{"id":90,"date":"2006-01-25T13:11:34","date_gmt":"2006-01-25T11:11:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=90"},"modified":"2006-01-25T13:11:34","modified_gmt":"2006-01-25T11:11:34","slug":"frequently-asked-questions","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=90","title":{"rendered":"Frequently Asked Questions"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief realisierte vorige Woche im Burgtheater seine Installation &#8222;Area 7&#8220;. Zur\u00fcck blieb ein Haufen Fragen. Die am h\u00e4ufigsten gestellten werden hier beantwortet.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Wolfgang Kralicek<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><\/p>\n<p>Wenn der Theaterkritiker innerhalb einer Woche von mindestens einem Dutzend Bekannten nach einer bestimmten Auff\u00fchrung gefragt wird, wei\u00df er, dass es sich um keine ganz gew\u00f6hnliche Auff\u00fchrung handeln kann. Christoph Schlingensief hat es also wieder einmal geschafft: Sein j\u00fcngstes Burgtheaterprojekt &#8222;Area 7&#8220; war vergangene Woche talk of the town. Sie wollen wissen, ob Sie sich die &#8222;Matth\u00e4usexpedition&#8220; (Untertitel) noch anschauen sollen? Sie waren schon dort und haben noch Fragen? Sie wollen einfach nur wissen, wie&#8217;s war? Der Falter hat die Antworten auf Ihre dr\u00e4ngendsten Fragen. Zumindest tut er so.<\/p>\n<p>Wie war&#8217;s? Die h\u00e4ufigste und zugleich kniffligste Frage. Schlingensief-Arbeiten lassen sich l\u00e4ngst nicht mehr nach Kategorien wie &#8222;gut&#8220; oder &#8222;schlecht&#8220; beurteilen. Sie sind, und man muss mit ihnen leben (oder eben nicht). In den Erkl\u00e4rungen zu seiner Burgtheaterinstallation &#8222;Area 7&#8220; hat Schlingensief immer wieder das Bild einer Schlange bem\u00fcht, die sich nicht in den Schwanz bei\u00dft, sondern in ihr eigenes Arschloch kriecht und beim Mund wieder herauskommt. Die Metapher trifft das Ph\u00e4nomen Schlingensief ziemlich genau: Wir haben es mit einem geschlossenen System zu tun, mit einem Perpetuum mobile, das sich aus sich selbst heraus immer wieder neu erschafft. Ein Perpetuum mobile aber ist bekanntlich zum Scheitern verurteilt &#8211; von &#8222;Gelingen&#8220; kann bei Schlingensief also keine Rede sein. Darum geht&#8217;s nicht.<\/p>\n<p>Worum geht&#8217;s eigentlich? Gute Frage, seeehr gute Frage. Zitat aus der Auff\u00fchrung: &#8222;Es geht darum, sich zur eigenen Schei\u00dfe zu bekennen.&#8220; So kann man&#8217;s auch sagen. Die Bibel w\u00fcrde es ein bisschen anders formulieren, aber dasselbe meinen. Das gilt auch f\u00fcr Johann Sebastian Bach und Richard Wagner, Elfriede Jelinek und Joseph Beuys, um nur ein paar K\u00fcnstler zu nennen, die in &#8222;Area 7&#8220; zitiert werden. Kurz gesagt: Es geht um die Angst vorm Sterben und die Sehnsucht nach Erl\u00f6sung. Also eh um das \u00dcbliche.<\/p>\n<p>Wie ernst meint es Schlingensief? Die Antwort auf die wahrscheinlich beste Frage kennt &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur Schlingensief selbst. Nat\u00fcrlich ist &#8222;Area 7&#8220; zum Teil ein kunsthistorischer Ulk: Schlechte Doubles von Joseph Beuys, Andy Warhol, Hermann Nitsch und Jonathan Meese laufen herum, an jeder Ecke gibt es billige Kopien ihrer Kunst zu sehen. Zugleich aber l\u00e4sst sich die Persiflage auch als Hommage verstehen. Schlingensiefs gesamtes Werk lebt davon, dass Pathos und Parodie einander aufheben. Nur so ein Verdacht: Im Zweifelsfall meint er&#8217;s ernster als man denkt.