{"id":802,"date":"2013-12-07T01:24:02","date_gmt":"2013-12-06T23:24:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=801"},"modified":"2013-12-07T01:24:02","modified_gmt":"2013-12-06T23:24:02","slug":"der-fehlermann-der-nation-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=802","title":{"rendered":"&#8222;DER FEHLERMANN DER NATION&#8220; (ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was bleibt von Christoph Schlingensief? Drei Jahre nach dem Tod des z\u00e4rtlich-zornigen K\u00fcnstlers feiert eine gro\u00dfe Berliner Ausstellung sein schier unersch\u00f6pfliches Lebensgesamtkunstwerk.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Georg See\u00dflen<\/em><\/p>\n<p>Keiner konnte so erfolgreich scheitern wie Christoph Schlingensief. Seine Kunst begann erst wirklich jenseits des Scheiterns. Seine Kunst begann sich von sich selbst zu befreien.<\/p>\n<p>Klar, immer schon waren K\u00fcnstler gescheitert, an der Gesellschaft, an der Welt oder an sich selbst. Aber die Kunst der Kunst ist es ja, dieses Scheitern zu verschleiern. In Rekordums\u00e4tzen auf Auktionen, in angestrengten Diskursen, in der Einrichtung des Museums. Immer dreht sich die Gesellschaft ihre Kunst so, dass sie am Ende etwas bedeutet und ihr nutzt. Christoph Schlingensief machte da nicht mit.<\/p>\n<p>Deswegen hat man ihm das Etikett eines Enfant terrible angeh\u00e4ngt, deswegen fiel man nur zu gern auf Oberfl\u00e4chenskandale herein, auf das &#8222;T\u00f6tet Helmut Kohl&#8220; oder die wiederkehrende Metapher des Kannibalismus. Um nicht zu sehen, dass Schlingensiefs Angriff auf die Kunstwelt und den Rest der Republik viel ernster war.<\/p>\n<p>Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, erinnert eine gro\u00dfe Retrospektive in Berlin an ihn und daran, dass seine radikale Kunst in einer Zeit entstand, als alle Revolten beendet schienen. Das war in den achtziger Jahren, die wir im Nachhinein wohl als das Jahrzehnt der gro\u00dfen Konventionalisierung betrachten. Es steckte etwas vom Spirit des Punk in Schlingensiefs Kunst. Wo Konformismus herrscht, hilft nur Selbsterm\u00e4chtigung.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stellt sich die Frage, wie hat er das gemacht, der Christoph Schlingensief? Zun\u00e4chst gibt es daf\u00fcr schlichte technische Antworten: Es ging in seinen Filmen, in den Installationen, den B\u00fchnenst\u00fccken, Auff\u00fchrungen im \u00f6ffentlichen Raum wie der Containeraktion und &#8222;Bitte liebt \u00d6sterreich!&#8220;, in Operninszenierungen in Bayreuth oder Manaus erst einmal darum, die Grenzen zwischen der Kunst und dem Leben aufzul\u00f6sen. Das sagt sich so leicht und ist Programm in der Kunst, seitdem jemand auf die Idee kam, nicht f\u00fcr die g\u00f6ttliche Ordnung und das Wesen der Dinge, sondern f\u00fcr ein Publikum zu arbeiten. Aber meistens bleibt es bei symbolischen Handlungen, Publikumsbeschimpfungen oder Happenings. Hingegen treffen sich bei Schlingensief alle Ideen zu ebendiesem Zweck: die Kunst, die immer willk\u00fcrlich bleibt, und die Wirklichkeit, die immer politisch ist, aufeinander loszulassen.