{"id":84,"date":"2006-01-19T11:30:24","date_gmt":"2006-01-19T09:30:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=84"},"modified":"2006-01-19T11:30:24","modified_gmt":"2006-01-19T09:30:24","slug":"alles-neu-ertasten-wie-ein-gescheiterter-gott-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=84","title":{"rendered":"\u00bbAlles neu ertasten, wie ein gescheiterter Gott\u00ab (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief hat das Burgtheater okkupiert. Ein Besuch bei dem Rabauken, der pl\u00f6tzlich gel\u00e4utert erscheint<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Peter Roos<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nDas soll die gr\u00f6\u00dfte Nervens\u00e4ge des deutschen Polittheaters sein, die da kreuzbrav in der Behelfskantine des Burgtheaters sitzt? Die sich wohlerzogen vorgestellt hat? Das soll der vorlaute Rabauke sein, der kein Mikro ausl\u00e4sst und niemals eine Talkshow schw\u00e4nzt, um vorlaut den Ober-Provo zu geben?<\/p>\n<p>Drei Stunden mit Christoph Schlingensief an einem provisorischen Biertisch. Denn wie k\u00f6nnte es anders sein, wenn dieser Typ anr\u00fcckt \u2013 die originale Kantineneinrichtung ist abgebrannt. Ihm zuliebe?<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hat er seine Brille nicht tussim\u00e4\u00dfig ins Haar drapiert. Sie steckt im Ausschnitt seines Overalls, den er, schon nach ein paar Arbeitswochen ver\u00f6sterreichert, Gewand nennt. In den Nationalfarben Rot und Wei\u00df bespritzt. Aber nicht skandal\u00f6s koloriert. Im Gegenteil. Als habe er gerade Muttis Waschk\u00fcche frisch get\u00fcncht. Die B\u00fchnen-Lackschuhe schwarz-wei\u00df wie verrutschte Zebrastreifen. Der Bart drei Tage alt. Grau meliert das Haar im Mecki-Schnitt, moderat zu Berge stehend. <\/p>\n<p>Tief und unschuldig die Augen, warm der Blick, fest und niemals ausweichend. Und unendlich verletzt. Daf\u00fcr ballt er \u00f6fters die Faust mit seinen Handwerkerh\u00e4nden und st\u00f6\u00dft den robusten Zeigefinger im Sprechrhythmus auf die gehobelten Bretter des Tisches.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief inszeniert sein Mythenlabyrinth Area 7 an der ersten B\u00fchne des Landes. Vor 45 Jahren im deutschen Oberhausen geboren, Vater Apotheker, Mutter Krankenschwester. Schon als Kind fuhrwerkt er mit der Kamera herum, gr\u00fcndet als Sch\u00fcler eine Super-8-Gruppe und wird nach dem Abitur zweimal von der M\u00fcnchner Filmhochschule abgelehnt. Das Germanistikstudium schmei\u00dft er nach sieben Semestern und jobbt sich durch die Cineasten-Szenen. Er dichtet und dreht experimentell F\u00fcr Elise. Seine Aktivit\u00e4ten f\u00fcllen Seiten.<br \/>\nHeute ist Schlingensief bekannt von Bayreuth bis Berlin, von RTL bis MTV, und in Wien ist er vor allem ber\u00fcchtigt wegen seiner Festwochen-Container, einer medienwirksam umstrittene Sozialinstallation f\u00fcr zw\u00f6lf Asylbewerber auf dem Platz neben der Oper. Provokant die Publikation dazu: \u00bbAusl\u00e4nder raus \u2013 bitte liebt \u00d6sterreich!