{"id":796,"date":"2013-12-03T23:43:34","date_gmt":"2013-12-03T21:43:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=796"},"modified":"2013-12-03T23:43:34","modified_gmt":"2013-12-03T21:43:34","slug":"grosse-buhne-fur-einen-bildermacher-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=796","title":{"rendered":"GROSSE B\u00dcHNE F\u00dcR EINEN BILDERMACHER (DER STANDARD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief war u. a. Theaterregisseur, Filmemacher, Provokateur und Aktionsk\u00fcnstler. Die Kunst-Werke Berlin geben nun einen Einblick in sein umfassendes Werk<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/Der_Standard__c__Uwe_Walter_1385206664752_Schlingensief_800.jpg\" width=\"450\" height=\"300\" alt=\"Animatograph Edition Parsipark. Foto: Uwe Walter\" style=\"padding-top:20px;padding-bottom:0px;\"\/><\/p>\n<div style=\"font-size:10px;padding-top:0px;padding-bottom:25px;\">Fuchsbau und Labyrinth: die Multimediainstallation &#8222;Animathograph Edition Parsipark (Ragnar\u00f6k)&#8220; von 2005. Foto: Uwe Walter<\/div>\n<p>Bevor man in die Ausstellung zum Ged\u00e4chtnis an Christoph Schlingensief hineindarf, muss man erst einmal in den Beichtstuhl. Im Innenhof der Berliner Kunst-Werke steht ein H\u00e4uschen, das als Schleuse in eine Kirche der Angst dient. Das war eines der sp\u00e4teren Gro\u00dfprojekte des wichtigsten Gesamtk\u00fcnstlers in Deutschland nach Joseph Beuys. Es begann 2003 bei der Biennale in Venedig und durchlief dann verschiedene Stadien, bei der Ruhrtriennale 2008 stand es (als &#8222;Fluxus-Oratorium&#8220;) bereits im Zeichen der Krebserkrankung, der er im August 2010 wenige Wochen vor seinem 50. Geburtstag erlag.<\/p>\n<p>In dem Beichtstuhl trifft man keinen geistlichen Herrn an, es spricht auch niemand eine Lossprechung, stattdessen kann man durch einen kleinen Spalt, hinter dem sich normalerweise der sogenannte Beichtvater undeutlich zu erkennen gibt, auf ein Videobild schauen, das auf einen anderen Ort verweist, auf eine Szene, die einmal &#8222;live&#8220; war und nun Kunstgeschichte ist.<\/p>\n<p>Diese Spannung wird in einer Schlingensief-Ausstellung so deutlich wie kaum einmal, denn er reagierte immer sehr stark auf dem Moment, seine ungeheure Produktivit\u00e4t beruhte auf einer Improvisation, die in den verschiedenen Talk-Show-Formaten ihre beste Form fand.<\/p>\n<p>2011 lie\u00df Susanne Gaensheimer den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig in eine &#8222;Kirche der Angst&#8220; umbauen, es war der erste gr\u00f6\u00dfere Versuch, das Werk von Schlingensief durch Rekonstruktion zu aktualisieren. Denn im Detail stellen sich bei diesen zum Teil aufwendigen Installationen zahlreiche restauratorische Fragen: Wie lassen sich Arbeiten, die zugleich konkrete und imagin\u00e4re R\u00e4ume darstellen, die den Geist elaborierter Baumh\u00e4user oder Gedankenh\u00f6hlen verstr\u00f6men, durch die Zeit bringen?<\/p>\n<p><strong>Eine Moderlandschaft<\/strong><\/p>\n<p>In den Kunst-Werken wird dies nun bei der aktuellen Ausstellung besonders im Hauptraum als Problem, aber auch als Gewinn deutlich. Hier bekommt Schlingensief noch einmal eine \u00e4hnlich gro\u00dfe B\u00fchne wie im Deutschen Pavillon: An den Pf\u00e4hlen der S\u00e4ulenheiligen, die er 2003 anl\u00e4sslich eines ersten Pfahlsitzwettbewerbs im Rahmen der Church of Fear in Venedig aufstellen hatte lassen, vorbei kommt man zu dem Animatograph Edition Parsipark (Ragnar\u00f6k), einer Drehb\u00fchne, die zugleich Fuchsbau, Labyrinth und Sagenlandschaft ist.