{"id":799,"date":"2013-12-06T16:44:29","date_gmt":"2013-12-06T14:44:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=798"},"modified":"2013-12-06T16:44:29","modified_gmt":"2013-12-06T14:44:29","slug":"das-jenseits-ist-afrika-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=799","title":{"rendered":"DAS JENSEITS IST AFRIKA (DIE WELT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine gro\u00dfe Schau in Berlin feiert den sehr lebendigen K\u00fcnstler Christoph Schlingensief, der vor drei Jahren starb<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Matthias Heine<\/em><\/p>\n<p>Wer dem Ger\u00fccht geglaubt hat, drei Jahre nach seinem Tod falle der Aktionsk\u00fcnstler Christoph Schlingensief allm\u00e4hlich dem Vergessen anheim, weil seine Werke ohne die Realpr\u00e4senz des K\u00fcnstlers wirkungslos seien, der wird derzeit in Berlin eines Besseren belehrt. An einem grauen Dezember-Wochentag hat sich schon kurz vor der \u00d6ffnung um zw\u00f6lf eine kleine Schlange vor den T\u00fcren der Schau in den Kunstwerken gebildet. Auch wenn sich die \u00fcberwiegend im Schwarz reiferer Bildungsb\u00fcrger gekleideten Besucher drinnen auf drei Etagen verteilen, bleibt der Eindruck, dies sei eine der bestbesuchten Ausstellungen des Instituts f\u00fcr Gegenwartskunst im Bezirk Mitte.<\/p>\n<p>Auf eine paradoxe Weise wird dann doch der Eindruck, es gebe keine Schlingensief-Kunst ohne den Meister, best\u00e4tigt: Von zahlreichen Bildschirmen lacht einen der 2010 an Lungenkrebs gestorbene Meister an. Er war sehr h\u00e4ufig der Hauptdarsteller seiner Inszenierungen. Von seinen Theaterst\u00fccken muss man sagen: Diejenigen, in denen er sich zur\u00fcckhielt, waren die langweiligsten. Die \u00fcberw\u00e4ltigendsten waren die, in deren Dienst er sein eigenes Charisma stellte.<\/p>\n<p>Nicht nur wegen des Halbdunkels, das die Videos zu besserer Geltung bringen soll, f\u00fchlt man sich wie beim Gang durch eine unterirdische Nekropole. Aus vielen Bildern schauen einen Tote an. Neben Schlingensief selbst sind das etwa der behinderte Werner Brecht, Darsteller in zahlreichen Theaterproduktionen, der Schauspieler Alfred Edel, Protagonist vieler fr\u00fcher Filme, und \u2013 am unerwartetsten \u2013 der bei einem Fallschirmabsprung gestorbene J\u00fcrgen M\u00f6llemann. Dem Politiker hatte Schlingensief, weil er im rechten W\u00e4hlerreservoir fischte, eine Aktion gewidmet. Mit der erinnerte er daran, dass die von der FPD fetischisierte Zahl 18 f\u00fcr die Anfangsbuchstaben des Namens Adolf Hitler steht.<\/p>\n<p>M\u00f6llemann war der Vorsitzende der Liberalen in Nordrhein-Westfalen, und nicht nur an seinem Beispiel zeigt sich, wie heimatverbunden die Kunst Schlingensiefs bis zum Schluss war: Der geb\u00fcrtige Oberhausener berief sich lebenslang auf das in dieser Stadt erlassene Kino-Manifest, er ging beim Experimentalfilmer Werner Nekes im benachbarten M\u00fclheim in die Lehre, er drehte erste Fernsehbeitr\u00e4ge f\u00fcr den WDR und er hetzte die Figuren seiner fr\u00fchen Filme durch die verlassenen Industrielandschaften des Ruhrgebiets \u2013 am eindrucksvollsten in &#8222;Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker&#8220; . Ein Objekt, in das sich jetzt Besucher setzen k\u00f6nnen, um an der Wand der Kunstwerke hochzufahren, ist vom Einbau einer Fahrtreppe ins Haus seiner alten Eltern inspiriert, und seine Theater-Kirche der Angst war der Herz-Jesu-Kirche in Oberhausen nachgebaut, in der er Messdiener war und in der am Ende auch seine Trauerfeier stattfand.<\/p>\n<p>Das Ruhrgebiet, die 68er, Katholizismus, Fluxus, Beuys, Fassbinder, Richard Wagner, CDU, FDP \u2013 es ist schon ein sehr bundesrepublikanischer Boden, auf dem Schlingensiefs Kunst gedieh. Vielleicht kommt man ihm am n\u00e4chsten, wenn man ihn den letzten gro\u00dfen Westk\u00fcnstler nennt. Obwohl seine Karriere an einer Ost-Institution den entscheidenden Schub bekam: Vor 20 Jahren, am Silvesterabend 1993, hatte Schlingensiefs erste Inszenierung &#8222;100 Jahr CDU&#8220; in der Berliner Volksb\u00fchne Premiere. Seine Filme in Ehren, doch der Weg nach Bayreuth, Brasilien und in den Weltruhm f\u00fchrte \u00fcbers Theater. In der exotisch \u00f6stlichen Volksb\u00fchne arbeitet er sich allerdings weiter an westlichen Themen ab: Von Helmut Kohl, den er 1996 in einer Performance symbolisch zum Tode verurteilen lie\u00df, bis zu Lady Diana, die er von Jenny Elvers spielen lie\u00df.