{"id":804,"date":"2013-12-19T22:14:16","date_gmt":"2013-12-19T20:14:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=803"},"modified":"2013-12-19T22:14:16","modified_gmt":"2013-12-19T20:14:16","slug":"zorn-und-spieltrieb-junge-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=804","title":{"rendered":"ZORN UND SPIELTRIEB (JUNGE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Raus aus den Tabus, rein in den Betrieb: Das Ph\u00e4nomen Schlingensief in den Berliner Kunstwerken<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Matthias Reichelt<\/em><\/p>\n<p>An Christoph Schlingensief scheiden sich nicht mehr die Geister. Die Vorw\u00fcrfe der Scharlatanerie und des hysterischen Aktionismus waren schon vor seinem fr\u00fchen Tod mit nur 49 Jahren im Jahre 2010 nahezu verstummt. Der von ihm teilweise brachial angegegriffene Kulturbetrieb hatte ihn l\u00e4ngst eingemeindet.<\/p>\n<p>Schlingensief war notorisch umtriebig und den meisten Menschen, die ihn kennenlernten, sofort sympatisch. Sein Charme \u00f6ffnete ihm die T\u00fcren f\u00fcr die gewagtesten Projekte. \u00bbScheitern als Chance\u00ab, der Slogan der von ihm anl\u00e4\u00dflich der Bundestagswahl 1998 mitgegr\u00fcndeten Spa\u00df-, Aktions- und K\u00fcnstlerpartei \u00bbChance 2000\u00ab, w\u00e4re ein gutes Motto f\u00fcr seine genre\u00fcbergreifende Produk\u00adtion, die nie elaboriert und glatt war, sondern stets disparat und \u00f6fter auch mi\u00dflungen.<\/p>\n<p>Wie in Versuchsanordnungen lie\u00df er in verschiedenen Formaten Prominente, K\u00fcnstler und ganz Unbekannte aufeinandertreffen, wobei er als polarisierender Moderator auftrat. In seinen Theaterst\u00fccken wagte er sich immer an die gro\u00dfen Themen und Fragen und brachte sie mit Zorn, Spieltrieb und dem Mut zur banalisierenden Geste in guten Momenten in eine rauschhafte Form. Die traditionellen Regeln des Theaters wie auch die des Kinos wurden von ihm konsequent ignoriert, wie er auch die Grenze zwischen B\u00fchne und Zuschauer st\u00f6rend fand.<\/p>\n<p>Menschen von den gesellschaftlichen R\u00e4ndern ins Zentrum zu r\u00fccken, Behinderte nicht auszugrenzen und sie als Schauspieler auf die B\u00fchne zu holen, ohne sie l\u00e4cherlich zu machen, das war ein gro\u00dfes Verdienst von Schlingensief. Unverge\u00dflich wie Achim von Paczensky (1952\u20132009) Heiner M\u00fcller oder Hildegard Knef spielte oder Mario Garzaner, der sp\u00e4tere Hauptkandidat der Partei \u00bbChance 2000\u00ab, kongenial als R. W. Fassbinder auftrat.<\/p>\n<p>In den starken Momenten seiner Filme und Theaterst\u00fccke verwurstete Schlingensief gekonnt Geschichte und Politik, um sie als Farce zu starken Bildern zu komprimieren. Dabei mu\u00dften alle Seiten Federn lassen, es gab keine Tabus. Schon seinen ersten abendf\u00fcllenden Spielfilm \u00bbTunguska \u2013 Die Kisten sind da\u00ab (1983) beschrieb epd-Film als \u00bbultimative Abrechnung mit dem Avantgardefilm der 60er Jahre!\u00ab<\/p>\n<p>Den Kunstwerken in der Berliner Auguststra\u00dfe ist es nun in einer sehenswerten multimedialen Ausstellung \u2013 die auch in New York im PS1 gezeigt werden soll \u2013 gelungen, das Ph\u00e4nomen Schlingensief anhand von Ausschnitten aus ausufernd gro\u00dfen Filmwerk, B\u00fchnenbauten und Installationen zu veranschaulichen. Schlingensief legte von Beginn seiner Karriere ein schier unheimliches Produktionstempo vor, als ob er bereits geahnt hat, da\u00df ihm nicht so viel Zeit bleiben w\u00fcrde. In der gro\u00dfen Halle der KW ist eine