\u00ab<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt Wien! Der Tafelspitz mundet ihm, den Mohr im Hemd nascht er und Hollersaft trinkt er literweise. Einen Zeit lang wollte er sogar \u00fcbersiedeln, aber vor dem Umzug hat ihn der Umgang der Wiener untereinander geschreckt, vor allem aber auch der mit den Piefkes, das ewig intrigante \u00bbHin und Her und Hintenrum\u00ab, die deutsche Illusion, man verst\u00fcnde ohnehin alles in dieser Geschmeidigkeit.<\/p>\n<p>Man werde umworben und umarmt und merkt nicht, dass das Messer schon im R\u00fccken steckt: \u00bbAber die Wiener Messer sind nur aus Marzipan!\u00ab Fazit: \u00bbHerkommen ist sch\u00f6n. Aber nach sechs Wochen reicht\u2019s!\u00ab Denn: \u00bbWehe den ausw\u00e4rtigen K\u00fcnstlern, die hierher kommen, um geliebt zu werden und die Kurve nicht rechtzeitig kratzen!\u00ab Die w\u00fcrden angebohrt und blieben zerst\u00f6rt zur\u00fcck. Luc Bondy zum Beispiel, der Festwochen-Chef, kolportiere ausgerechnet in der J\u00fcdischen Allgemeinen, dass sein so hoch gesch\u00e4tzter Freund Schlingensief an die Burg abgewandert sei, verschweigend, dass er selbst es war, der das neue Projekt abgelehnt hat. <\/p>\n<p>\u00dcberhaupt Theater! \u00bbDiese Schnapsnasen, die \u00fcberall in den Kantinen herumh\u00e4ngen und immer noch erz\u00e4hlen, sie h\u00e4tten mal Hamlet gespielt!\u00ab Die B\u00fchne diene ihm dagegen lediglich als \u00bbArbeitsfl\u00e4che\u00ab, er nutze blo\u00df den auratisch aufgeladenen Ort. Ansonsten sei ihm Theater \u00bbnur unangenehm, grenzwertig, peinlich!\u00ab <\/p>\n<p>Er k\u00f6nne damit nichts anfangen. Deswegen: \u00bbGanz verdammt selten\u00ab ginge er hinein und dann \u00bbnur letzte Reihe rechts hinten\u00ab auf einem Fluchtplatz. Den ganzen Anstalts-\u00bbSound\u00ab mit seinen K\u00fcsschens und Hallos k\u00f6nne er nicht mehr vertragen, und diese Regisseure mit ihrer ewig \u00bbwahnsinnig interessanten Aufladung\u00ab findet er unertr\u00e4glich. Und die Heroen? Peter Zadek, ein Freund, aber er verstehe ihn nicht; bei Bondy die Kunst immer dreimal dick unterstrichen, und mit Claus Peymann habe er nichts am Hut \u2013 f\u00fcr den sei er nur ein Dilettant und ein Bl\u00f6dkopf. <\/p>\n<p>Freilich inszeniert jetzt er an der Burg, w\u00e4hrend Peymann sich \u00bbin den Arsch bei\u00dft \u00fcber seinen Weggang aus Wien und mit seinem wehenden Mantel allein herumsitzt in Berlin, wo ihn niemand mag!\u00ab Aber \u00bbein geiles Haus ist das Berliner Ensemble trotzdem, das ich gerne als Intendant \u00fcbernehmen m\u00f6chte!\u00ab Doch die alten Herren s\u00e4\u00dfen fest im Sattel, die Pfr\u00fcnde seien verteilt. \u00bbDas Netzwerk dicht gekloppt\u00ab, bes\u00e4\u00dfen sie Vertr\u00e4ge bis in die Ewigkeit. Und Programmhefte mit aller Dramaturgiebesserwisserei und \u00bbdem absolutem Wissen \u00fcber Wagner!