{"id":788,"date":"2013-12-02T11:01:11","date_gmt":"2013-12-02T09:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=788"},"modified":"2013-12-02T11:01:11","modified_gmt":"2013-12-02T09:01:11","slug":"methode-schlingensief-im-museum-berliner-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=788","title":{"rendered":"METHODE SCHLINGENSIEF IM MUSEUM (BERLINER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Drei Jahre nach dem Tod von Christoph Schlingensief, Theatermacher, Aktionsk\u00fcnstler, Filmemacher, widmet sich eine Schau seinem Werk. Stellt es aus &#8211; versammelt, bietet es dar &#8211; aneinandergereiht. Das umfassende Schaffen von einem, der es so gut verstand, Unordnung zu produzieren.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Ingeborg Ruthe<\/em><\/p>\n<p>Jetzt wird er vermessen nach allen Regeln der Kunst, eingespeist in j\u00fcngste Kunstgeschichte. Der zeitlebens in kein Schubfach der Welterkl\u00e4rungs- und Ausdrucks-Kunst passende Filmemacher, der beseelt-verr\u00fcckte Theater-Aufmischer, der Opern-Verwurster, der Politik-Akteur und eulenspiegelhafte Weltb\u00fcrger aus Oberhausen, Christoph Schlingensief (1960-2010), er ist nun musealisiert. Nun, warum sollte der Kulturbetrieb mit ihm anders umgehen, als mit seinen hassgeliebten Altvorderen: Joseph Beuys und Rainer Werner Fassbinder?<\/p>\n<p>Die liebevolle Musealisierung passiert in den KunstWerken Auguststra\u00dfe, da, wo es \u2013 in Berlin \u2013 mit Schlingensief anfing, wo er die erste Berlin Biennale 1998 mitmachte, ein Atelier hatte, als er an Frank Castorfs Volksb\u00fchne mit Obdachlosen inszenierte.<\/p>\n<p>Die nun beginnende Retrospektive war mit ihm pers\u00f6nlich ausgemacht, noch bevor er ahnte, dass der Krebs in der Lunge ihn bezwingen w\u00fcrde. Die Schau wurde dann verschoben, weil zu viel dazwischenkam, etwa Schlingensiefs Witwe, die B\u00fchnenbildnerin Aina Laberenz, die aus seinem utopischen Operndorf im afrikanischen Burkina Faso inzwischen sehr sichtbare Realit\u00e4t machte: mit Schule, Wohnh\u00e4usern, Krankenstation, Kulturhaus, B\u00fchne.<\/p>\n<p>Das verl\u00e4ngerte Auge<\/p>\n<p>Gleich drei Ausstellungsmacher waren zugange: KW-Gr\u00fcnder und heutiger MoMA-Mann in New York, Klaus Biesenbach, enger Weggef\u00e4hrte Schlingensiefs, dazu Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer. Sie f\u00e4deln auf, was Schlingensief hinterlie\u00df. Sie versuchen, in der Dramaturgie der Stationen und Phasen zu vermitteln, dieses kreative, nervige, wundersame Durcheinander von Leben und Kunst und Kunst und Leben. Dies bei einem, der die kleinen Leute liebte und die Kamera als Verl\u00e4ngerung seiner Augen begriff bei seiner Sicht auf die Welt. Manisch, panisch fast, denn Schlingensief hatte st\u00e4ndig Angst zu erblinden, weil sein geliebter Vater an Gr\u00fcnem Star litt.<\/p>\n<p>Starke Bilder (oder sind es eher Bild-St\u00f6rungen?) hat er in die Welt gesetzt, kommend aus dem Film, transportiert in Aktionen, auf die B\u00fchne. Immer sind da: Dunkelphase, Schnitt, Mehrfachbelichtung, \u00dcberblendung. Und w\u00fcste Action, gemischt mit Slapstick. Auf diese Bilder setzt die Schau. Nur sie k\u00f6nnen besagen, was sie eigentlich war: die \u201eMethode Schlingensief\u201c. N\u00e4mlich das lustvolle, konfrontative, bizarre, obsz\u00f6ne \u2013 und eben auch naive Scheitern.<\/p>\n<p>Das sieht man schon im Hof des Ausstellungsortes. Eine wei\u00dfe, begehbare Holzkapelle, ein multireligi\u00f6ses Angstkirchlein (auf der Biennale Venedig machte Schlingensief mit so einer Furore), in das Menschen sich fl\u00fcchten. Vom spitzen T\u00fcrmchen ruft melodisch eine Muezzinstimme. An die Aktion \u201eChurch of Fear\u201c wird erinnert, der 20. M\u00e4rz 2003, Tag der ersten Luftangriffe der USA unter Pr\u00e4sident George W. Bush in Allianz mit den Briten auf Bagdad. Die \u201eVerteidigung der Angst als Privateigentum \u2013 gegen Vereinnahmung f\u00fcr politische oder religi\u00f6se Zwecke (Schlingensief) \u2013 war damals , und ist nun wieder verbunden mit einem Pfahlsitzwettbewerb.