{"id":80,"date":"2006-01-23T01:21:08","date_gmt":"2006-01-22T23:21:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=80"},"modified":"2006-01-23T01:21:08","modified_gmt":"2006-01-22T23:21:08","slug":"grosmeister-des-haufenbildens-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=80","title":{"rendered":"Gro\u00dfmeister des Haufenbildens (FR)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vierte Kreuzwegstation: Christoph Schlingensiefs &#8222;Animatograph&#8220; setzt nun auch das Wiener Burgtheater in Bewegung.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON STEPHAN HILPOLD<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nBaracken statt der \u00fcblichen Bestuhlung, an der Decke flimmern Projektionen, Lautsprecherdurchsagen und Sirenengeheul. Als w\u00e4re die B\u00fchne explodiert und der Zuschauerraum gleich mit. Am Wiener Burgtheater, dieser Trutzburg hoher Theaterkunst, ist Christoph Schlingensief zu Gast.<\/p>\n<p>Diesmal tr\u00e4gt er Anzug, neben ihm steht die leibhaftige Rockpoetin Patti Smith, die sich seit dem Bayreuther Parzival zu Schlingensiefs J\u00fcngern gesellt hat. Sie tr\u00e4gt ein Kaffeeh\u00e4ferl in der Hand. Von der Festloge aus, wo normalerweise die in \u00d6sterreich weltbekannten Honoratioren sitzen, blicken sie runter auf ihr Werk. Im Trippelschritt und G\u00e4nsemarsch bahnen sich hier die Zuschauer ihre Wege, blicken in Guckl\u00f6cher und Monitore, schmieren ihre H\u00e4nde mit Margarine ein. Und Schlingensief und Smith dachten, dass es gut sei.<\/p>\n<p>F\u00fcr jene, die sich das erste Mal in diese Bretterverschl\u00e4ge verirren, in die Buden mit ihren Schleichwegen samt \u00dcberraschungspr\u00e4senten, ist es dagegen wohl das blanke Chaos. Eine einzige Herausforderung f\u00fcr Stadtindianer.<\/p>\n<p>Zur Orientierungshilfe hatte man noch einen ungef\u00e4hren Plan in die H\u00e4nde gedr\u00fcckt bekommen und Schlingensief und Co. hatten auf der Feststiege auch noch einige Ratschl\u00e4ge parat. Doch wie das bei Orientierungsl\u00e4ufen eben so ist: Seinen Weg muss sich jeder alleine bahnen &#8211; durch eine f\u00fcr Schlingensief und seine Mitstreiter eine in der mittlerweile vierten Etappe geordneten Welt.<\/p>\n<p>Animatograph nannten sie ihr Miniuniversum, damals beim Aufbruch in Island vor mittlerweile neun Monaten. Eine Drehb\u00fchne inmitten eines Labyrinths war das, die Schlingensief im Keller eines Kulturzentrums zum Drehen gebracht hatte. Ein Rotieren mit Odin und Thor, mit Bambi und Parzival, mit Beuys und Dieter Roth. Eine Untergrundaktion. Ein wildes, ein w\u00fcstes Mythensammelsurium im Eis und im Schnee.<\/p>\n<p>Diese sind mittlerweile geschmolzen. Von Island ging es nach Neuhardenberg bei Berlin und dann weiter nach L\u00fcderitz in Namibia. &#8222;Area 7&#8220; hie\u00df nun das Projekt, nach einem Wellblech-Township am Rande der Stadt. Schlingensief drehte hier seinen ersten Film seit acht Jahren (The African Twin Towers). Der urspr\u00fcngliche Animatograph wurde verkauft (an die Kunstm\u00e4zenin Francesca von Habsburg), neue Exemplare des Schlingensiefschen &#8222;Seelenschreibers&#8220; kamen hinzu und nat\u00fcrlich noch vieles mehr. Schlie\u00dflich landete man in der Wiener Burg. Als sei das das Selbstverst\u00e4ndlichste der Welt.<\/p>\n<p><strong>Durch die Matth\u00e4usexpedition<\/strong><\/p>\n<p>Vor Wochen war hier bereits Hermann Nitsch zu Gast, der Aktionist, der seine Blut- und Ged\u00e4rme-Spiele nun endlich im Allerheiligsten seines ungeliebten Vaterlandes abhalten durfte. Und jetzt Schlingensief. Nach Weihrauch riecht es auch bei ihm &#8211; wie k\u00f6nnte es bei einem Abend, der sich im Untertitel &#8222;Matth\u00e4usexpedition&#8220; nennt, auch anders sein.