Version von Schlingensiefs Animatograph aufgebaut, den er f\u00fcr eine Ausstellung 2005 in Island realisierte. Eine Drehb\u00fchne ist mit mehreren begehbaren Ebenen ausgestattet, und der Zuschauer wird damit Teil des Ganzen, konfroniert mit einem komplexen Bildchaos, aus dem sich nicht ohne weiteres eine schl\u00fcssige Botschaft herausfiltern l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Schlingensiefs fr\u00fche TV-Beitr\u00e4ge, die er 1991\u20131993 f\u00fcr das Magazin \u00bbZAK\u00ab unter der Leitung von Friedrich K\u00fcppersbusch drehte, und seine Anti-Talkshow-Sendung \u00bbTalk 2000\u00ab, die im Privatfernsehen lief, enthalten Perlen des schr\u00e4gen Humors. Sie sind im zweiten und dritten Stock der KW zu sehen. Da trifft der Filmemacher Walter Bockmeier auf Rudolf Moshammer mit seinem H\u00fcndchen Daisy. Sie debattieren mit Schlingensief \u00fcber Arbeitslosigkeit und Schei\u00dfjobs, und der vermeintlich linke Bockmeier verteidigt die Jobs bei McDonald\u2019s, w\u00e4hrend Mooshammer fast schon gewerkschaftstauglich eine gerechte Bezahlung f\u00fcr so eine miese Arbeit fordert.<\/p>\n<p>Mit der Aktion \u00bbAusl\u00e4nder raus\u00ab im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 fand Schlingensief eine politisch sinnvoll zugespitzte Antwort auf den Rassismus in \u00d6sterreich, der weit \u00fcber die Klientel der Rechtsau\u00dfenpartei FP\u00d6 hinausging: In Anlehnung an das popul\u00e4re Format \u00bbBig Brother\u00ab wurde das Leben von angeblichen \u00bbAsylanten\u00ab in einem Container auf Monitoren nach drau\u00dfen \u00fcbertragen. Die Zuschauer durften im Internet dar\u00fcber abstimmen, wer von ihnen aus \u00d6sterreich rausgeworfen werden sollte.<\/p>\n<p>Die weite Anerkennung dieser Aktion in der linksliberalen \u00d6ffentlichkeit war Schlingensief wiederum suspekt, was er 2008 in einem ausf\u00fchrlichen Interview mit Katrin Bauerfeind f\u00fcr 3sat zum Ausdruck brachte. Mit der Krebsdiagnose \u00e4nderten sich sein Ton und seine Zeit\u00f6konomie: \u00bbIch wundere mich, wieviel Wind ich fr\u00fcher geblasen habe, das kann ich jetzt nicht mehr, weil ich ja auch sehe, was andere f\u00fcr einen Wind blasen \u2026\u00ab In den letzten Jahren seines Lebens forcierte Schlingensief die Realisierung seiner Idee zum Bau eines Operndorfes in Burkina Faso nebst Schule und Krankenstation. Mit diesem Projekt, dem seine Berufung zum Regisseur bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth 2004 vorausgegangen war, fand Schlingensief die Akzeptanz des breiten Kulturb\u00fcrgertums. Er gewann Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler als Schirmherr f\u00fcr die Opernstiftung. Damit war aus dem notorischen St\u00f6rer endg\u00fcltig Everybody\u2019s Darling geworden.<\/p>\n<p>KW bis 19.1.<\/p>\n<p><em>Aus: <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2013\/12-20\/020.php\" target=\"_blank\">junge Welt vom 20.12.2013<\/a> \/ Feuilleton \/ Seite 13<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raus aus den Tabus, rein in den Betrieb: Das Ph\u00e4nomen Schlingensief in den Berliner Kunstwerken<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/804"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=804"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/804\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=804"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=804"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=804"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}