{"id":88,"date":"2006-01-20T17:37:43","date_gmt":"2006-01-20T15:37:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=88"},"modified":"2006-01-20T17:37:43","modified_gmt":"2006-01-20T15:37:43","slug":"parsifal-auf-prater-tour-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=88","title":{"rendered":"Parsifal auf Prater-Tour (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Burgtheater als begehbare Wurstelbude, in der es merkw\u00fcrdig riecht: Schlingensiefs Wiener Aktion &#8222;Area 7&#8220;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>MARTIN LHOTZKY<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nMan begibt sich am besten zuerst ganz nach oben, in die steilstufige Galerie des Wiener Burgtheaters, und schaut tief nach unten in den Publikumsraum, wo &#8222;Area 7&#8220; aufgebaut ist, Christoph Schlingensiefs Matth\u00e4usexpedition, ein Gewirr von Menschen, Zeltbahnen, unidentifizierbaren, m\u00f6glicherweise einst belebten Klumpen, und ein leinenbespanntes Riesenrad. Der Wiener Wurstelprater scheint auf einer Tournee Zwischenstation in der &#8222;Burg&#8220; zu machen. Alles dreht sich, ein Ringelspiel rumpelt bed\u00e4chtig rundum, sogar eine Geisterbahn scheint aufgebaut, zumindest erweckt ein Riesenkopf, aus dem Boden brechend, im stummen Schrei erstarrt, solche Assoziationen. <\/p>\n<p>Ein anderer Kopf, mehr der Kategorie Wuschel als Geist zugeh\u00f6rig, an dem noch der Rest von Schlingensief dranh\u00e4ngt, taucht un\u00fcbersehbar und zentral in die Masse ein und aus ihr wieder auf. Dort mu\u00df man hin, will man wenigstens ein bi\u00dfchen was verstehen. Vor dem einzigen Saaleingang (alle anderen wurden vorsorglich f\u00fcr geschlossen erkl\u00e4rt) bildet sich eine Warteschlange. Jetzt und heute d\u00fcrfen erst mal nur diejenigen rein, die zusammen mit der Eintrittskarte einen hellblauen oder rosa Papierschnipsel erhalten haben. Gr\u00fcn, Gelb, Wei\u00df und Rot m\u00fcssen sich gedulden. Am n\u00e4chsten Tag wird die Reihenfolge wieder anders sein.<\/p>\n<p>Schlingensief war schon \u00f6fter in Wien. 2003 hat er Elfriede Jelineks &#8222;Bambiland&#8220; am Burgtheater dergestalt inszeniert, da\u00df vom St\u00fcck kaum etwas, daf\u00fcr in der allgemeinen Erinnerung die Filmeinblendung einer Masturbationsszene blieb. Seitdem liebt die Jelinek den Regisseur. Diesmal spendet sie ihm einen &#8222;Parsifal&#8220;Text, liest ihn auch gleich auf Video vor, projiziert aufs Riesenrad. Man sollte ihr \u00fcbrigens davon abraten, denn nur die wenigsten Autoren sind in der Lage, Eigenes auch gut vorzutragen. Im Laufe des Abends verliert das Rad allerdings immer mehr seiner Bespannung, steht am Schlu\u00df fast nur mehr als Speichenrad da, womit auch die Projektionsfl\u00e4che an ihr Ende ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Noch fr\u00fcher war Schlingensief im Jahre 2000 bei den Wiener Festwochen zu Gast, wo er die Container-Aktion &#8222;Bitte liebt \u00d6sterreich&#8220; veranstaltete. In deren Verlauf wurden aus einem Metallkasten vor der Staatsoper Asylbewerber einer nach dem anderen rausgew\u00e4hlt, der letzte h\u00e4tte die Chance auf eine Aufenthaltsbewilligung erhalten sollen, aber dann nicht gekriegt. Der lokale Boulevard wetterte dagegen, Schlingensief forderte den R\u00fccktritt des Kulturstadtrates und verlangte: &#8222;T\u00f6tet Wolfgang Sch\u00fcssel!