{"id":806,"date":"2014-01-09T16:22:48","date_gmt":"2014-01-09T14:22:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=805"},"modified":"2014-01-09T16:22:48","modified_gmt":"2014-01-09T14:22:48","slug":"schlingensiefs-karawane-zieht-weiter-mopo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=806","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS KARAWANE ZIEHT WEITER (MOPO)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aino Laberenz verwaltet den K\u00fcnstler-Nachlass. Das Operndorf bekommt einen Berlin-Ableger<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Volker Blech<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Wie mutig er eigentlich war&#8220;, sagt Aino Laberenz, das wisse sie heute erst. \u00dcber vieles hat sie seit dem Tod von Christoph Schlingensief im August 2010 nachgedacht. Wie er immer wieder alles untersucht habe, unnachgiebig und unbestechlich ehrlich. Und \u00fcberhaupt seine Einsichten in die Kunst, die weit mehr als nur Oberfl\u00e4che sind. Aino Laberenz war die Frau des Berliner Multik\u00fcnstlers \u2013 und sie verwaltet heute seinen Nachlass. Was zweifellos kein leichtes Erbe ist. Dazu geh\u00f6rt auch das Operndorf Afrika, dessen Entstehung Schlingensief in seinen letzten Schaffensjahren vorangetrieben hat. &#8222;Christoph war es ein wahnsinniges Anliegen, afrikanischen K\u00fcnstlern in Deutschland eine Plattform zu geben&#8220;, sagt sie.<\/p>\n<p>Schlingensief hatte mit Fernsehsendern und B\u00fchnen verhandelt, damit sie Afrikanern Platz f\u00fcr ihre Kunst frei r\u00e4umen. Damit in Deutschland Bilder aus Afrika gezeigt w\u00fcrden, die von Afrikanern gemacht seien. Das Operndorf sollte kein deutscher Kulturexport nach Afrika sein. &#8222;Christoph ist kein Missionar&#8220;, sagt Aino Laberenz. Sie benutzt das Pr\u00e4sens und kurzzeitig taucht das Gef\u00fchl auf, Schlingensief sitzt mit am Tisch bei diesem Gespr\u00e4ch. Das findet in einem Caf\u00e9 im Prenzlauer Berg statt, denn es gibt Neues zu berichten rund ums Operndorf. Aber dazu muss man wieder einmal der Schlingensief-Karawane um drei Ecken folgen.<\/p>\n<p><strong>Mehr als Trommeln und Tanzen<\/strong><\/p>\n<p>In Berlin beginnt heute ein dreit\u00e4giges afrikanisches Festival mit dem Titel &#8222;Im Exil: Festival au D\u00e9sert&#8220;. Das findet in der Volksb\u00fchne, der Akademie der K\u00fcnste und im Kino Babylon statt, also an honorigen Orten. Das Festival von Timbuktu selbst soll das bedeutendste Musikfestival Westafrikas sein und rund 5000 Besucher haben. Aber Mali steckt gerade in politisch-religi\u00f6ser Unruhe und so klopften die Musiker der TuaregNomaden beim Operndorf im benachbarten Burkina Faso an. Sie nennen es Exil und ihre Gastspiele eine Karawane des Friedens. Ein Konzert an der Volksb\u00fchne beschlie\u00dft das Berliner &#8222;Exil&#8220;-Festival am Freitag, heute wird es mit der Kinovorf\u00fchrung von D\u00e9sir\u00e9e von Trothas Film &#8222;Woodstock in Timbuktu&#8220; er\u00f6ffnet, morgen folgt eine Podiumsdiskussion auch dar\u00fcber, dass die afrikanische Kunst mehr als Singen, Trommeln und Tanzen ist.<\/p>\n<p>Aino Laberenz spricht allerdings kaum \u00fcber afrikanische Kunst, sie hat sich als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Operndorfes, einer gemeinn\u00fctzigen GmbH, mit weit bodenst\u00e4ndigeren Dingen auseinanderzusetzen. Mit gro\u00dfem Musiktheater, wie der Name verhei\u00dft, hat das Entwicklungsprojekt eigentlich nichts zu tun. &#8222;Christoph hat doch immer den erweiterten Opernbegriff vertreten&#8220;, sagt sie. H\u00f6rt man ihre Erz\u00e4hlungen \u00fcber die Ideenfindung, dann mag das aus heutiger Sicht romantisch-tragische Z\u00fcge tragen. Ein junges K\u00fcnstlerehepaar, er schwer erkrankt und st\u00e4ndig mit dem Thema Tod und Erl\u00f6sung befasst, reist durch mehrere L\u00e4nder Afrikas, dorthin, wo die Wiege der Menschheit stand, um schlie\u00dflich im kleinen Burkina Faso einen geeigneten Platz f\u00fcr das Operndorf zu finden. Ein halbes Jahr nach der Grundsteinlegung verstirbt er an seinem Krebsleiden.