{"id":805,"date":"2014-01-08T09:54:51","date_gmt":"2014-01-08T07:54:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=804"},"modified":"2014-01-08T09:54:51","modified_gmt":"2014-01-08T07:54:51","slug":"schlingensiefs-fenster-neues-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=805","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEFS FENSTER (NEUES DEUTSCHLAND)"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcr drei Tage und drei N\u00e4chte treffen sich die Karawanen der Touareg-Nomaden einmal im Jahr in Timbuktu, am Rande der gr\u00f6\u00dften W\u00fcste der Welt. Sie kommen mit Kamelen und Autos und feiern das monumentale \u00bbFestival au D\u00e9sert\u00ab &#8211; das Festival in der W\u00fcste. Musiker, Poeten und T\u00e4nzer aus Mali und den umliegenden L\u00e4ndern spielen dazu auf. Fliegende H\u00e4ndler und Besucher von \u00fcberall reisen an.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Thembi Wolfram<\/em><\/p>\n<p>Seit zw\u00f6lf Jahren sind auch europ\u00e4ische K\u00fcnstler und Touristen eingeladen, so ist das Fest in der W\u00fcste zu einem Forum f\u00fcr musikalischen Austausch und einem der gr\u00f6\u00dften Musikfestivals in Westafrika gewachsen. Nur in diesem Jahr ist alles anders. Die Sicherheitslage zwingt das \u00bbFestival au D\u00e9sert\u00ab zum ersten Mal ins Exil. Vom 8. bis zum 10. Januar findet es in diesem Jahr in Berlin statt.<\/p>\n<p>Manny Ansar, k\u00fcnstlerischer Leiter des Festivals, k\u00e4mpfte noch bis Anfang Dezember daf\u00fcr, sein Festival in Timbuktu austragen zu d\u00fcrfen. Aber seit Beginn der K\u00e4mpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen 2011 fehlt es durch die Sicherheitslage in Mali an Voraussetzungen, um Touristen und K\u00fcnstler zu beherbergen. Nach der letzten Z\u00e4hlung des UN-Fl\u00fcchtlingswerks sind au\u00dferdem fast 350 000 Malier auf der Flucht &#8211; darunter viele Tuareg, die seit Ausbruch der Konflikte in manchen Landesteilen verfolgt werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/86263.jpg\" width=\"450\" height=\"309\" alt=\"Szene aus dem Film &Acirc;&raquo;Woodstock in Timbuktu&Acirc;&laquo;, der zum Festivalauftakt im Kino Babylon gezeigt wird.\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Auch die K\u00fcnstler des \u00bbFestival au D\u00e9sert\u00ab haben sich deshalb auf die Reise begeben &#8211; als \u00bbKarawane des Friedens\u00ab. Der Name erinnert an die \u00bbFlamme des Friedens\u00ab, in der nach dem letzten blutigen Konflikt vor sieben Jahren alle Waffen verbrannt wurden. Nach einer schweren Zeit f\u00fcr die Tuareg sollte damit der Beginn einer friedlichen \u00c4ra besiegelt werden. Seit November letzten Jahres nun zieht die musikalische \u00bbKarawane des Friedens\u00ab von Marokko durch ganz Westafrika nach Burkina Faso. Viele der geflohenen Tuareg sind dort in Fl\u00fcchtlingslagern untergebracht. Ziel ist das Projekt \u00bbOperndorf\u00ab des verstorbenen Ausnahmek\u00fcnstlers Christoph Schlingensief in Burkina Faso. Inmitten der Steppe plante er, ein Dorf zu errichten, in dem Hochkultur und Alltag nicht mehr getrennt gelebt werden.<\/p>\n<p>Aino Laberenz, Lebensgef\u00e4hrtin von Schlingensief und seit seinem Tod Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des \u00bbOperndorfs\u00ab, hat die K\u00fcnstler des \u00bbFestival au D\u00e9sert\u00ab eingeladen, ihre Reise dort zu beenden. Gemeinsam mit der \u00bbStiftung Partnerschaft mit Afrika e. V. lud sie das Festival nun auch zu einem spontanen Gastspiel nach Berlin ein. \u00abWir wollen ein Fenster nach Westafrika \u00f6ffnen. Das war auch immer das Bestreben von Christoph\u00bb, sagt sie. F\u00fcr drei Veranstaltungen an drei Tagen macht die Karawane in Berlin halt.