\u00ab Da redet er lieber \u00fcber seine Eltern. <\/p>\n<p>T\u00e4glich telefoniert er mit Zuhause und f\u00fcrchtet sich vor Mutters Tod und Vaters Tod. Er liebt seine Eltern. Sie ihn. Er liebt sie auch daf\u00fcr, dass sie ihn tolerieren und seine schlimmen Skandale ertragen und mitgetragen haben. Wiewohl sie bis heute nicht akzeptieren, dass er nicht Apotheker geworden ist wie Daddy: Ehemann, Vater und im Lions-Club. Dass er es doch noch bis hoch nach Bayreuth geschafft hat, ist ihnen ein Trost. <\/p>\n<p>Er redet \u00fcber Liebe, Schmerz und Tr\u00e4nen. Und \u00fcber die Angst, sein \u00bbLebenselixier\u00ab. Angst seit der Dunkelheit des Kinderzimmers. Nur wenn diese Angst aussetze, werde er mutig: \u00bbIm Kern bin ich feige\u00ab, gesteht er, nicht laut, aber bestimmt. Und es schmerze, dass die \u00d6ffentlichkeit immer nur \u00bbdie Oberfl\u00e4che klingen und blitzen sehen will!\u00ab Er k\u00f6nnte heulen, \u00bbund wie\u00ab. Pl\u00f6tzlich l\u00f6sen sich f\u00fcr Sekunden im Gesicht die Konturen. Er wendet sich ab. <\/p>\n<p>\u00dcberhaupt die Medien! Die hat er bespielt wie kein Zweiter. Benutzt bis zum Exzess. Er hat sich bis zum \u00dcberdruss in den Vordergrund gespielt. Der Overkill kam dann schlie\u00dflich als Bumerang voll zur\u00fcck. So voll zur\u00fcck, dass er sich pl\u00f6tzlich selbst verloren glaubte \u00bbund auf die Bremse stieg!\u00ab. Aber das Etikett ist zu seinem Kummerbund geworden: \u00bbUnter Provokateur l\u00e4uft in der Presse gar nix!\u00ab Das klebt an ihm wie das Label Enfant terrible am greisen George Tabori, 92. Seine Finger fahren vom Schuh zum Knie, greifen ans Auge, packen die Schulter, zippen den Rei\u00dfverschluss auf und ab. Mut sei f\u00fcr ihn nicht mehr, den Satz \u00bbT\u00f6tet Helmut Kohl\u00ab zu formulieren: \u00bbMut ist f\u00fcr mich, mich selbst innerlich zu durchkramen. Ins eigene Arschloch zu kriechen, und zwar so lange, bis ich beim Kopf wieder herauskomme!\u00ab Er spricht von \u00bbSelbstbeschmutzung\u00ab, will aber den Begriff \u00bbL\u00e4uterung\u00ab nicht h\u00f6ren. <\/p>\n<p>Zu katholisch? Der Ministrant von einst sieht jetzt aus wie ein Novize. Endlich k\u00f6nne er warten. Endlich habe er aufgeh\u00f6rt, sich und seine k\u00fcnstlerische Begabung \u00bbzuzusch\u00fctten\u00ab. Deswegen sei er aus Deutschland nach Afrika geflohen, um in Ruhe zu arbeiten auf der neuen \u00bbTeststrecke\u00ab, auf der er \u00bbganz langsam unterwegs\u00ab sei. Und ohne Aino Laberenz, seine Kost\u00fcmbildnerin, die Liebe seit zwei Jahren, \u00bbl\u00e4uft sowieso nix!\u00ab. Aus mit den Publicity-Zeiten, zu denen \u00bbman sich gerne sieht, liest und reden h\u00f6rt!\u00ab Kraftvoll die Einsicht: \u00bbIch muss alles neu ertasten wie ein gescheiterter Gott!