<\/p>\n<p>Das Operndorf liegt 40 bis 50 Autominuten von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt in einer l\u00e4ndlichen Region. Das sollte so sein. Aino Laberenz wei\u00df um den Erwartungsdruck, der auf ihr lastet. Von allen Seiten. &#8222;Die Schwierigkeit ist, dass Christoph nicht mehr da ist.&#8220; Sie spricht davon, alles &#8222;Schritt f\u00fcr Schritt&#8220; zu machen. Der kulturelle Begegnungsort entsteht in drei Stufen. Im ersten Abschnitt wurden etwa die Schule und Lehrerwohnungen errichtet. Die Kinder kommen aus bis zu sechs Kilometer Umgebung. &#8222;Es gibt ein reges Leben im Dorf&#8220;, sagt sie, aber es werde niemand umgesiedelt. Wer sich ansiedeln will, kann es tun. Im zweiten Schritt wurde gerade eine Krankenstation errichtet, die dem Gesundheitsministerium \u00fcbergeben wird. Erst in der dritten Bauphase entsteht das &#8222;Festspielhaus&#8220;, der Begegnungsort der K\u00fcnste.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich erinnert das Modell und der Name an Richard Wagners Festspielhaus in Bayreuth, dort, wo Schlingensief als Opernregisseur mit dem &#8222;Parsifal&#8220; gerungen hat. Auch in Afrika geht es um eine Art Gesamtkunstwerk. Aber Aino Laberenz findet Vergleiche mit Bayreuth, zumal den dynastischen Gedanken im F\u00fchrungsanspruch, sehr abwegig. Christoph h\u00e4tte den Ort in Afrika auch deswegen gut gefunden, &#8222;weil dort niemand wusste, wer Schlingensief ist&#8220;. Und was die Oper angeht, gibt es keinerlei Pl\u00e4ne. &#8222;Aber wenn die Leute vor Ort das wollen&#8220;, so Aino Laberenz, &#8222;dann k\u00f6nnen sie es tun.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ausstellung in den Kunstwerken<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise wird sie, die junge Witwe, als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin sogar untersch\u00e4tzt wegen ihrer Zartheit und Zur\u00fcckhaltung. Dabei l\u00e4sst ihre eigene Geschichte und die ihrer Familie auf eine Mischung aus Gestaltungswillen und Fernweh schlie\u00dfen. Ihr Vater Werner Laberenz war Gymnasiallehrer, der 1977 f\u00fcr f\u00fcnf Jahre als Dozent nach Finnland ging. Deshalb wurde Tochter Aino 1981 in Turku geboren. Sp\u00e4ter wurde ihr Vater der erste hauptamtliche B\u00fcrgermeister von Wetter an der Ruhr. Jetzt stampft seine Tochter gerade ein Dorf in Afrika aus dem Boden. &#8222;Aber ich musste erst lernen rauszugehen&#8220;, sagt sie: &#8222;Ich bin keine Rampensau und will das auch nicht sein.&#8220;<\/p>\n<p>Auch ihr k\u00fcnstlerischer Werdegang l\u00e4sst auf Fernweh schlie\u00dfen. &#8222;Wie sich alle die Welt entdecken&#8220;, sagt sie. Das Kunstgeschichtsstudium unterbrach sie schnell wieder, um ein Theaterpraktikum in Bochum zu machen. Schlie\u00dflich wurde eine Kost\u00fcm- und B\u00fchnenbildnerin aus ihr. Dann ging sie nach Z\u00fcrich, wo ihr Schlingensief begegnete. Sie wurde die filigrane, stille Frau an der Seite des egomanischen K\u00fcnstlers, dessen Rastlosigkeit und Provokation alle Aufmerksamkeit auf sich zog.<\/p>\n<p>Jetzt f\u00fchrt sie sein Erbe weiter. &#8222;Christoph war jemand, der hinterlassen wollte&#8220;, sagt sie, er habe schon fr\u00fch ein Archiv angelegt. Zusammen mit der Kuratorin Susanne Gaensheimer gestaltete Aino Laberenz den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig. Noch bis zum 19. Januar l\u00e4uft in den Berliner Kunstwerken eine erste Gesamtschau des Werkes von Christoph Schlingensief. Die Ausstellung wird sie anschlie\u00dfend ins MoMA nach New York begleiten.<\/p>\n<p>Festival Im Exil: Festival au D\u00e9sert. Im Kino Babylon wird am 8.1. um 19.45 Uhr der Film &#8222;Woodstock in Timbuktu&#8220; gezeigt. In der Akademie der K\u00fcnste am Pariser Platz findet am 9.1. ab 18 Uhr ein Publikumsgespr\u00e4ch und eine Podiumsdiskussion \u00fcber Afrika jenseits von Klischees statt. In die Volksb\u00fchne l\u00e4dt am 10.1. um 20 Uhr ein Konzert u.a. mit dem Orchestre Amanar de Kidal, Khaira Arby sowie der S\u00e4ngerin Nneka mit Band.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/printarchiv\/kultur\/article123648836\/Schlingensiefs-Karawane-zieht-weiter.html\" target=\"_blank\">Berliner Morgenpost vom 8.1.2014<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aino Laberenz verwaltet den K\u00fcnstler-Nachlass. 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