{"id":778,"date":"2013-11-30T03:29:35","date_gmt":"2013-11-30T01:29:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=778"},"modified":"2013-11-30T03:29:35","modified_gmt":"2013-11-30T01:29:35","slug":"christoph-schlingensief-in-den-berliner-kunst-werken-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=778","title":{"rendered":"CHRISTOPH SCHLINGENSIEF IN DEN BERLINER KUNST-WERKEN (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief hat Menschen und Medien bewegt. Er war ein heiliger Narr. Jetzt widmen die Berliner Kunst-Werke dem 2010 verstorbenen K\u00fcnstler eine gro\u00dfe Werkschau. <\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/dpa_2_format14.JPG\" width=\"450\" height=\"248\" alt=\"Die Mythenmaschine (Foto: dpa)\" style=\"padding-top:20px;padding-bottom:0px; \/><\/p>\n<div style=\"padding-bottom:20px;font-size:10px;\">Foto: dpa<\/div>\n<p>Bildschirme \u00fcberall. Viele dickbauchige Ger\u00e4te, wie man sie vor f\u00fcnfzehn oder zwanzig Jahren herumstehen hatte. Auf einem dieser Fernseholdtimer macht Rudolf Moshammer Bussi, ein noch sehr jugendlich wirkender Rolf Eden bleckt seine Z\u00e4hne in die Kamera. Schnipsel aus \u201eTalk 2000\u201c, anno 1997. Die Beitr\u00e4ge f\u00fcr das WDR-Magazin \u201eZAK\u201c sind noch etwas \u00e4lter, anno 1991\u201393, da wird berichtet \u00fcber \u201eAu\u00dferirdische \u2013 Nazis vom Mars\u201c und nat\u00fcrlich von den Oberhausener Kurzfilmtagen. J\u00fcrgen M\u00f6llemann ist, an der Wand vis-\u00e0-vis, in einem Mitschnitt von einer Pressekonferenz aus dem Jahr 2002 zu sehen. Der FDP-Politiker, der 2003 bei einem Fallschirmsprung ums Leben kam, war ein Spezialfreund des K\u00fcnstlers, um den sich hier alles dreht.<\/p>\n<p><strong>Der wie ein starker Magnet wirkte: Christoph Schlingensief zog an, und er stie\u00df ab.<\/strong><\/p>\n<p>Er war ein Narr und Entertainer. Er besa\u00df spirituelle Kraft. Er war ein Gestikulierer, ein Protestierer. Das Wort, das ihm h\u00e4ufig angeklebt wurde, war: Provokateur. Christoph Schlingensief liebte es laut, wild, chaotisch, Karneval lag in seiner Kunst. Er war ein Katholik. Auch der Ketzer verdankt seine Existenz der katholischen Kirche. Im Hof der Kunst-Werke steht, klein und liebenswert und aus Holz, das Geh\u00e4use der Schlingensief\u2019schen \u201eChurch of Fear\u201c von der Biennale Venedig 2003. Sein Werk war, vorsichtig gesagt, umfassend. Ausufernd. Unfassbar in vielerlei Hinsicht. Auch in dem Sinn, dass nicht mehr darstellbar ist, was einmal explosive Energie des Moments war. Schlingensief hatte es nicht darauf angelegt, Werke von Dauer zu schaffen. Aber er achtete schon fr\u00fch darauf, dass nichts verloren ging. So wurde das meiste aufgehoben. Der gro\u00dfe Durcheinanderbringer und \u00dcberw\u00e4ltiger hatte Archivsinn.<\/p>\n<p>Aino Laberenz, seine wunderbare Frau und Mitarbeiterin, und die Kuratoren Klaus Biesenbach, Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer haben s\u00e4mtliche KW-Stockwerke und R\u00e4ume, bis in den letzten Winkel, mit Schlingensief-Dokumenten gef\u00fcllt. Eine weihevolle, museale Schau wollten sie nicht. Gegen diesen Eindruck arbeiten schon die Umst\u00e4nde, das Disparate des Materials, die Versammlung der Schnipsel. Der Teufel steckt im Detail, Gott in der Collage.