{"id":789,"date":"2013-12-02T11:11:16","date_gmt":"2013-12-02T09:11:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=789"},"modified":"2013-12-02T11:11:16","modified_gmt":"2013-12-02T09:11:16","slug":"am-rande-der-hysterie-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=789","title":{"rendered":"AM RANDE DER HYSTERIE (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ab Sonntag zeigen die Kunst-Werke eine gro\u00dfe Christoph-Schlingensief-Retrospektive. Unser Autor erinnert sich ganz pers\u00f6nlich an den Ausnahmek\u00fcnstler<\/strong><\/p>\n<p><em>von Detlef Kuhlbrodt<\/em><\/p>\n<p>Zum ersten Mal hatte ich Christoph Schlingensief 1986 auf der Berlinale gesehen, im Delphi bei einem Gespr\u00e4ch mit Dietrich Kuhlbrodt und Ulrich Gregor \u00fcber seinen Film &#8222;Menu Total&#8220;. Ich hatte ihn doof gefunden, wie man oft Leute aus der eigenen Generation doof findet, und irgendwie war mir peinlich gewesen, dass jemand mit meinem Namen auf Schlingensiefs Seite war. Die B\u00fcrgerschrecksnummer hatte mich genervt. Sp\u00e4ter \u00e4nderte sich das, als ich mitbekam, dass er bei den fr\u00fchen Helge-Schneider-Filmen die Kamera gemacht hatte. Helge Schneider fand ich ganz toll. Als er dann pl\u00f6tzlich an der Volksb\u00fchne war, ab 1993, wo er &#8222;100 Jahre CDU &#8211; Spiel ohne Grenzen&#8220; inszenierte, wurde ich auch so allm\u00e4hlich zum Fan.<\/p>\n<p>Mit Schlingensief war die Volksb\u00fchne zu einem extrem kommunikativen Kraftzentrum geworden. W\u00e4hrend seine Filme den Neuen Deutschen Film dekonstruierten, exorzierten seine Inszenierungen (nicht nur &#8222;Rocky Dutschke&#8220;) das, was man so unter 68 verstand, die heiligen Allgemeinpl\u00e4tze der in die Jahre gekommenen neuen westdeutschen Linken. Keine Auff\u00fchrung war wie die andere, vieles stand am Rande der Hysterie. Mit den Mitteln der Kunst sollte das Getto der Kunst verlassen werden. Einmal wurde ein St\u00fcck auch r\u00fcckw\u00e4rts gespielt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Berichterstatter war das aufregend, aber auch nicht so einfach: Das St\u00fcck, \u00fcber das man sich Gedanken gemacht hatte, \u00fcber das man geschrieben hatte, war ja l\u00e4ngst pass\u00e9, verworfen und umgekrempelt worden. Und Schlingensief war ein bisschen entt\u00e4uscht, dass sich die Theaterkritiker nicht jede Auff\u00fchrung anschauten. Die, die kamen, wurden oft in die Theaterst\u00fccke, Filme, Aktionen integriert, teils wurden sie auf der B\u00fchne auch karikiert. Da ich mich selber als performativer Journalist sah und den Dissens ganz gut aus der taz kannte, gab es eine gewisse gef\u00fchlte inhaltliche N\u00e4he.<\/p>\n<p>Manche St\u00fccke schaute ich mir tats\u00e4chlich mehrmals an. Einmal nahm mich Dietrich Kuhlbrodt mit in die Garderobe, um Christoph zu tr\u00f6sten, bei irgendeiner grandios-chaotischen Auff\u00fchrung der &#8222;Berliner Republik&#8220;. Wie wir ihm dann st\u00e4ndig versicherten, wie toll dieser Abend doch gewesen war und ich gar nicht verstand, wieso ihm das nicht klar war. Der Funke war doch so offensichtlich \u00fcbergesprungen.<\/p>\n<p><strong>Westberliner Republik<\/strong><\/p>\n<p>Was bei Schlingensief zitiert, verwendet und durchgearbeitet wurde, war zun\u00e4chst eine Westgeschichte &#8211; 68, die Situationisten, die Surrealisten, &#8222;100 Jahre CDU&#8220;, selbst die &#8222;Berliner Republik&#8220; scheint r\u00fcckblickend eine Westberliner Republik gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich kennengelernt hatte ich ihn dann, glaube ich, \u00fcber Klaus Beyer. Zusammen mit J\u00f6rg Buttgereit waren wir an einem Buch \u00fcber den f\u00fcnften Beatle (&#8222;Das System Klaus Beyer&#8220;) beteiligt. Klaus war irgendwann Teil der Schlingensief-Familie, bei der ich dann auch manchmal zu Gast war. Im Mai 98 im Hotel Prora zum Beispiel.<\/p>\n<p>Das Hotel Prora war eine \u00dcbernachtungsaktion im Rahmen des Chance-2000-Wahlkampfs. Man schlief in Zelten, die im Prater aufgebaut waren, drum herum gab es Irrsinn, Reden, Aktionen. Begeistert sang man &#8222;Wir wollen trauern!