{"id":773,"date":"2013-11-30T02:40:06","date_gmt":"2013-11-30T00:40:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=773"},"modified":"2013-11-30T02:40:06","modified_gmt":"2013-11-30T00:40:06","slug":"eine-hohere-art-von-humor-spiegel-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=773","title":{"rendered":"EINE H\u00d6HERE ART VON HUMOR (SPIEGEL ONLINE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer war Christoph Schlingensief? Ein entschiedener Zeremonienmeister des Irgendwie, ein furioser Widerspruch, ein obsz\u00f6ner Scharlatan, ein Schamane der Wahrheit &#8211; und vielleicht der letzte deutsche K\u00fcnstler. Eine Retrospektive in Berlin widmet sich nun dem K\u00fcnstler und seinem Werk.<\/strong><\/p>\n<p><em>Eine Kolumne von Georg Diez<\/em><\/p>\n<p>Christoph Schlingensief war ein deutscher K\u00fcnstler, mit allem, was dazugeh\u00f6rt: Wurst und Wagner und Weihrauch und Wahnsinn, ein wenig Hitler, ein wenig Hass, ein wenig Liebe und sehr viel Leiden, an diesem Land, das eine Krankheit war, an der er starb.<\/p>\n<p>Er war der Zeremonienmeister des Irgendwie, das aber mit einer gro\u00dfen Entschiedenheit, und als er heiliggesprochen wurde nach seinem Tod 2010, war das peinlich und unn\u00f6tig, weil die Verehrung, wie bei fast allen Heiligsprechungen, von den falschen Leuten kam, den Verwaltern eines deutschen Mittelma\u00dfes, das Schlingensief immer bek\u00e4mpft hat.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/image_573864_galleryV9_kxvj.jpg\" width=\"450\" height=\"290\" alt=\"Aufnahme aus Schlingensiefs mehrteiliger TV-Show &quot;Freak Stars 3000&quot;, die 2003 auf VIVA ausgestrahlt wurde\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Er hatte dabei diesen Hang zum Gesamtkunstwerk, der eine landestypische Eigenschaft zu sein scheint, denn ein K\u00fcnstler ist in Deutschland nicht einfach jemand, der malt oder Filme macht oder Videos dreht und vegan lebt oder Steaks liebt und s\u00e4uft und kokst oder die Kinder in die Schule bringt in der Fr\u00fch &#8211; ein K\u00fcnstler ist in Deutschland jemand, der die ganze Last der Geschichte schultert und dazu grimmig schaut.<\/p>\n<p>Schlingensief aber hat oft gelacht. Das Lachen war bei ihm eine einzige, flie\u00dfende Bewegung, die Einatmen und Ausatmen zugleich war. Es war eine h\u00f6here Art von Humor.<\/p>\n<p>Er lachte in New York, als er mit Schl\u00e4fenlocken und einem schwarz-rot-goldenen Hooligan-Schal auf einem Schiff vor der Freiheitsstatue stand und einen Koffer ins Wasser warf, in dem ganz Deutschland war, und der Koffer trieb dann auf dem Hudson oder East River, statt unterzugehen, so wie eben diese verdammte deutsche Vergangenheit nie und nie verschwindet.<\/p>\n<p><strong>Ein einziger, furioser Widerspruch<\/strong><\/p>\n<p>Er lachte, als er mit der U-Bahn durch den Berliner Untergrund ratterte f\u00fcr seine MTV-Show &#8222;U3000&#8220;, er lachte, als er in Bayreuth f\u00fcr seinen &#8222;Parsifal&#8220; einen Hasen langsam per Video verrotten lie\u00df, er lachte, als er mit sechs Millionen Arbeitslosen in den Wolfgangsee sprang, er lachte, als er seine Partei &#8222;Chance 2000&#8220; gr\u00fcndete, er lachte, als er in Z\u00fcrich &#8222;Hamlet&#8220; mit Neonazis machte, er lachte und war dabei bitterernst.<\/p>\n<p>Schlingensief war ein einziger, furioser Widerspruch, das wird jetzt wieder deutlich bei der gro\u00dfen Schlingensief-Retrospektive in den Berliner Kunst-Werken &#8211; und ein Schl\u00fcsselereignis, ein deutsches Urmoment wird in dieser Ausstellung in den Mittelpunkt gestellt, das den ganzen Schlingensief, aber auch den ganzen deutschen Irrsinn zeigt.<\/p>\n<p>Im Jahr 2002 w\u00e4hrend des Bundestagswahlkampfs tauchte Schlingensief im Vorgarten des FDP-Politikers J\u00fcrgen M\u00f6llemann auf und rief: &#8222;T\u00f6tet M\u00f6llemann&#8220;, er sch\u00fcttete Waschpulver auf ein Klavier und verstreute Papierschnipsel und wurde dann von Polizisten in die Mangel genommen &#8211; und wie M\u00f6llemann das alles bei seiner darauf folgenden Pressekonferenz mit ernstem FDP-Ton referierte und in seinen FDP-Kosmos \u00fcbersetzte, lie\u00df die Grenze zwischen Vernunft und Wahrheit tats\u00e4chlich tanzen.<\/p>\n<p><strong>Teilhabe und Sichtbarkeit f\u00fcr alle<\/strong><\/p>\n<p>Wer war hier der Scharlatan, wer war hier der Schamane? Wer machte Politik und wer Theater? Was war Kunst und was war Leben? Schlingensief reagierte mit einer Obsz\u00f6nit\u00e4t auf das, was er als Obsz\u00f6nit\u00e4t sah, das war sein Prinzip: Er sperrte Fl\u00fcchtlinge in Wien in einen Container, eine Art Lampedusa-Big-Brother, und die \u00d6sterreicher konnten entscheiden, welche Asylbewerber abgeschoben werden und welche nicht &#8211; das war im Jahr 2000, und die H\u00e4rte und Wahrheit, die diese Aktion hatte, ist l\u00e4ngst dem Schrecken und Wahnsinn gewichen, den die reale Abschottungspolitik Europas bedeutet.<\/p>\n<p>Schlingensief, und das zeigt diese Ausstellung eindrucksvoll, war als politischer K\u00fcnstler seiner Zeit voraus: Er schuf in seinen Filmen Bilder, die einen politischen Trash dem gegen\u00fcberstellten, was er als Trash-Politik sah. Er dachte Repr\u00e4sentation neu und grunds\u00e4tzlich, er forderte Teilhabe und Sichtbarkeit f\u00fcr alle. Er misstraute den Mechanismen der Macht, der Konstruktion von Erinnerung, der Schim\u00e4re der Identit\u00e4t. Vor allem in seinen theatralen Performances gelangen ihm Momente, bei denen die Demokratie ihr anderes, weniger medial formatiertes freundliches Gesicht zeigte.<\/p>\n<p>Wer also war Christoph Schlingensief? Man kann ihm in dieser Ausstellung zuschauen, wie er ringt, mit sich selbst, mit dem Ministranten, der er war, mit dem Missionar, der er wurde; vor allem aber ringt er mit Deutschland.<\/p>\n<p>Am Ende gab es zwei Opfer. Christoph Schlingensief war vielleicht der letzte deutsche K\u00fcnstler.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/georg-diez-ueber-christoph-schlingensief-a-936418.html\" target=\"_blank\">SPIEGEL ONLINE vom 29.11.2013<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer war Christoph Schlingensief? 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