\u00ab<\/p>\n<p>Noch immer hadert er mit dem gro\u00dfen Bruch in seinem Leben, und so frisch, verletzt, erbost, voll kindlichen Entsetzens, dass ihm so viel \u00dcbel widerfahren konnte, bricht die Erinnerung heraus, als sei nicht l\u00e4ngst ein Vierteljahrhundert mittlerweile dar\u00fcber vergangen: das Dr\u00fcsenfieber, der geplatzte Blinddarm, das Abitur vergeigt. Und das alles in einem einzigen Jahr. <\/p>\n<p>Ob man es glauben mag oder nicht \u2013 nie habe er provozieren wollen, beteuert er. Provoziert h\u00e4tten sich blo\u00df immer die anderen gef\u00fchlt. Er tue einfach nur das, was er tun m\u00fcsse. Seiner Logik und seinem \u00e4sthetischen Ordnungsprinzip folgend, ein Alchimist seiner selbst und der Dinge um ihn herum. Da ihn \u00bbKlarheit und die guten deutschen L\u00f6sungen langweilen bis zum Einschlafen\u00ab, sieht er sich vom Schicksal \u00bbpr\u00e4destiniert f\u00fcr die Produktion von Missverst\u00e4ndnissen\u00ab. Denen wird er mit seinem neuesten work in progress wieder reichlich Nahrung geben. <\/p>\n<p>Von Vorder- bis Hinterb\u00fchne bildet er im Burgtheater den Inhalt seines Gehirns und den M\u00e4ander seiner Sinnesbewegungen ab. Der Zuschauer wird die Visionskammern des zerebralen Guck-Kastls begehen, begreifen, betasten k\u00f6nnen, an deren unvollendbarer Fertigstellung Christoph Schlingensief bis zur letzten Minute und nat\u00fcrlich dar\u00fcber hinaus ordentlich chaotisch werkt. <\/p>\n<p>Mit der Ruhe der Souver\u00e4nit\u00e4t pfl\u00fcgt er durch die Brandung dieser Probenarbeit und h\u00e4lt Kurs. Er erkl\u00e4rt, tackert, dirigiert, telefoniert, da eine Anweisung, dort eine Diskussion, hier eine Handreichung, und voller sozialer Grazie schlingt er die Verbindungen zwischen G\u00e4sten, Neugierigen, Journalisten und den Schauspielern, seiner Familie. Da wird eine klitzekleine Leni Riefenstahl ihren gro\u00dfen Massai ablichten, da werden Hitler und Stalin in die Sachertorte masturbieren, da wird ein t\u00e4uschend echtes Hermann-Nitsch-Double bes\u00e4uselt \u00fcber die Bretter schlingern und ein hyperrealistischer Otto M\u00fchl im Rollstuhl \u00fcber die Leinwand robben. Patti Smith live, Beuys plastifiziert, und es wagnert aus allen Rohren. <\/p>\n<p>Nach dem Gespr\u00e4ch muss Christoph Schlingensief noch schnell die Kleidung wechseln, in seinem bekleckerten Arbeitsgewand k\u00f6nne er nicht auf dem Mitarbeiterfest auftauchen. Der Zeitnot wegen zieht er sich gleich in der Portierloge um und, ungesch\u00fctzt vor Blicken und der schneidenden Zugluft ausgesetzt, gesteht in seinen rabenschwarzen Boxershorts von Hugo Boss, dass seine Vorbilder nicht eben Schiller und Goethe seien, sondern Beuys und sein Onkel Heinrich und sein Onkel Willy.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Nach drei Vorbereitungsabenden er\u00f6ffnet Christoph Schlingensief am 20. J\u00e4nner seine \u00bbMatth\u00e4usexpedition\u00ab zur \u00bbArea 7\u00ab, einen Rundgang durch ein Installationslabyrinth, das von mythologischen Versatzst\u00fccken bev\u00f6lkert ist, die der Chaosmacher seit Jahren sammelt. Er nennt es einen \u00bblebenden Organismus, auf dem der Zuschauer herumf\u00e4hrt, lebt und selber zum Bestandteil wird\u00ab.<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>(c) DIE ZEIT 19.01.2006 Nr.4<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief hat das Burgtheater okkupiert. 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