<\/p>\n<p>Den G\u00f6ttern des Ostens hat er nur zweimal gehuldigt: mit einer gro\u00dfartigen Performance \u00fcber &#8222;Die letzten Tage der Rosa Luxemburg&#8220; (Hauptrolle: Sophie Rois) und mit einem St\u00fcck, das die Frage stellte: &#8222;Was sind schon 100 Jahre Brecht gegen 5000 Jahre Japan?&#8220; Letzteres geh\u00f6rte zu seinen sch\u00f6nsten Theaterarbeiten und ist leider so vergessen, dass es nicht mal auf der offiziellen Schlingensief-Homepage in der Liste seiner Theaterarbeiten genannt wird.<\/p>\n<p>Die Kunstwerke haben eine lange Beziehung mit Schlingensief. Ihr Gr\u00fcnder Klaus Biesenbach, der heute die zum MoMa geh\u00f6rende Kunsthalle PS1 in New York leitet, erm\u00f6glichte Schlingensief 1999 genau dort im Rahmen der Ausstellung &#8222;Children of Berlin&#8220; seine erste Aktion in Amerika: Als orthodoxer Jude verkleidet, warf er f\u00fcr &#8222;Deutschland versenken&#8220; 99 deutsche Souvenirs in den Hudson-Fluss: Unter anderem eine tote Maus, einen Bierkrug, eine benutzte Damenbinde, eine Eintrittskarte f\u00fcr den Besuch der Reichstagskuppel und das Bitte-nicht-st\u00f6ren-T\u00fcrschild aus einem Hotel in Chemnitz.<\/p>\n<p>Herzst\u00fcck der Ausstellung ist nun der Animatograph, \u00fcber den Christoph Schlingensief selbst schrieb \u2013 das muss man einfach l\u00e4nger zitieren: &#8222;Der Animatograph ist eine Drehb\u00fchne, eine ,aktionistische Fotoplatte, ein sich permanent fortbewegender Transformationsk\u00f6rper. Der Animatograph projiziert die kulturellen und zivilisatorischen K\u00e4mpfe in Fragen der Religion, Politik, Geschichte und Familie. Die Auseinandersetzung des Menschen mit h\u00f6heren Kr\u00e4ften, wie Geistern, G\u00f6ttern und sagenhaften Helden sind Ausdruck dieses Kampfes, ebenso wie Reinheitsrituale und symbolische Verformungen. Der Animatograph verbindet nordische\/europ\u00e4ische und afrikanische Traditionen und verkn\u00fcpft filmische Visionen des Wagnerianischen Grals mit den schamanistischen Sitten und Br\u00e4uchen Afrikas sowie der isl\u00e4ndischen Sagenwelt.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn man heute um den Animatographen herumgeht, der fast den gesamten Erdgeschoss-Ausstellungsraum f\u00fcllt, fallen einem vor allem die Stehlampen auf, die ihn einrahmend beleuchten. Sie sehen so heimelig nach Oberhausener Barock aus, dass sie im Wohnzimmer von Schlingensiefs Eltern h\u00e4tten stehen k\u00f6nnten, aber auch \u2013 das ist die Dialektik der deutschen Kleinb\u00fcrgerlichkeit \u2013 im F\u00fchrerbunker 1945.<\/p>\n<p>Vielleicht war das die Wurzel seiner sp\u00e4ten Liebe zu Afrika: Hierhin hat er zwar Wagner und Hitler mitgebracht wie transportable Hausd\u00e4monen, aber die Sonne, die schon die ersten Menschen beschien, warf noch einmal ein ganz anderes Licht auf die Mythen aus dem Norden. W\u00e4hrend der unzufriedene Allerweltsintellektuelle Erleuchtung in Asien sucht, faszinierte ihn der Synkretismus des \u00e4ltesten Kontinents. &#8222;Hier wechselt fast jeder mindestens einmal im Leben die Religion&#8220;, schw\u00e4rmte er \u00fcber Burkina Faso, wo sein lebendigstes Verm\u00e4chtnis steht: das Operndorf. F\u00fcr Schlingensiefianer, das wird in Berlin deutlich, besteht allerdings kein Anlass zum Religionswechsel.<\/p>\n<p>Aus: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article122616541\/Das-Jenseits-ist-Afrika.html\" target=\"_blank\">Die Welt vom 6.12.2013<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine gro\u00dfe Schau in Berlin feiert den sehr lebendigen K\u00fcnstler Christoph Schlingensief, der vor drei Jahren starb<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/799"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=799"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/799\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=799"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=799"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=799"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}