zwillingsgruft (&#8230;) Ein Traum, den ich mir erf\u00fclle. Denn jeder, der den Animatographen sieht, belichtet ihn. Und jeder, der ihn betritt, wird belichtet.&#8220; Schlingensief f\u00fchlt sich wohl mit seinem neuen Spielzeug, das ihn in Bewegung h\u00e4lt, Perspektiven \u00e4ndert, wiederkehren l\u00e4sst, Input fordert und f\u00fcr den K\u00fcnstler neue Bilder und Sichten produziert. Er n\u00e4hert sich so dem Manifestativen, der sozialen Plastik, der bildenden Kunst. Er wird dies nach Namibia auch in Brasilien und Nepal versuchen.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief beschreibt und bespielt die Welt, seine Welt. Zumindest versucht er das. Er bebildert diese Welt, versucht Sprachen und Rituale zu finden, Sprachlichkeiten zu definieren, die dem entsprechen, was nicht gesagt werden kann. Doch Schweigen liegt dem Berliner Filmemacher (&#8222;Das Deutsche Kettens\u00e4gen Massaker&#8220;), Theaterregisseur (&#8222;Bringt Mir Den Kopf Von Adolf Hitler!&#8220;) und Aktionsk\u00fcnstler (&#8222;Chance 2000&#8220;) fern. Seine Beschreibungen von Welt sind regelm\u00e4\u00dfig plakativ und laut, jedoch auch mehr als der Versuch des Auf- und Nachzeichnens von Realit\u00e4ten &#8211; es ist der tats\u00e4chliche individuelle Vorgang einer subjektiven Beschreibung, einer Beschriftung in kapitalen Ziffern und Zeichen, gro\u00df, bunt, grell und trashig und doch weitab des medial generierten und normierten Zielgruppengeschmacks. Beweggr\u00fcnde sind nicht einfach auszumachen, auch nicht die Zielrichtung. Schlingensief verschr\u00e4nkt die unterschiedlichsten Bedeutungs- und Referenzsysteme und weist gen Himmel. Das w\u00e4re erst mal einfach formuliert.<\/p>\n<p>Es ist schwer zu verstehen, aber die Pers\u00f6nlichkeit des K\u00fcnstlers, Machers und Provokateurs Christoph Schlingensief, seine Anziehungs- und Ausstrahlungskraft, das bis dato geschaffene und kommunizierte Portfolio, das bereits Dekonstruierte einer offensichtlich partiell nicht mehr operablen Gesellschaft, die gnadenlose Selbstinszenierung, die messianischen Momente, die eigene Fehlbarkeit und der Anspruch auf Bestimmung, Erl\u00f6sung und Selbstaufgabe im heilerischen Sinne erzeugen ein pseudo-energetisches Feld aus Sympathie, Fandom und Arzt\/Patient-Bindung, das an kreativem Potenzial, historischen Links und Abstraktionsm\u00f6glichkeiten in Deutschland bzw. Europa seinesgleichen sucht. So schafft er es immer wieder, mit Bedeutungen, Absichten, Geschichten und Mythen zugepackte Schauspieler, K\u00fcnstler und Underground-Ikonen, ebenso aber auch gesellschaftliche Outsider, Randfiguren oder einfach nur den sich aufopfernden Nachwuchs in sein ganz pers\u00f6nliches Aufarbeitungs- und Versuchslabor aus gewollten und nicht gewollten Assoziationen zu bewegen, um als F\u00fchrer eines Ensembles neue Bedeutungen, Absichten, Mythen und Geschichten zu schaffen und zu etablieren. Jedoch sind die Arbeiten des Kultur, Kunst und Bilder schaffenden 45-j\u00e4hrigen Schlingensief zwar m\u00e4andernd interpretierbar, doch zu erkl\u00e4ren sind sie kaum und zu verstehen nur sehr schwer bzw. eigentlich \u00fcberhaupt nicht; da muss man sich nicht viel vormachen. Ob das letztendlich gut oder schlecht ist, wei\u00df leider keiner so genau, auch nicht der Spiegel, der in Ausgabe 47\/2005 unter der \u00dcberschrift &#8222;DADA &#8211; die W\u00fcste bebt!