<\/p>\n<p>Man kann sich an das B\u00fchnenbild zu Kaprow City erinnert f\u00fchlen, einer der umstritteneren Schlingensief-Inszenierungen an der Volksb\u00fchne 2006, wo er das Prinzip st\u00e4ndig ver\u00e4nderter Perspektiven und Sichtfenster radikalisierte. Beim Animatograph, der ja auch eine Moderlandschaft ist, bekommt man tats\u00e4chlich sehr stark das Gef\u00fchl, in eine ur- oder vorzeitliche Konstellation einzutreten, gewisserma\u00dfen sich mythisch verschaukeln zu lassen. Und zugleich ist die Sache in hohem Ma\u00df als Artefakt erkennbar und stellt praktische Fragen vor allem hinsichtlich der Transportabilit\u00e4t: Was macht das Museum aus den h\u00e4ufig ja f\u00fcr bestimmte Orte und Zusammenh\u00e4nge entworfenen Arbeiten von Schlingensief?<\/p>\n<p>Die Kunst-Werke sind kein Museum, doch stellt die neue Schlingensief-Schau ganz eindeutig einen Testlauf dar f\u00fcr eine k\u00fcnftige gro\u00dfe Schau in einem der ersten H\u00e4user des Betriebs. Von der k\u00fcnstlerischen Substanz hat sein Werk eindeutig genug zu bieten, doch bleibt nach dem Durchgang durch die vier Etagen der von Klaus Biesenbach, Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer gemeinsam mit Aino Laberenz, der Nachlassverwalterin, gestalteten Schau die Frage, ob denn hinreichend Objekthaftes vorhanden ist, um zwischen den vielen Bildschirmen nicht g\u00e4nzlich verloren zu gehen.<\/p>\n<p>Schlingensiefs beste Arbeiten fanden in Theater- oder Medienzusammenh\u00e4ngen statt (Rosebud, Talk 2000), sie waren Aktionen, die auf ganze Gesellschaften zielten (Chance 2000, Ausl\u00e4nder raus), und schlie\u00dflich gibt es noch ein filmisches Werk, das in den Kunst-Werken den dramaturgischen Endpunkt bildet, mit vier Sichtungszellen im obersten Stockwerk. Zwischen allen diesen Komplexen stellt die Ausstellung kluge Achsen her, zum Beispiel kann man eine Pressekonferenz von J\u00fcrgen M\u00f6llemann sehen, zu dessen &#8222;T\u00f6tung&#8220; Schlingensief aufgerufen hatte, einer der Provokationen, die von den Attackierten nat\u00fcrlich nicht leicht in ihrem performativen Charakter akzeptiert werden konnte.<\/p>\n<p>Insgesamt stellt sich bei dieser Schau, bei der sich bereits am ersten \u00d6ffnungstag am Sonntag ein veritabler Publikumserfolg andeutete, ein Gef\u00fchl von Wehmut ein. Es r\u00fchrt von der L\u00fccke her, die gerade durch den so deutlich konservierenden Charakter des hier Gezeigten deutlich wird:<\/p>\n<p>Schlingensief zeigte in all seinen Man\u00f6vern eine unverwechselbare Integrit\u00e4t, er war in einer intellektuellen und k\u00fcnstlerischen \u00d6ffentlichkeit, in der strategische Selbstpositionierung fast schon das wichtigste Kriterium geworden ist, derjenige, der das alles aus- und aufhob, der als reger und empfindsamer Geist immer schon einen Schritt weiter war als die Verwertungslogiken, die sich erst allm\u00e4hlich auf ihn einstellen konnten. Dass dieses besondere Element von Avantgarde in den Kunst-Werken deutlich wird, ist nicht zuletzt daran zu ersehen, dass seine Arbeiten sich der Musealisierung widersetzen, was die Schlingensief-Schau in den Kunst-Werken als eigentliche Spannung durchzieht.<\/p>\n<p><em>Aus: <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1385169584666\/Unstrategische-Selbstpositionierung\" target=\"_blank\">DER STANDARD vom 3.12.2013. Autor: Bert Rebhandl<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief war u. a. Theaterregisseur, Filmemacher, Provokateur und Aktionsk\u00fcnstler. 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