<\/p>\n<p><strong>Helmut Kohl sollte regelrecht ausgetrieben werden<\/strong><\/p>\n<p>Man muss sich Zeit nehmen, schauen, h\u00f6ren, lesen. Also: wieder h\u00f6ren, aufs Neue sehen, nachlesen. Man war doch dabei, die drei\u00dfig Jahre, ab 1980. Man kann sich selbst beim J\u00fcngerwerden oder \u00c4lterwerden, wahlweise, zuschauen, beim Rundgang durch die Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Erst sehr westlich, Schlingensief kam aus Oberhausen. Nachher Ossi-Wessi \u2013 und \u00d6sterreich. Auf der Auguststra\u00dfe stehen zwei Container der Ausl\u00e4nder-Rausw\u00e4hl-Aktion bei den Wiener Festwochen 2000. Da hatte Schlingensief wieder blitzschnell reagiert und die TV-Reality-Show \u201eBig Brother\u201c in die Wirklichkeit geholt.<\/p>\n<p>Auf einer riesigen Fototapete sieht man lustige Menschen beim \u201eBaden im Wolfgangsee\u201c, eine medientr\u00e4chtige Aktion im Wahlkampf der Riesenspa\u00dfpartei \u201eChance 2000\u201c. Das deutsches Nervens\u00e4genmassaker. Damals, im Sommer 1998, war Helmut Kohl noch Kanzler. Und Christoph Schlingensief lief \u00fcber s\u00e4mtliche Kan\u00e4le. \u201eT\u00f6tet Helmut Kohl\u201c, hie\u00df eine seiner Paraden im Prater der Volksb\u00fchne. Es gab \u00c4rger, aber die Schlingensief-Show ging weiter. Der Altkanzler lebt noch, gezeichnet von schwerer Krankheit. Der K\u00fcnstler, der ihn einst austreiben wollte, ist im August 2010 gestorben, mit 49 Jahren, lange vor der Zeit.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hatte \u00fcber die Ausstellung in den Kunst-Werken noch selbst nachgedacht, in seinem letzten Jahr. Aber was hei\u00dft Ausstellung? Es ist ein Panorama, eine Geisterbahn, ein Parcours, ein imagin\u00e4res Museum, denn so viele Arbeiten k\u00f6nnen gar nicht gezeigt werden, oder nur in Ausschnitten. Das gilt besonders f\u00fcr die Inszenierungen an der Volksb\u00fchne, wo Schlingensief 1993 mit \u201e100 Jahre CDU \u2013 Spiel ohne Grenzen\u201c seine Pandorab\u00fcchse \u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Vor allem aber funktioniert diese Veranstaltung als Zeitmaschine. Der Deutsche Pavillon auf der Biennale Venedig 2011, ein Jahr nach seinem Tod, konnte nur ein Akt der Trauer sein, des Festhaltens dessen, der entglitten war. Dort hatte Aino Laberenz das B\u00fchnenbild zur \u201eKirche der Angst vor dem Fremden in mir\u201c rekonstruiert. 2012 erschien seine posthume Autobiografie \u201eIch wei\u00df, ich war\u2019s\u201c. Jetzt stellen sich die Fragen der Nachwelt. Was bleibt? Was war das eigentlich, dieser Sturm namens Christoph?<\/p>\n<p><strong>Es kann nicht oft genug gesagt werden: Christoph Schlingensief fehlt<\/strong><\/p>\n<p>Ein Kosmos. In der KW-Halle steht sein \u201eAnimatograph\u201c. Gebaut aus Milit\u00e4rschrott vom Flughafen Neuhardenberg, wo die Installation 2005 entstand. Sie ist begehbar, sie dreht sich. Ein Bunker f\u00fcr Mythen der nordischen Welt, der S\u00fcdhalbkugel. Bilder von Hitler, Honecker, Nixon. Ger\u00fcmpel. Jonathan Meese und Anselm Kiefer h\u00e4tten das finstere Biotop mitbauen k\u00f6nnen. Doch Schlingensief hatte eine verspielte Leichtigkeit, die anderen Bilderschleudern und Mythenprotzen abgeht. Der \u201eAnimatograph\u201c sollte eine Bayreuth-Beschw\u00f6rung sein, ein Voodoo-Apparat. Er weist den Weg nach Afrika. Dort legte er im Februar 2010 den Grundstein f\u00fcr das Operndorf von Ouagadougou, ein soziales Zentrum mit Schule und Krankenstation. Auch diesem Projekt begegnet man hier. Es ist das ferne, wachsende Gegenst\u00fcck zur Berliner Ausstellung. Sie gilt, das wird hier klar, einem der gr\u00f6\u00dften K\u00fcnstler, die dieses Land hatte.