{"id":78,"date":"2006-01-22T21:38:43","date_gmt":"2006-01-22T19:38:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=78"},"modified":"2006-01-22T21:38:43","modified_gmt":"2006-01-22T19:38:43","slug":"stau-vor-dem-heiligen-urklo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=78","title":{"rendered":"Stau vor dem heiligen &#8222;Urklo&#8220; (Salzburger Nachrichten)"},"content":{"rendered":"<p>Von Bernhard Flieher<\/p>\n<p>Vor dem &#8222;Urklo&#8220; ist grad Stau. Da muss aber durch, wer zum &#8222;Kriegerdenkmal&#8220; vordringen will und zur &#8222;Schlange ins Arschloch&#8220;, der &#8222;Hasenoffenbarung&#8220; oder der &#8222;Kirche&#8220;. Aber jetzt staut es. Gut, dass Hermann Nitsch dasteht. &#8222;Den Zusammenhang bestimmen Sie als Besucher&#8220;, sagte Inszenator Christoph Schlingensief wenige Minuten vorher in einer Einf\u00fchrung. Also schnell gefragt. &#8222;Wie gef\u00e4llt&#8217;s Ihnen denn so, Herr Nitsch?&#8220; &#8211; &#8222;Er kennt wie ich das Urgeheimnis.&#8220; &#8211; &#8222;Und was ist das Urgeheimnis?&#8220; &#8211; &#8222;Ein Geheimnis.&#8220;<\/p>\n<p>So wie es ja auch geheim ist, dass Nitsch nicht Nitsch ist, sondern von Hermann Scheidleder gespielt wird. Spiel oder Show oder Wirklichkeit &#8211; wen muss es k\u00fcmmern?<\/p>\n<p>Irm Hermann, die mit Fassbinder drehte, steht herum, schaut aus und tut wie Andy Warhol. Gestern sei sie auch dagestanden &#8222;und keiner hat&#8217;s bemerkt&#8220; sagt sie. Warum sollte wer?Parsifal und Afrika, Wagner und Jackson Drau\u00dfen auf der Feststiege fragt indessen Patti Smith, Rockpoetin und Punkikone, was der Gral sei. Und so bewegt man sich schon im Dickicht aus Legende und Mythos, Parsifal und Afrika, Wagner und Michael Jackson, das Schlingensief im Burgtheater wachsen lie\u00df.<\/p>\n<p>Wie im Dylan-Song &#8222;Desolation Row&#8220; tauchen Figuren auf und unter: manche ber\u00fchmt, manche von obskurer Bedeutung, alle wichtig in Schlingensiefs Kunstkoordinationssystem. Woher sie kommen? Was sie wollen? Ob es sie tats\u00e4chlich gibt? Diese Fragen treiben einen durch die Sammlung Schlingensief. Und sie wecken das ungut aufregende Gef\u00fchl, dass hier \u00fcber alles und nichts nachgedacht werden soll. Also hei\u00dft es, das Ehrw\u00fcrdige dieses Raumes zu verlassen und ihn wie Fremdland zu begehen und jede Zeit zu verlieren. Mittendrin statt nur dabei muss alles erfahren werden. Die Sinne werden bet\u00f6rt. Nicht aber ablenkende Sch\u00f6nheit, ewig g\u00fcltige S\u00e4tze des Welttheaters, tun das, sondern es prasselt Dreck und Wirklichkeit und L\u00e4rm der Welt. Es dr\u00f6hnt Feedback. Es pl\u00e4rren E-Gitarren. Es lullen Orchesterkl\u00e4nge ein.<\/p>\n<p>Das Ereignis hei\u00dft &#8222;Area 7 &#8211; Matth\u00e4usexpedition&#8220;, k\u00f6nnte aber auch Slumparty hei\u00dfen oder Weltget\u00f6sekarussel oder Mozartaussperrung. Mit Theater in traditionellem Sinn hat es jedenfalls wenig zu tun.<\/p>\n<p>&#8222;Area 7&#8220; hei\u00dft ein Township in Namibia. Dort drehte Schlingensief vergangenen Herbst den Film &#8222;The African Twin Towers&#8220;. Besser: Er wollte drehen. 300 Stunden Filmmaterial entstanden. Nie wird daraus ein Film entstehen. Teile davon sind auf Video in der Burg zu sehen. Genauso wie Elfriede Jelinek beim Lesen zu sehen ist und Robert Stadlober die Gitarre umschnallt und freilich auch der F\u00fchrer auftaucht in der Ehrenloge, wo ja auch schon &#8222;Paula Wessely und Horst Wessely&#8220; (Schlingensief) waren. Und ein Schiff schleppte Schlingensief aus Afrika auch heran. Fitzcarraldo tat das einst im brasilianischen Dschungel, um eine Oper zu bauen. Kein Wunder, dass Schlingensief davon tr\u00e4umt, eine seiner n\u00e4chsten Aktionen in Brasilien (oder in Nepal) zu realisieren. Nichts weniger als ein eigenes Kunst-Haus baut er, wo immer er sich kurz niederl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Keiner schaut so schnell,wie Schlingensief denkt Nach Afrika kam der 45-j\u00e4hrige deutsche Universalk\u00fcnstler, weil er vorher in Island war. Und auf die Insel kam er, weil er 2004 mit &#8222;Parsifal&#8220; sein viel beachtetes und viel gelobtes Operndeb\u00fct in Bayreuth gab.