&#8220; zwar offensichtlich Sympathien f\u00fcr die Weiterf\u00fchrung des &#8222;inszenierten deutschen Wahnsinns&#8220; hegt, sich aber letztendlich leider keine M\u00fche macht, dem, was da an Denk- und Arbeitsmaterial vorgesetzt wird, gerecht zu werden, aufzunehmen, weiterzuf\u00fchren, sich einzulassen und anzudocken, um dann vielleicht mal doch relevante Reibung zu erzeugen. Denn Reibung macht bekanntlich warm und &#8211; setzen wir mal enormes Durchhalteverm\u00f6gen voraus &#8211; vielleicht auch hei\u00df und wird dann, stimmen die Grund- und Rahmenbedingungen, eventuell zu Strohfeuer oder einem Fl\u00e4chenbrand. Letzteres leider doch eher selten. Also bleibt die Frage, ob hier jetzt wirklich revolution\u00e4res Potenzial versteckt ist oder ob der Volksb\u00fchnen-Held Christoph Schlingensief einer pers\u00f6nlichen Betty-Ford-Variante von Reha, Cleaning oder Self-Auditing aufgesessen ist, die man dann auf den H\u00fcgeln moderner germanischer Mythologien und Missverst\u00e4ndnisse auch mal dem Pelz-, Geld- und Gesellschaftsboulevard pr\u00e4sentieren kann.<\/p>\n<p>Ob das Trojanische Pferd da allerdings noch als antikes Strategiemuster herhalten darf bzw. muss, kann und sollte getrost angezweifelt werden, spielt aber f\u00fcr den Impresario keine gro\u00dfe Rolle. Christoph Schlingensief hat sich aus deutschem Heldentum, der Geschichte des Scheiterns und den Unzul\u00e4nglichkeiten moderner Informationssysteme und Abschreckungsmechanismen einen Stein gemei\u00dfelt, den er regelm\u00e4\u00dfig auf den Berg der eigenen Eitelkeiten zu rollen versucht. Diesen eigenen Eitelkeiten stellt er jedoch stets die Gruppe der ihn Umgebenden, der mit ihm Arbeitenden entgegen und schafft dadurch ein in Bewegung bleibendes, gemeinsam bewusst werdendes Kollektiv. Diese sich selbst gestellte und selbst gew\u00e4hlte Form der Dekonstruktion von &#8222;Ich&#8220; und &#8222;Wir&#8220; ist mehr als ehrenhaft, sie ist zwingend und in ihrer Motivation durchaus auch verst\u00e4ndlich und aus vielen hier nicht zu erw\u00e4hnenden Gr\u00fcnden gesellschaftlich relevant und intellektuell inspirierend und motivierend, doch den sich aktuell darstellenden und kommunizierten, zuweilen doch abschreckenden ph\u00e4notypischen Elfenbeinturm braucht es eigentlich nicht, geht es doch um etwas anderes: &#8222;Wir sind alle Touristen&#8220;, sagte Dirk Baecker bei einem Vortrag vor sieben Jahren, &#8222;aber jetzt besteht die M\u00f6glichkeit, dass wir zwar als Touristen aufbrechen, aber nicht als Touristen, sondern mit Arbeits-, Liebes-, Wissens- und Glaubenskontakten zur\u00fcckkommen.&#8220; Christoph Schlingensief \u00fcbernimmt dabei gerne die Rolle des Reiseleiters, den die anderen bezahlen, damit es nicht langweilig wird, damit er ihnen was erz\u00e4hlt und zuweilen an Orte f\u00fchrt, die man sonst vielleicht nie erfahren w\u00fcrde. Das macht ihn zurzeit als Repr\u00e4sentant einer deutschen Gesellschaft und Katalysator f\u00fcr nachfolgende Generationen unverzichtbar. Auch wenn man das alles vielleicht nicht verstehen kann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wenn ich w\u00fcsste, was der Sinn des Lebens ist, dann w\u00fcrde ich dementsprechend zielgerichtet handeln. Ich bin aber ein Sammler.&#8220; (Christoph Schlingensief, 1998)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=91"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/91\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=91"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=91"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=91"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}