<\/p>\n<p>Die Passion Christi wird zur Obsession des Schamanen aus Oberhausen. Der Leidensweg zum Jubelfest. Die Erl\u00f6sungsrufe aber bleiben. Ungew\u00f6hnlich and\u00e4chtig geht es auf dem Schlingensiefschen Kreuzweg diesmal zu, &#8222;einen weichen Abend&#8220; hatte er bereits zu Anfang verk\u00fcndet, &#8222;keinen Abend der Aggression&#8220;. Patti Smith sprach von Harmonie und sang dann ihre ber\u00fcckenden Lieder. Sind es die heiligen Hallen, die aus dem Ganzen ein Weihespiel machen? Oder n\u00e4hert sich Schlingensief immer weiter dem Kern seines Unternehmens?<\/p>\n<p>Ausgezogen war der Gralsritter Schlingensief um seine &#8222;aktionistische Fotoplatte&#8220;, wie er den Animatographen damals nannte, zu belichten: mit seinen eigenen Erfahrungen, mit jenen seiner Besucher, mit den Eindr\u00fccken von den Orten, an denen man Station macht. In Island waren denn noch die Bilder des Bayreuther Parzival zentral und des Jelinekschen Bambiland, jetzt n\u00e4hert er sich immer weiter seinen eigenen G\u00f6ttern: Die neben dem Animatographen (im Zuschauerraum) zweite Drehb\u00fchne in der Burg, jener auf der B\u00fchne selbst, wird von einem Schiff \u00fcberthront. Die Segel des fliegenden Holl\u00e4nders, darum \u00fcberbordende Rothsche Zimmer, heilige Beuyssche Stationen, Brussche Kammern, Jelineksche Vorlesungen und Schlingensiefsche Lebensstationen. Der Filz und das Fett, die Eichen und die Hasen. Der Mutterleib und das Vateruniversum, die Aktionsfilme und der Wagnersohn.<\/p>\n<p><strong>Ausscheidungen und Spurensuche<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Schlingensief ist ein Gro\u00dfmeister des Schei\u00dfens&#8220;, sagt irgendwann w\u00e4hrend der langen aktionistischen Installation, die schon am sp\u00e4ten Nachmittag er\u00f6ffnet wird und erst kurz vor Mitternacht zu Ende geht (sie ist der vierte der Reihe) der Kulturtheoretiker Bazon Brok in seinem Vortrag mitten in der Barackenstadt, &#8222;ein Gro\u00dfmeister in der Kunst des Haufenbildens.&#8220; Ein gro\u00dfartiger Verdauungsk\u00fcnstler, dessen Ausscheidungen die beredsten Spuren sind: F\u00e4hrtenleser haben es trotzdem schwer. Und gehen dem K\u00fcnstler auch auf den Leim.<\/p>\n<p>Denn genauso wenig wie man in Schlingensief einen Allesverwerter sehen darf, lassen sich seine Paralleluniversen bis in ihre Details entziffern. Der Gralssucher ist immer auch der kleine Junge, der anderen eine lange Nase dreht, ein heiterer Aktionist, der Konsorten wie Nitsch oder Brus schon allein mit seiner Selbstdistanzierungsf\u00e4higkeit aussticht. Und immer auch zu einem Spa\u00df aufgelegt ist: Da tritt Michael Jackson auf und wagt einen Mondtanz, da werden die vergangenen zwanzig Jahre der Schauspielikone und Schlingensief-Mitstreiterin Irm Hermann analysiert, Robert Stadlober erkl\u00e4rt die Worte seiner chinesischen Schauspielkollegin, die die Besucher durch die Hinterb\u00fchne f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Doch \u00fcber allem thront der Zeremonienmeister, am Ende eines ungemein dichten Abends gibt er das Zeichen zur Matth\u00e4uspassion, das Segel des Fliegenden Holl\u00e4nders wird eingezogen, die Fahrt ist vorerst vorbei. Demn\u00e4chst aber geht sie weiter: nach Nepal und nach Brasilien.<\/p>\n<p>Wien, Burgtheater: &#8222;Area 7. Matth\u00e4usexpedition von Christoph Schlingensief&#8220;: N\u00e4chste Installationen im M\u00e4rz im Wiener Burgtheater. www.burgtheater.at <http :\/\/www.burgtheater.at\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vierte Kreuzwegstation: Christoph Schlingensiefs &#8222;Animatograph&#8220; setzt nun auch das Wiener Burgtheater in Bewegung. Aus der Frankfurter Rundschau vom 22.01.2006<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=80"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/80\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=80"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=80"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=80"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}