<\/p>\n<p>Wer sonst h\u00e4tte Trash und Richard Wagner in sich vereint \u2013 und gezeigt, dass Bayreuth auch sehr flach ist und das Trashige unseren Alltag \u00fcberw\u00f6lbt und sehr bedeutend sein kann? 2004 inszenierte er auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel den \u201eParsifal\u201c, mit gro\u00dfem Ernst. Mit einer Todesahnung vielleicht, wer wei\u00df. Er hat dar\u00fcber viele komische und traurige Geschichten geschrieben in seinem letzten Buch. Und er hat heimlich, weil die Festspielleitung es verboten hatte, einen Film gedreht von den Bayreuther Proben, mit der Kamera im Schuh, wie es hei\u00dft. Dieses Filmdokument, dieses gewaltige Wackeln ist jetzt in der Ausstellung zu sehen, Schlingensiefs geheimes Bayreuth. Sonst wurde ja kein Mitschnitt ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Und obwohl es endlose Aufnahmen gibt von den Theatersachen, den Fernsehauftritten, der Berliner U-Bahn-Show, auch wenn die Kunst-Werke ihm ein eigenes Kino eingerichtet haben, f\u00fcr seine Filme, auch wenn auf Podien \u00fcber ihn geredet wird und, etwas versp\u00e4tet, Mitte Dezember ein sch\u00f6ner dicker, reich illustrierter Katalog erscheinen wird \u2013 er fehlt. Das ist zwar schon oft gesagt worden in den vergangenen drei Jahren, aber es wird dadurch nicht falsch. Christoph Schlingensief fehlt.<\/p>\n<p>Vielleicht wird man ihn in zwanzig Jahren anders sehen. So wie es Joseph Beuys ergangen ist, auf den sich Schlingensief gern bezog. Heute betrachtet man die Arbeit des Schamanen mit dem Hut, seine Wolfsrudel und Gl\u00fchbirnen n\u00fcchterner. Beuys scheint aus der Zeit gefallen zu sein, w\u00e4hrend Rainer Werner Fassbinder und sein Filmschaffen seltsamerweise nie gealtert sind. Oder als klassisch gelten. Im Fr\u00fchjahr 2014 geht die Schlingensief-Ausstellung in verkleinerter Form nach New York ins MoMA PS. Was werden die Amerikaner sagen? Patti Smith hat Schlingensief bewundert.<\/p>\n<p>In der Halle um den \u201eAnimatographen\u201c stehen die B\u00e4ume des \u201ePfahlsitzwettberwerbs\u201c (Venedig 2003). Ein kahler Wald, B\u00fchnenbild eines abgespielten St\u00fccks. Aber die Aura dieser wahnwitzigen Aktion ist immer noch nicht ganz verweht. Wagner wabert durch den Raum, Techniker legen letzte Hand an die Projektoren. Blumen werden gebracht. Alles scheint darauf zu warten, dass der Regisseur erscheint und mit dem Megafon seine Heiligen auf die S\u00e4ulen kommandiert.<\/p>\n<p>KW Institute for Contemporary Art, Auguststra\u00dfe 69, 10117 Berlin, bis 19. 1. 2014. Info: www.kw-berlin.de<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/schlingensief-ausstellung-christoph-schlingensief-in-den-berliner-kunst-werken\/9150326.html\" target=\"_blank\">Der Tagesspiegel vom 29.11.2013<\/a>. Von R\u00fcdiger Schaper<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief hat Menschen und Medien bewegt. Er war ein heiliger Narr. 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