<\/p>\n<p>Wer sind die Zuschauer und wer die Akteure? Wer ist &#8222;echt&#8220; und wer &#8222;Abbildung&#8220;? Wo ist das Theater im Leben und das Leben im Theater? Wer in ein Schlingensief-Werk ger\u00e4t, freiwillig oder nicht, ist verloren. Seine Kunst erreicht die Tempel der Hochkultur und rumort in den Niederungen der Medienmaschinen, sie verl\u00e4sst das Museum und zieht um die H\u00e4user, sie zerrt das Private ins Politische und das Politische ins Private, sie reicht nach Brasilien und schlie\u00dflich ins Schlingensiefsche H\u00f6llenparadies Afrika. Und umgekehrt zieht sie die Dinge in sich hinein wie in ein Labyrinth, private Gegenst\u00e4nde, Familienromane, Politiker, Paare, Passanten &#8230; Wir sehen mit den Augen der Kunst die Wirklichkeit, wie sie mit ihren Augen die Kunst sieht, die ihrerseits nun mit den Augen der Wirklichkeit zur\u00fccksieht.<\/p>\n<p>&#8222;Die Kunst ist ausgebrochen&#8220;, das war eines seiner wunderbaren Schlagworte, die immer zugleich zu viel und zu wenig Diskurs enthalten, sich immer zugleich ganz und gar richtig anh\u00f6ren und sich bei n\u00e4herem Hinsehen poetisch verfl\u00fcchtigen. Wie eine Krankheit, wie eine Gefangene ist sie ausgebrochen, die Kunst. Aber warum muss die Kunst ausbrechen? Aus ihrem Gef\u00e4ngnis, aus ihrem ewigen Latenzzustand? Christoph Schlingensiefs Kunst bestand darin, Dinge aufeinander loszulassen, weil die Ordnung, in der sie zueinander stehen, durch und durch falsch ist.<\/p>\n<p>Das begann mit den Filmen, die zugleich eine Linie des Erz\u00e4hlfilms aus dem Neuen Deutschen Film fortsetzen und die Techniken des Experimentalfilms nutzen wollten. Sie wirken wie die wundersame, freejazzige Komposition von cineastischen Fehlern. Das Fehlermachen war \u00fcberhaupt der radikale Anspruch dieser Kunst. Der letzte rebellische Anspruch des menschlichen Faktors. In einem seiner Interviews (die, nebenbei gesagt, allesamt Dokumente gro\u00dfartigen bis albernen Scheiterns &#8222;ordentlicher&#8220; Kommunikation sind), behauptete Christoph Schlingensief, er w\u00e4re gern der &#8222;Fehlermann der Nation&#8220;.<\/p>\n<p>Das setzte sich fort in den kreisenden Konfrontationen mit zwei innig gehassliebten Vorbildern, Rainer Werner Fassbinder und Joseph Beuys. Schlingensief setzte das Scheiternde in ihrer Kunst fort und zerst\u00f6rte das Mythische darin. Denn ihn interessierte nicht das Fetischhafte, nicht der Tempel der Kunst, in dem sich alle Widerspr\u00fcche f\u00fcgen, sondern im Gegenteil, der Aufbruch, das Wagnis: Es ist in den K\u00f6pfen. Vielleicht.<\/p>\n<p> Viel musste Schlingensief nicht erfinden, denn alles, was seine Kunst brauchte, das lag schon herum. &#8222;Alle Bilder sind schon da gewesen&#8220;, sagte er. &#8222;Wir m\u00fcssen sie nur erwecken.&#8220; Das Aufeinander-Loslassen ist eine Erweckungsarbeit. Alle seine Filme sind, unter anderem, \u00dcbermalungen ber\u00fchmter Vorbilder, von Veit Harlan \u00fcber Pasolini bis zur blood poetry von The Texas Chainsaw Massacre . In vielen seiner Installationen stecken Reenactments fr\u00fcherer Kunstereignisse wie der von G\u00fcnter Brus und Valie Export. Auf den gef\u00e4hrlichen Eingriff in den Kunstbetrieb durch Dinge des realen Lebens \u2013 die echten &#8222;Behinderten&#8220;, die echten Nazis, die echten Asylbewerber, die echte ALS-Krankheit auf der B\u00fchne, und nicht zuletzt der echte Christoph Schlingensief \u2013 folgt der gef\u00e4hrliche Eingriff der Kunst in das Leben. Auch da wird etwas aufeinander losgelassen.