&#8220; oder die Parteihymne mit den sch\u00f6nen Brecht-Zeilen &#8222;\u2026 der Blick in das Gesicht eines Menschen, dem geholfen ist, ist der Blick in eine sch\u00f6ne Gegend &#8211; Freund, Freund, Freund!&#8220;.<\/p>\n<p>Um die &#8222;Scheitern-als-Chance-Partei&#8220; r\u00fcckblickend zu verstehen, muss man sich diese Zeit ein bisschen vergegenw\u00e4rtigen. Die Nachwendeeuphorie war l\u00e4ngst vor\u00fcber. 98 war das Jahr, in dem Helmut Kohl abgel\u00f6st wurde. Rainald Goetz machte seinen Abfall-f\u00fcr-alle-Blog, und im Sommer hatten sich undogmatische 68er auf dem u. a. von Rainer Langhans veranstalteten &#8222;Ready-to-Ruck&#8220;-Kongress noch einmal zu Wort zu gemeldet. Das war eine gro\u00dfartig scheiternde Veranstaltung im Tempodrom, bei der die Subkulturen unterschiedlicher Jahrzehnte eine dissidentische Kontinuit\u00e4t demonstrieren sollten und sich auf der B\u00fchne alle total stritten. Schlingensief war wohl auch dabei, aber ich erinnere mich vor allem an Axel Silber und ein sympathisch hilfloses Chaos.<\/p>\n<p>Dann gab es noch irgendeine Zusammenarbeit resp. Tolerierung zwischen Karl Nagels sagenumwobener APPD und Chance 2000. Und den Parteitag der APPD im Pfefferberg, bei dem auf der B\u00fchne f\u00fcr den Frieden gefickt wurde und ein Funktion\u00e4r irgendwann, dem Publikum zugewandt, auf die B\u00fchne pisste und &#8222;Blue Velvet&#8220; sang, und die APPD-Plakate mit dem Zusatzschild &#8222;Zweitstimme FDP!!!!&#8220;.<\/p>\n<p>Nachts im Hotel Prora also lernte ich auch Dietrich Kuhlbrodt, den Staatsanwalt a. D. und Chefideologen von Chance 2000 kennen. Wir f\u00fchlten uns verwandt miteinander, ohne je herauszukriegen, \u00fcber welche Ecken. Eine komische Zeit &#8211; einerseits war ich Techno- und Drogenfreund und in der Hippieforschung t\u00e4tig, andererseits (mit Rainald Goetz, Elfriede Jelinek, Dirk Baecker und einigen FeuilletonkollegInnen) im kurzlebigen Thinktank von Chance 2000. Wobei die schlingensiefsche Matrix-Metaphorik dieser Zeit eigentlich ganz gut zu den Technodrogen passte.<\/p>\n<p><strong>Ziemlich irrsinnig<\/strong><\/p>\n<p>Mit Dietrich hatte ich 2001 einen Stand beim Liebeskummerkongress &#8222;Lovepangs &#8211; Join the lovesick society&#8220; in der Volksb\u00fchne, einer Gemeinschaftsproduktion mit Carmen Brusic: eine ziemlich irrsinnige Veranstaltung, bei der so etwa alle, die in Berlin mit Kultur zu tun hatten, Beratungsgespr\u00e4che anboten, und auf der, in Zusammenarbeit mit Alexander Kluge, mit dem sich Schlingensief kurz vor der Premiere zerstritt, ein imagin\u00e4rer Opernf\u00fchrer vorgestellt wurde.<\/p>\n<p>&#8222;Lovepangs&#8220; wurde dann noch einmal in Frankfurt aufgef\u00fchrt. Das Hotel, in dem wir \u00fcbernachteten, hatte ein Schwimmbad. Und am Ende hat Christoph Schlingensief mit Dietrichs in diesem Jahr verstorbener Frau, der manisch-depressiven Schauspielerin Brigitte Kausch, &#8222;What Shall We Do with the Drunken Sailor&#8220; gesungen.<\/p>\n<p>\u2013<\/p>\n<p><strong>Die Retrospektive<\/strong><\/p>\n<p> Ab Sonntag zeigen die Kunst-Werke (KW) in Mitte (Auguststra\u00dfe 69) eine gro\u00dfe Christoph-Schlingensief-Retrospektive. Bis zum 19. Januar wird die Schau Einblicke in das Werk des vor zwei Jahren gestorbenen Film- und Theaterregisseurs, Aktions- und Installationsk\u00fcnstlers, Musikers und Opernregisseurs bieten. &#8222;Schlingensiefs Werk&#8220;, hei\u00dft es in der Ank\u00fcndigung der Kunst-Werke, &#8222;ist ausufernd, vielgestaltig und erzielt seine Wirkung durch stetige Fragmentierung, Gleichzeitigkeit, Entgrenzung, Inter- und Transmedialit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kw-berlin.de\" target=\"_blank\">www.kw-berlin.de<\/a><\/p>\n<p>Aus: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=ba&#038;dig=2013%2F11%2F30%2Fa0208&#038;cHash=efdacbea607b246b1d112a98304b693b\" target=\"_blank\">taz vom 30.11.2013<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab Sonntag zeigen die Kunst-Werke eine gro\u00dfe Christoph-Schlingensief-Retrospektive. 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