&#8220;, verlie\u00df ganz schnell Wien. Und der Skandal war perfekt. Der Kulturstadtrat ist mittlerweile ein anderer, der Kanzler noch im Amt. <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hat man sich zum Herzst\u00fcck von &#8222;Area 7&#8220;, Schlingensiefs sogenanntem &#8222;Animatographen&#8220;, durchgek\u00e4mpft. Den gibt&#8217;s noch gar nicht. Den hat er sich nur ausgedacht! Hier hinter dem Riesenrad ist die Drehb\u00fchne st\u00e4ndig in Bewegung, man sieht Filmszenen auf Stoffbahnen, eine Art &#8222;Weltlichtspieltheater&#8220;, wie Schlingensief sagt. Die Idee zu all dem hatte er wohl schon bei seiner &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung in Bayreuth. Zumindest der dort verwesende Hase, aus dessen Bauch irgendwann Millionen Maden hervorbrechen, ist auch hier allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Dazwischen war er in der namibischen W\u00fcste und auf Island, ein Boot hat er auch mitgebracht. \u00dcberall machte er Filmaufnahmen, angeblich \u00fcber 300 Stunden, von nachgestellten Ursprungsmythen der Edda, von Parsifal, von Pinguinen und Strau\u00dfen, von Hasen und Joseph Beuys, von Meerkatzen, die ein Bureau umgestalten. Durch die Installation f\u00fchren neben dem Meister noch Andy Warhol, Joseph Beuys, Hermann Nitsch und wer wei\u00df wer noch. Hitler und G\u00f6ring sitzen in einer Festloge als G\u00e4ste. Es ist viel los im Burgtheater.<\/p>\n<p>Stolz weist Schlingensief auf sein Urklo hin, aus dem der Abflu\u00df mit 300 000 Kilometern pro Sekunde vonstatten gehe. Und der Zuschauer darf entscheiden, ob er hier verschei\u00dfert wird. Jedenfalls riecht es merkw\u00fcrdig. Aber das k\u00f6nnen auch nur vergammelte Fischreste in einem der Aquarien sein. Da geh\u00f6rt auch der Ton dazu, f\u00fcr alle Sinne soll etwas geboten werden. Themen aus &#8222;Parsifal&#8220;, Jelineks Lesung, allerhand andere Musik und Lautsprecheransagen verwandeln den Saal in einen kakophonischen Echoraum.<\/p>\n<p>Das Burgtheater geht auch technisch so weit es gehen kann und fri\u00dft Schlingensief sozusagen aus der Hand. Er ist entz\u00fcckt und will das Unternehmen erweitern, Brasilien und den Himalaja bereisen und bespielen. Auf der Feststiege singt derweil die gro\u00dfartige Patti Smith ihre Balladen. Auch sie ist Teil der Installation und legt zusammen mit ihr den Betrieb f\u00fcr sechs Tage lahm, wundert sich aber, da\u00df das in Wien m\u00f6glich ist, auf der imperialen Prunkstiege ein Konzert zu geben. In New York gehe das nicht, ist sie \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Das Haus am Ring wird auch das \u00fcberstehen, vielleicht sogar damit werben, wie jung und innovativ &#8222;wir in Wien&#8220; doch sind. Wenn aber Prater-Stimmung als Innovation verkauft wird, und Menschen, die sonst nie ein Theater betreten w\u00fcrden, auch mal die hehren Hallen durchschreiten, mag das angehen. F\u00fcr einige Zeit sollte jetzt aber auch wieder Schlu\u00df damit sein. Bleibt sowieso die Frage, was das alles soll.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Text: F.A.Z., 20.01.2006, Nr. 18 \/ Seite 37<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Burgtheater als begehbare Wurstelbude, in der es merkw\u00fcrdig riecht: Schlingensiefs Wiener Aktion &#8222;Area 7&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}