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Kunst ist nicht realistisch. Sie bildet die Wirklichkeit nicht ab, sie &#8222;versteht&#8220; die Wirklichkeit nicht, noch will sie sie erkl\u00e4ren. Sie akzeptiert sie vielmehr als Material. Man kann dieses Verfahren auch &#8222;naturalistisch&#8220; nennen, wenn man eine Wendemarke ben\u00f6tigt. Zum Naturalismus geh\u00f6rt auch k\u00f6rperliche Drastik. Der Blick auf das H\u00e4ssliche, das B\u00f6se und das Groteske, was sich der b\u00fcrgerliche Realismus nur in Andeutungen gefallen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das also ist das erste Geheimnis der Kunst von Christoph Schlingensief. Es besteht darin, die Dinge aus zwei Welten aufeinander loszulassen. Auch das ganz Pers\u00f6nliche und das Universale. Die Idee und den K\u00f6rper. Man kann, was dann geschieht, nicht wirklich mehr kontrollieren. Aber man kann zur Stelle sein. Und da haben wir das zweite Geheimnis seiner Kunst. Es liegt im Zur-Stelle-Sein. Vielleicht nicht so wie bei den beiden Vorg\u00e4ngern Fassbinder und Beuys. Sie machten sich zum Zentrum ihrer Kunst. Fassbinder war mehr oder weniger vollst\u00e4ndig zu erkl\u00e4ren mit dem Begriff eines &#8222;Fassbinderfilms&#8220;, und Joseph Beuys war mit Hut und Weste zur Stelle, wenn es galt, die &#8222;soziale Plastik&#8220; zu \u00f6ffnen. Schlingensief aber kam eher von der Seite, eher nomadisch, ein Reisender, ein Forscher, manchmal gleich in mehrerlei Gestalt. Niemals hierarchisch, zentralistisch. Immer aufmerksam. So lie\u00df er noch einmal die zwei fundamentalsten Impulse aufeinander los: seinen Zorn und seine Z\u00e4rtlichkeit.<\/p>\n<p>Was gibt es da zu verstehen, in der Kunst von Christoph Schlingensief? Nat\u00fcrlich reicht die Beobachtung nicht aus, bei Schlingensief sei es stets darum gegangen, Dinge aufeinander loszulassen und dann als K\u00fcnstler zur Stelle zu sein, um, nicht zuletzt, auch Verantwortung zu \u00fcbernehmen f\u00fcr das, was eine ausgebrochene Kunst angerichtet hat. Zum Scheitern verurteilt, und damit nat\u00fcrlich vollkommen angemessen, scheinen die Versuche, Schlingensief zu &#8222;interpretieren&#8220;. Der Versuch, all die Quellen, die Objekte der \u00dcbermalungen, die Zitate, die Parodien, die Aneignungen zu sortieren, muss ins Leere gehen. Der Trick einer Kunst der Wiedererweckung und der unm\u00f6glichen Konstellation \u2013 eine Partei als Kunstprojekt, ein Spiel mit den b\u00f6sartigen Impulsen des &#8222;Publikums&#8220; auf einem &#8222;Heldenplatz&#8220;, ein Opernhaus in Afrika, das sich, schneckenf\u00f6rmig, von einem Fitzcarraldoschen Wahnsinn in eine warmherzige Menscheneinrichtung wandelt \u2013 liegt in der Herstellung einer f\u00fcr die Kunst sehr schwierigen Zeit. Der Gegenwart. Das Ergebnis des Aufeinander-Loslassens und des Zur-Stelle-Seins ist eine radikale Gegenw\u00e4rtigkeit der Kunst. Schlingensiefs Werke, auch die kleineren, versteinern nicht, werden kaum zu Objekten der Begierde reicher Sammler, lassen sich am Ende nicht diskursiv b\u00e4ndigen, und sie werden, so viel scheint sicher, im Museum nicht zur ewigen Ruhe kommen. Ein Platz, kein Denkmal f\u00fcr Schlingensief!