{"id":86,"date":"2006-01-20T11:41:57","date_gmt":"2006-01-20T09:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=86"},"modified":"2006-01-20T11:41:57","modified_gmt":"2006-01-20T09:41:57","slug":"heiliges-chaos-im-hasenstall-wiener-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=86","title":{"rendered":"Heiliges Chaos im Hasenstall (Wiener Zeitung)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Theater als Expedition durch Raum und Zeit: Christoph Schlingensiefs gastiert mit &#8222;Area 7&#8220; am Burgtheater<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Petra Rathmanner<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nVielleicht hat die Rockpoetin Patti Smith ja Recht, wenn sie \u00fcber &#8222;Area 7&#8220; sagt: &#8222;Es geht dabei um heiliges Chaos.&#8220; Auf jeden Fall hat Christoph Schlingensief mit diesem Spektakel aber ein wenig Anarchie ins Burgtheater gebracht.<\/p>\n<p>Nichts ist an diesem Abend so, wie es im Theater \u00fcblicherweise ist: Die Auff\u00fchrung hat weder Anfang noch Ende, die Zuschauer wandern vielmehr durch eine begehbare Landschaft. Auch ist es zu laut, aus Boxen dr\u00f6hnt die ganze Zeit \u00fcber bombastische Musik von Wagner, dazu quietschen E-Gitarren. Es ist aber auch zu dunkel, und es gibt zu viele Film bilder, weil auf praktisch jede freie Fl\u00e4che Videoclips projiziert werden. Kurzum: Es gibt von allem zu viel, es herrscht die absolute Reiz\u00fcberflutung, die totale \u00dcberforderung \u2013 und das ist gut so. Was an diesem Abend z\u00e4hlt, ist die Intensit\u00e4t des Augenblicks.<\/p>\n<p><strong>Im Trash-Paradies<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr hat Schlingensief und sein fast 50-k\u00f6pfiges Team im Zuschauerraum eine begehbare Film- und Drehb\u00fchne aufgebaut, die er nach einer Erfindung des Fin de Si\u00e9cle-Filmemachers Robert W. Paul Animatograph nennt.<\/p>\n<p>Dieses Unikum sieht aus, als h\u00e4tte der K\u00fcnstler Jonathan Meese darauf eines seiner apokalyptischen Trash-Panoramen installiert, angef\u00fcllt mit M\u00fcll, Bildern und Objekten. Konstruiert wurde das Ding aber von Tobias Buser und Thekla von M\u00fclheim.<\/p>\n<p><strong>Im Gedankenlabyrinth<\/strong><\/p>\n<p>Abseits von diesem Trumm k\u00f6nnen die Zuschauer eine Art Labyrinth betreten. Obwohl man sich darin nur etwa eine halbe Stunde aufh\u00e4lt, kommt es einem ob der \u00dcberf\u00fclle an Eindr\u00fccken weitaus l\u00e4nger vor.<\/p>\n<p>Die W\u00e4nde sind mit Graffitis bemalt, der verschlungene Weg f\u00fchrt \u00fcber schmale G\u00e4nge in R\u00e4ume, die wie Wunderkammern mit Fundst\u00fccken angef\u00fcllt sind, oder von Akteuren bev\u00f6lkert werden \u2013 wie etwa der kleinw\u00fcchsigen Karin Witt, oder dem als Katze verkleideten Michael Gempart. Auch der Boden unter den F\u00fc\u00dfen ver\u00e4ndert sich, mal steht man auf weicher Erde, mal auf hartem Untergrund, dann wieder auf einem Flausch teppich.<\/p>\n<p>In der Mitte, auf der gro\u00dfen Drehb\u00fchne des Burgtheaters, dreht sich ein Holzschiff um die eigene Achse. Dieser Kasten stand bereits im Slum der afrikanischen Stadt L\u00fcderitz (siehe: Wie kam es zu &#8222;Area 7&#8220;?).<\/p>\n<p>Dann gibt es noch ein raumf\u00fcllendes Windrad, das sich wie das Riesenrad langsam dreht und eine ideale Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Filme abgibt. Alles dreht sich, alles bewegt sich hier. Auch der Gang durchs Labyrinth erweist sich letztlich als Gang im Kreis: Am Ende steht man wieder am Ausgangspunkt.<\/p>\n<p><strong>Heiliger Bimbam<\/strong><\/p>\n<p>Das Chaos, von dem Patti Smith in einem Interview gesprochen hat, ist augenf\u00e4llig. Auch f\u00fcr das Heilige, das die US-Legende in dem Projekt sieht, gibt es vielerlei Anzeichen und Anspielungen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst schwingt das Glaubensthema in der Musik mit, schlie\u00dflich wird man mit Wagners &#8222;Parsifal&#8220; und Bachs &#8222;Matth\u00e4uspassion&#8220; voll gedr\u00f6hnt. Welterl\u00f6sungsmythen findet man aber auch in den alten Sagen. Schlingensief spricht davon, dass der Besucher von Midgard, so wird in der germanischen Mythologie die Welt der Menschen bezeichnet, nach Asgard gelangt, in der nordischen Mythologie ist das der Sitz der G\u00f6tter.<\/p>\n<p>Freilich fehlt es in den Wunderkammern nicht an religi\u00f6sen Insignien \u2013 wie etwa der Fisch, Symbol des Urchristentums, oder der Schoko-Osterhase, Zeichen eines marktorientierten Glaubens und ein genmanipuliertes Zwitterwesen, halb Hase, halb Fisch, Metapher f\u00fcr den Glauben an die Naturwissenschaften.<\/p>\n<p>Auch gibt es einen Raum mit Betst\u00fchlen, der sich &#8222;Forschungsgruppe Glaube&#8220; nennt. Man kann darin &#8222;alle seine Probleme loswerden&#8220;, oder einfach Elfriede Jelinek zuh\u00f6ren, die vom Bildschirm herab einen Text vorliest, in dem es um das Leiden des Menschen an seiner Sterblichkeit geht. Sogar an einen &#8222;Kreuzgang&#8220; hat Schlingensief gedacht: Es gibt zw\u00f6lf Stahlschr\u00e4nke in denen Videofilme flimmern.<\/p>\n<p>Das ganze Unternehmen funktioniert wie eine enorme Assoziationsbeschleunigung: Schlingensief verbindet hier alles mit jedem. Dadurch bietet er dem Besucher ein \u00fcberbordendes Fusionserlebnis der K\u00fcnste, ein wunderliches Sammelsurium an Themen \u2013 von 9\/11 und Beuys \u00fcber Odin und Wotan bis hin zu Hitler und Andy Warhol.<\/p>\n<p>Die Gefahr des Abends liegt in seiner Beliebigkeit. Die Chance aber liegt in einem flirrenden Gedankenspiel. Und auch wer sich f\u00fcr &#8222;heiliges Chaos&#8220; wenig begeistern kann, kann dabei einen Heidenspa\u00df haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberw\u00e4ltigend. 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