<\/p>\n<p>Ist Schlingensief ein Scharlatan? Bl\u00f6de Frage.<\/p>\n<p>Ist das \u00fcberhaupt ein Theaterabend? Auf den ersten Blick: nein. Hauptdarsteller ist eine gigantische, mit Objekten, Bildern und Bedeutungen angef\u00fcllte Installation, die sich \u00fcber Zuschauerraum und B\u00fchne erstreckt; die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen eher periphere Rollen. Die szenischen Elemente im Rahmenprogramm sind ganz witzig, sehen aber ein bisschen nach Pflicht\u00fcbung aus (irgendwas muss<br \/>\nim Theater ja &#8222;passieren&#8220;); Schlingensief selbst agiert ungewohnt zur\u00fcckhaltend. Im Unterschied zu den \u00f6ffentlichen Probel\u00e4ufen hatte die &#8222;Premiere&#8220; allerdings ann\u00e4hernd den Charakter einer Auff\u00fchrung. Immerhin gibt es einen Anfang und ein Ende, das erste und das letzte<br \/>\nWort haben Elfriede Jelinek (auf Video) und die &#8222;Matth\u00e4uspassion&#8220; (aus dem Lautsprecher): Der Effekt wirkt einerseits etwas billig (mein Gott, die &#8222;Matth\u00e4uspassion&#8220; funktioniert immer irgendwie), ist in Kombination mit Jelineks Text (Zitat: &#8222;Es hei\u00dft, der Mensch muss leiden, und zwar, weil er es kann&#8220;) aber \u00fcberraschend wirkungsvoll. Also doch Theater, irgendwie.<\/p>\n<p>Was hat das im Burgtheater verloren? Die Frage ist berechtigt. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte &#8222;Area 7&#8220; auch in einem Museum oder einer Kunsthalle stattfinden, dann g\u00e4b&#8217;s auch nicht so ein Gedr\u00e4nge. Andererseits ist gerade das eine Qualit\u00e4t der Arbeit: Dadurch, dass man die Installation nur kommentiert und unter Zeitdruck betrachten kann, wird die F\u00fchrung zur Inszenierung. In den ausf\u00fchrlichen, zum Teil abstrusen Kommentaren der F\u00fchrer formuliert Schlingensief seine &#8222;Message&#8220; und persifliert zugleich &#8211; auch selbstironisch &#8211; eine Kunst, die nur noch in ihrem &#8222;Kontext&#8220; zu verstehen ist. In einem &#8222;neutralen&#8220; Kunstraum w\u00fcrde das so nicht funktionieren. Man k\u00f6nnte die Frage also auch umdrehen und sich bei mancher &#8222;performativen Installation&#8220; fragen, was sie in einem Museum verloren hat.<\/p>\n<p>War Patti Smith wirklich da? Ja. Man wei\u00df aber nicht recht, warum. Die New Yorker Punklegende l\u00e4chelte freundlich, schw\u00e4rmte \u00fcber die &#8222;B\u00f6rg&#8220; und sang auf der Feststiege &#8211; begleitet von einer Cellistin! &#8211; ein paar Songs. Zur Begr\u00fc\u00dfung sagte sie: &#8222;Enter with an open heart, and you will exit happy!&#8220; Ganz so hippiem\u00e4\u00dfig hat Schlingensief &#8222;Area 7&#8220; wahrscheinlich nicht gemeint. Aber man kann es offenbar so sehen.<\/p>\n<p>Wann kommt &#8222;Area 7&#8220; wieder? Weitere &#8222;Auff\u00fchrungen&#8220; sind im M\u00e4rz und im Mai geplant; genaue Termine stehen noch nicht fest. Weil man ohnedies selten auf seinem Platz sitzt, sondern sich in der Installation bewegt, kann man \u00fcbrigens ruhig die billigen Karten kaufen. Im Burgtheater \u00fcberlegt man f\u00fcr die n\u00e4chste Spielserie ein anderes Preissystem &#8211; sinnvoll w\u00e4r&#8217;s.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>&#8222;Falter&#8220; Nr. 4\/06 vom 25.01.2006 Seite: 60; Ressort: Kultur<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief realisierte vorige Woche im Burgtheater seine Installation &#8222;Area 7&#8220;. Zur\u00fcck blieb ein Haufen Fragen. 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