<\/p>\n<p>Doch Schlingensief-Kunst der Gegenw\u00e4rtigkeit ohne die Gegenwart des K\u00fcnstlers \u2013 geht das? Der Mainstream der Kunst schien sich nach dem Tod von Schlingensief einen Moment der Verkl\u00e4rung zu g\u00f6nnen, um dann erleichtert weiterzumachen, als w\u00e4re nichts gewesen. Der Schlingensief-Angriff der Kunst auf die Wirklichkeit und der Wirklichkeit auf die Kunst scheint abgewehrt. Das perfideste Ideologem dabei lautet: Die Kunst von Christoph Schlingensief war gebunden an die Person Christoph Schlingensief. Die Dinge m\u00fcssen weiterhin aufeinander losgelassen werden, die Kunst muss weiterhin ihre nomadischen und barbarischen Energien freisetzen, wenn sie mehr sein will als nur Dekoration der feinen Unterschiede in der jeweils neuesten Klassengesellschaft. Wenn sie das Unsichtbare sichtbar machen und das Scheitern als Chance verstehen will.<\/p>\n<p>Was aber passiert nun in der gro\u00dfen Retrospektive in Berlin? Offensichtlich geht es den Kuratoren Klaus Biesenbach, Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer darum, Schlingensief, wie man so sagt, &#8222;in seiner Zeit&#8220; zu erkl\u00e4ren. Sie bieten ein museales Stationendrama zur Entwicklung seiner Kunst und kl\u00e4ren seine Leitmotive. Der Platz, der dabei Schlingensief zugewiesen wird, ist freilich eher einer in der Kultur- und Mediengeschichte als einer in der Kunst- und Filmgeschichte. Was da fehlt, ist nicht nur die Gegenw\u00e4rtigkeit und das Scheitern. Es ist &#8222;die Methode Schlingensief&#8220;.<\/p>\n<p>So werden die Schwerpunkte seiner, nun ja, Auseinandersetzungen pr\u00e4sentiert, die Medien, der Faschismus, die Familie, als h\u00e4tten die Begriffe alle Fragw\u00fcrdigkeiten verloren, die sie bei Schlingensief aufwiesen. L\u00e4ngsschnitt, Querschnitt, die Sache wird gut vermessen.<\/p>\n<p>Der Gegenwartsk\u00fcnstler Schlingensief wird hier, deutlicher, als es n\u00f6tig w\u00e4re, in die Vergangenheit gesetzt. Die Ambivalenzen werden weggeschnitten, es ist, als w\u00e4re da immer der richtige K\u00fcnstler zur richtigen Zeit zur Stelle gewesen, um richtig zu reagieren. Der Mantel der Gewissheiten deckt sich \u00fcber das wechselseitige Scheitern der Kunst und der Gesellschaft. Wir sehen hier Schlingensief beim Verschwinden zu.<\/p>\n<p>Vielleicht ist dies also eine interessante Ausstellung zum Thema &#8222;Deutschland und die Welt im letzten Drittel des vergangenen und in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, gesehen durch die Augen des intermedial arbeitenden K\u00fcnstlers Christoph Schlingensief&#8220;. Seiner Kunst kommt man so aber nicht besonders nahe. Wir tun uns wohl mit den Denkm\u00e4lern leichter als mit den Pl\u00e4tzen.<\/p>\n<p><em>Aus: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/49\/christoph-schlingensief-retrospektive\" target=\"_blank\">Die ZEIT Ausgabe 49 vom 5.12.2013<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bleibt von Christoph Schlingensief? 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