<\/p>\n<p>Bayreuth stie\u00df das Tor in die Welt auf, sagt er. Und weil das alles schon recht kompliziert ist, spielt es wom\u00f6glich gar keine Rolle. Schadet aber nicht, dass man es wei\u00df. So wie es \u00fcberhaupt nicht schadet, allerhand zu kennen von Beuys oder Warhol, von sakralen Ritualen oder Pop, \u00fcber Weltpolitik bis Werbeslogans, um bei Schlingensief mitmischen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Niemand kann so schnell schauen, wie Schlingensief denkt. Keiner kann so viel h\u00f6ren, wie Schlingensief redet &#8211; oder reden, schreien, kr\u00e4chzen l\u00e4sst aus Lautsprechern und Megafonen. Jeder nimmt aus vier Stunden &#8222;Area 7&#8220;, was er kriegen kann. Oder er l\u00e4sst es, findet&#8217;s unterhaltsam oder \u00fcberladen.<\/p>\n<p>In 1000 Dinge, die niemand vergessen muss, eher sie gar nicht erst registriert hat, st\u00f6\u00dft Schlingensief die Besucher in freier Bewegung durch das ganze Haus am Ring. Aus allem Wissen, das wir mitbringen, aus allen Informationen, die wir erhalten, muss durch Schlingensiefs Arbeit freilich nicht zwangsl\u00e4ufig eine Erkenntnis entstehen. Darauf legt er es nicht an. Es gibt keine Premiere der Expedition, die &#8222;ja jeden Tag einen anderen Verlauf nehmen kann&#8220;. Kein Anfang und kein Ende sind vorgesehen (auch wenn heute, Freitag, eine &#8222;Er\u00f6ffnung&#8220; stattfindet). So steigt in die Expedition ein, wer will, wann und wo immer er will.<\/p>\n<p>Schlingensief belehrt nicht. Er sammelt Kunstvorbilder, Alltagsmythen und Religionswahn. Er durchstreift die Welt. Was an ihm kleben bleibt, bietet er zur Weiterverwendung an.<\/p>\n<p>Angeordnet hat er Zitate und Thesen, gro\u00dfkotzige Ansagen und Wandspr\u00fcche, Malerei und Videokunst in &#8222;Animatographen&#8220;. Das sind Drehb\u00fchnen, die angef\u00fcllt sind mit Objekten und Leben (in echt und per Video) und die unterteilt sind in verschiedene Segmente. Wer von drinnen hinausschaut, erlebt, wie sich durch die Drehbewegung auf den Leinw\u00e4nden rundherum ein st\u00e4ndig neuer Film ergibt. Es entsteht ein Labyrinth kleiner R\u00e4ume, die ein Universum an Assoziationen \u00f6ffnen. Eine Art Zeltstadt w\u00e4chst so bis weit ins Publikumsparkett des Burgtheaters.Nomadisieren im Paralleluniversum Das Nomadische liegt Schlingensief, der so gern \u00fcber Paralleluniversen spricht. Es gehe ums Verteilen. Ungef\u00e4hr bedeutet die Teilung des Universums, um Schlingensief frei zu interpretieren, dass, wer diese Zeilen hier liest, gleichzeitig dar\u00fcber redet, was ein paar Seiten weiter hinten im Sportteil steht oder an &#8222;Desolation Row&#8220; denkt. Was also, fragt uns Schlingensief, ist nun wahr, was ist wichtig?<\/p>\n<p>Nur Patti Smith ist wirklich echt. In Bayreuth lernte sie Schlingensief kennen und reist ihm seither nach. Sie spuckt wie eh und je beim Singen. &#8222;Holy Trash&#8220; sei dieser &#8222;Anamanito&#8230;amananagraf &#8211; ich wei\u00df nicht, wie es hei\u00dft. Christoph sagt es mir dauernd, aber ich kann&#8217;s nicht behalten.&#8220; &#8211; &#8222;Animatograf&#8220;, hilft jemand. &#8222;Yeah. That&#8217;s it&#8220;, sagt Smith. Das ist es, dieses &#8222;crazy thing&#8220; von &#8222;crazy people&#8220;, die von den anderen &#8222;crazy guys&#8220; hier hereingelassen worden sind. Warum, das wei\u00df sie nicht. Aber sie sagt, sie f\u00fchle sich hier wohl. Sie sp\u00fcre, dass sich hier etwas ereigne. &#8222;Ich glaube an das, was hier passiert&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Show? Theater? Installation? Film? Egal! Christoph Schlingensief sorgt mit &#8222;Area 7&#8220; im Burgtheater f\u00fcr ein sinnliches Erlebnis zum Nachdenken<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=78"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=78"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=78"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=78"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}