<\/p>\n<p>Zum Auftakt von \u00abIM EXIL: Festival au D\u00e9sert\u00bb wird der Dokumentarfilm \u00abWoodstock in Timbuktu\u00bb im Babylon Kino gespielt. Der Film dokumentiert das Festival im Jahr 2011, dem letzten Jahr ohne den Schatten des Krieges. In einer der Schl\u00fcsselszenen des Films sitzt ein junger Tuareg mit schwarzem Turban in einem bunt gemusterten Zelt, das vom W\u00fcstenwind flattert. Er sucht nach Worten, neben ihm lehnt die deutsche Regisseurin D\u00e9sir\u00e9e von Trotha. \u00abDie Gitarre\u00bb, sagt der junge Mann schlie\u00dflich und \u00fcberlegt noch einmal kurz, \u00abdie ist ein bisschen wie unsere Waffe geworden. Fr\u00fcher haben wir mit Waffen und Schwertern gek\u00e4mpft. Die Gitarre ist jetzt unser letztes Mittel.\u00bb Nach der Filmvorf\u00fchrung steht ein Gespr\u00e4ch mit der Regisseurin, Manny Ansar, dem Direktor des Festivals und Aino Laberenz auf dem Programm.<\/p>\n<p>In einer Podiumsdiskussion soll deutsch-afrikanischer Kulturdialog abseits von \u00abSingen, Trommeln und Tanzen\u00bb diskutiert werden. Aino Laberenz: \u00abEs geht uns darum, Afrika eine eigene Stimme zu geben. 80 Prozent der Bilder, die wir von Afrika haben, haben wir selbst gemacht.\u00bb Wenn von afrikanischer Kunst die Rede ist, werde oft an Kunsthandwerk gedacht. Moderne Gegenwartskunst bekomme selten eine Plattform. \u00abF\u00fcr die K\u00fcnstler ist es schwer, im Westen ernst genommen und als gleichwertig anerkannt zu werden.\u00bb<\/p>\n<p>Zum Abschluss gibt es ein gemeinsames Konzert malischer und deutscher K\u00fcnstler in der Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz unter dem Titel \u00abSchlingensief in Timbuktu\u00bb. Die Band Amanar de Kidal spielt mit traditioneller Gitarre zu einer tanzbaren Version des \u00abDesert Blues\u00bb (W\u00fcstenblues) auf. Die Musiker der Gruppe mussten vor den K\u00e4mpfen in ihrer Heimat im Norden Malis in den ruhigeren S\u00fcden und nach Algerien fliehen und reisen aus dem Exil an.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt des Abends ist der Auftritt von Kha\u00efra Arby. Die kr\u00e4ftige Stimme der \u00abQueen des W\u00fcstenblues\u00bb, wie sie in Mali genannt wird, ist eine der bekanntesten Stimmen des Landes. Eine musikalische Kooperation der experimentierfreudigen Hamburger Band Kante und Hip-Hop K\u00fcnstlerin Nneka sind Symbol f\u00fcr musikalische afrikanisch-deutsche Kooperation. Nach fast drei Monaten wird die \u00abKarawane des Friedens\u00bb dann zur\u00fcck nach Westafrika fliegen. Schon im n\u00e4chsten Jahr soll das Festival wieder an den gewohnten Ort unter der W\u00fcstensonne Timbuktus zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>\u00abFestival au D\u00e9sert im Exil\u00bb vom 8. bis 10. Januar in der Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz, in der Akademie der K\u00fcnste und im Kino Babylon<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/920207.schlingensiefs-fenster.html\">Neues Deutschland, Kultur, vom 08.01.2014<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr drei Tage und drei N\u00e4chte treffen sich die Karawanen der Touareg-Nomaden einmal im Jahr in Timbuktu, am Rande der gr\u00f6\u00dften W\u00fcste der Welt. 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