{"id":797,"date":"2013-12-03T22:44:32","date_gmt":"2013-12-03T20:44:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=797"},"modified":"2013-12-03T22:44:32","modified_gmt":"2013-12-03T20:44:32","slug":"alarmzustand-zwischen-wirklichkeit-und-spiel-epd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=797","title":{"rendered":"&#8222;ALARMZUSTAND&#8220; ZWISCHEN WIRKLICHKEIT UND SPIEL (EPD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erste Gesamtschau zu Christoph Schlingensiefs k\u00fcnstlerischem Schaffen in Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Berlin (epd). Das uferlose Schaffen des 2010 verstorbenen Kunstrebellen Christoph Schlingensief l\u00e4sst sich mit nur einem Wort zusammenfassen: Ausnahmezustand. In seinem bekanntesten Film &#8222;Das deutsche Kettens\u00e4genmassaker&#8220; (1990) meuchelte eine westdeutsche Metzgerfamilie nach der Wiedervereinigung im Blutrausch DDR-B\u00fcrger. Bei der documenta X in Kassel wurde er 1997 f\u00fcr die Aktion &#8222;T\u00f6tet Helmut Kohl&#8220; kurzzeitig inhaftiert. 1998 gr\u00fcndete er die Partei Chance 2000 und rief am Urlaubsort des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) zum &#8222;Bad im Wolfgangsee&#8220; auf. Die KW Institute for Contemporary Art in Berlin widmen Schlingensief nun eine erste gro\u00dfe Gesamtschau, die ab Sonntag bis 19. Januar zu sehen ist und im M\u00e4rz weiter ins MoMA PS1 nach New York zieht.<\/p>\n<p>Neben Schlingensief gebe es kaum einen K\u00fcnstler, der so radikal Kunst und Politik miteinander verwoben habe, sagte Kuratorin Susanne Pfeffer am Freitag. Schlingensief habe sein Publikum in einen &#8222;Alarmzustand&#8220; zwischen Wirklichkeit und Spiel bef\u00f6rdert, betonte Kuratorin Anna-Catharina Gebbers. Immer wieder rieb sich Schlingensief fast obsessiv an gesellschaftlichen und politischen Missst\u00e4nden.<\/p>\n<p>Die Ausstellung &#8222;Christoph Schlingensief&#8220; l\u00e4dt ein, ein paar Stunden im Kopf des radikalen Provokateurs zu verbringen, sich an Aktionen zu erinnern, mit denen dieser die Kunstwelt auf den Kopf stellte. Und so sitzen sie auch in den Berliner Ausstellungsr\u00e4umen, die Teilnehmer seiner &#8222;Pfahlsitzwettbewerbe&#8220; und seine &#8222;Church Of Fear&#8220; steht nun auf dem Hof der KW Institute for Contemporary Art. Auch der &#8222;Animatograph&#8220;, eine gro\u00dfe und begehbare Drehb\u00fchnenkonstruktion aus Holz- und Leinw\u00e4nden, Film- und Theaterrequisiten, erwartet die Besucher &#8211; ein Spektakel von Exponat.<\/p>\n<p>Seine Witwe Aino Laberenz, Beraterin der Kuratoren, sagte, sie habe sich sowohl eine Abbildung des breiten Spektrums des K\u00fcnstlers als auch ein Eintauchen in dessen Welt gew\u00fcnscht. Die Berliner Schau stellt folglich die komplexen Bildwelten Schlingensiefs in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Viele seiner Themen haben dabei heute nicht an Aktualit\u00e4t und Brisanz verloren- so etwa der Container der Projektwoche &#8222;Bitte liebt \u00d6sterreich&#8220; (2000). In Wiens Haupteinkaufsstra\u00dfe lie\u00df Schlingensief damals ein Containerdorf errichten, in dem frei nach dem TV-Format &#8222;Big Brother&#8220; und in Anspielung auf die Politik der rechtspopulistischen FP\u00d6 von J\u00f6rg Haider zw\u00f6lf Asylbewerber via Webcams beobachtet und zur Abschiebung ausgew\u00e4hlt werden konnten.<\/p>\n<p>Erkennbar wird anhand der vielen Monitore mit Film- und Interviewsequenzen, anhand von Beichtstuhl und roten Grabkerzen auch, was Kurator Klaus Biesenbach Schlingensiefs &#8222;zwei K\u00f6fferchen&#8220; aus Oberhausen nannte. Aus seiner Heimat und seinem Elternhaus habe Schlingensief zwei Sachen mitgebracht und nie wieder aus der Hand gelegt: seine Messdiener-Erfahrung sowie eine Kamera.<\/p>\n<p>Es war auch Schlingensiefs Schicksal, dass er s\u00e4mtliche B\u00fchnen bespielte: Film, Theater, Oper, Performances und Installationen. Die meisten Jahre seines Lebens musste der Kompromisslose gegen den etablierten Kunstbetrieb k\u00e4mpfen, der ihn von einem Terrain zum n\u00e4chsten jagte. &#8222;Er suchte sich immer neue Plattformen&#8220;, sagte Laberenz. &#8222;Es ging nicht an ihm vorbei, er tauchte immer wieder auf.&#8220; In einem Ausstellungsraum h\u00e4ngt ein Banner an der Wand: &#8222;Scheitern als Chance&#8220;. Kurator Biesenbach erinnerte daran, dass Schlingensief erst in den letzten f\u00fcnf Jahren seines Lebens &#8222;konsensf\u00e4hig&#8220; geworden sei.<\/p>\n<p>Diese letzten Jahre waren auch gepr\u00e4gt durch Schlingensiefs Krebserkrankung. 2004 deb\u00fctierte er mit seiner Inszenierung des &#8222;Parsifal&#8220; bei den Bayreuther Festspielen. Schon damals prophezeite er in einem Interview den Krebs, um den sich seine Arbeit nach der Diagnose kreisen sollte. 2008 zeigte er bei der Ruhrtriennale &#8222;Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir&#8220;, 2009 feierte im Wiener Burgtheater &#8222;Mea Culpa &#8211; eine ReadyMadeOper&#8220; Premiere. Mit immer neuen Projekten schien Schlingensief seiner schweren Krankheit Paroli bieten zu wollen. Bei der Kunstbiennale in Venedig wurde er ein Jahr nach seinem Tod posthum mit dem Goldenen L\u00f6wen ausgezeichnet. Sein letztes gro\u00dfes Projekt war das &#8222;Operndorf Afrika&#8220; in Burkina Faso, das nun von Laberenz weiter vorangetrieben wird.<\/p>\n<p><em>Von Nadine Emmerich (epd) \/ <a href=\"http:\/\/www.epd.de\/landesdienst\/landesdienst-ost\/schwerpunktartikel\/alarmzustand-zwischen-wirklichkeit-und-spiel\" target=\"_blank\">Aus: epd ost nad phi, 2.12.2013<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erste Gesamtschau zu Christoph Schlingensiefs k\u00fcnstlerischem Schaffen in Berlin<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=797"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/797\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}