<\/p>\n<p> Drinnen, in der d\u00fcsteren, nur von spie\u00dfb\u00fcrgerlichen Troddel-Lampen erhellten KW-Ausstellungshalle, sitzen auf echten meterhohen und wild (afrikanisch) bemalten Baumst\u00e4mmen mit aufmontierten Sitzen, junge Leute. Sie lesen. An Stricken baumeln Wasserflaschen, Eimer, \u00dcberlebensmittel. Scheint so, diese stoischen Pfahlsitzer bewachen den \u201eAnimatograph\u201c, jene Installation von 2005, die Schlingensiefs Aktionen, Filme, B\u00fchnenarbeiten zeichenhaft zusammenbringt. Schon auf die Au\u00dfenwand des schwarzen Kubus steht geschrieben, was ganz auf Krawall aus ist: etwa Adornos Schriften versus Wagners \u201eParsifal\u201c, diesem von Schlingensief in Bayreuth idiosynkratrisch inszenierten Spektakel 2007.<\/p>\n<p>Tief im melancholischen Kubus, da dreht sich ganz langsam, eine \u2013 mit Milit\u00e4r-Tarnnetzen verzierte \u2013 B\u00fchnenscheibe: Da ist alles raufgepackt, was die traditionelle Trennung zwischen Kunstwerk und Betrachter aufhebt: Diese \u201eB\u00fchne\u201c ist zum einen Kriegsschauplatz Kosovo, Irak, Afghanistan, zum anderen wohlige Spie\u00dferwohnung. Mal w\u00e4hnt man sich auf einer ruppigen Stra\u00dfe in Bottrop, dann wieder auf dem saturierten Gr\u00fcnen H\u00fcgel Bayreuth. Gleichsam als menschliches Auge soll(te) die Installation wirken, Spuren auf der Netzhaut hinterlassen, Dreh- und Angelpunkt sein f\u00fcr das, was Schlingensief mit \u201eDie Kunst ist ausgebrochen\u201c meinte. Und was der kompromisslose Menschenfreund unter \u201eanst\u00e4ndiger\u201c Politik und zivilem Ungehorsam verstand. Und auch nichts von den anderen Arbeiten im Haus \u2013 weder die Aktion \u201eDeutsches Kettens\u00e4genmassaker\u201c 1990, das die Wiedervereinigung \u201efeiert\u201c, noch das Baden seiner \u201eChance 2000-Partei\u201c im Wolfgangsee (Helmut Kohls Urlaubsort), auch nicht \u201eFreak-Stars\u201c, 2002, wo er mit Behinderten eine Casting-Show persifliert \u2013 ist Gesamtkunstwerk.<\/p>\n<p>Nichts ist etwas Geschlossenes. Er wollte aufbrechen. Film, B\u00fchne, dazu die ihm st\u00e4ndig folgende Pressemeute! \u2013 waren nutzbare Medien, alles lie\u00df sich ersprie\u00dflich verbinden. Aber nie war klar, was ist Realit\u00e4t und was Fiktion.<br \/>\nDer Schwarze Kontinent<\/p>\n<p>Raum f\u00fcr Raum, Etage f\u00fcr Etage, wird klar, das Schlingensief nicht in Gattungen dachte, sondern dass es ihm um Inhalte ging, so, wie er Genres und Medien ausprobierte, deren soziale und politische Bedeutung und Brauchbarkeit testete. All das passierte bildlich, sprachlich, theatralisch, musikalisch, rhythmisch.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich: Burkina Faso: Schlingensiefs Vorstellung von Afrika, von kolonialer Mitschuld und Wiedergutmachung, seine Projektion auf den Schwarzen Kontinent von wilder Sinnlichkeit, zugleich Angst vor Aids, ist die einer provozierenden Satire. Warum also Afrika? Es gehe ihm, sagte er, um die \u00dcberwindung der eingeschr\u00e4nkten Sicht, die wir auf uns selbst und auf andere h\u00e4tten. Also wollte er das seltsame Projekt Operndorf, diesen \u201ekulturellen \u00dcberbogen\u201c, nachdem er vorher schon in Nepal und Brasilien filmisch und auf B\u00fchnen t\u00e4tig war.<\/p>\n<p>Das Verwischen von Grenzen war bei ihm auch eine Form von Repr\u00e4sentationskritik. Deshalb hat er die \u201ePartei Chance 2000\u201c gegr\u00fcndet, die \u201eChurch of Fear\u201c. Wegen des Gegensatzes zwischen denen, die das Sagen haben und denen, die machtlos sind. Er zeigte auf, riss an, L\u00f6sungen hatte er keine. Seine B\u00fchne war gebaut f\u00fcrs \u00f6ffentliche Scheitern. Daf\u00fcr war ihm alles recht. Er sog auf wie ein Schwamm, was er sah, erlebte, h\u00f6rte. Und dann verwandelte er es in Adrenalin. So viel, dass er es an alle anderen um ihn herum verschwendete. Genau der Treibstoff aber fehlt nun, da sein Werk so vor uns ausgebreitet ist. Das ist paradox, aber es ist der Lauf der Welt.<\/p>\n<p>KW, Auguststr. 69, ab Sonntag, bis 19. Januar 2014. Mi\u2013Mo 12\u201319\/Do bis 21 Uhr. Die Schau wird gef\u00f6rdert von der Kulturstiftung des Bundes, VW und Rudolf -Augstein-Stiftung. Das Schlingensief-Filmprogramm: www.kw-berlin.de<\/p>\n<p><em>Aus: <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur\/christoph-schlingensief-retrospektive-methode-schlingensief-im-museum,10809150,25468940.html\">Berliner Zeitung vom 30.11.2013<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Jahre nach dem Tod von Christoph Schlingensief, Theatermacher, Aktionsk\u00fcnstler, Filmemacher, widmet sich eine Schau seinem Werk. Stellt es aus &#8211; versammelt, bietet es dar &#8211; aneinandergereiht. 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