{"id":77,"date":"2006-01-20T17:39:47","date_gmt":"2006-01-20T15:39:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=77"},"modified":"2006-01-20T17:39:47","modified_gmt":"2006-01-20T15:39:47","slug":"auf-der-rotierenden-mythenmullhalde-die-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=77","title":{"rendered":"Auf der rotierenden Mythenm\u00fcllhalde (Die Welt)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Witz und Wahn sind eins: Christoph Schlingensief setzt im Wiener Burgtheater &#8222;Area 7 &#8211; Matth\u00e4usexpedition&#8220; in Szene<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Ulrich Weinzierl<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"15\" border=\"0\"\/><br \/>\nEr ist eine Mischung aus Proteus und Peter Pan: stets im Wandel und dennoch der unverw\u00fcstliche deutsche Junge. Christoph Schlingensief, mittlerweile auch schon 45, ist seit kurzem bei moderner Kunst angelangt, wo sich das Beiwort &#8222;chaotisch&#8220; oft zu er\u00fcbrigen scheint. Und seit Bayreuth ist sein rasanter Aufstieg zum Parna\u00df \u00fcberhaupt nicht mehr zu bremsen. Alle lieben den Liebenswerten. Der Kunstbetrieb, nicht zuletzt Francesca Habsburg-Thyssen-Bornemisza und ihre Stiftung, dr\u00fcckt ihn fest an seinen\/ihren Busen &#8211; bald d\u00fcrften die Marktpreise explodieren. Auch Klaus Bachlers Wiener Burgtheater glaubt l\u00e4ngst, auf den Spektakelartisten nicht verzichten zu k\u00f6nnen &#8211; immerhin \u00fcbermalte er in diesen heiligen Hallen Jelineks &#8222;Bambiland&#8220;, was ihm die Autorin aber keineswegs \u00fcbelgenommen hat. <\/p>\n<p>Trotzdem handelt es sich um ein grunds\u00e4tzliches Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Schlingensiefs j\u00fcngstes Mammut-Projekt, &#8222;Area 7 &#8211; Matth\u00e4usexpedition&#8220;, hat mit Theater etwa so viel zu tun wie Hermann Nitsch mit Tschechows psychologischen Konversationskammerspielen. Aber Meister Nitsch war ja auch bereits Hausgast, um dort seine siebenst\u00fcndigen Bluterl\u00f6sungsmysterien zu zelebrieren. <\/p>\n<p>Damit kein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis entsteht: Christoph Schlingensief ist als Gesamtkunstwerker erheblich intelligenter und origineller als Nitsch, der bei ihm in der kugelrunden, rauscheb\u00e4rtigen Gestalt des Burgschauspielers Hermann Scheidleder auftreten darf, und &#8211; dies vor allem -: Er hat unversch\u00e4mten, abgr\u00fcndigen Humor. Keine gr\u00f6\u00dfere Freude f\u00fcr ihn, als das Publikum listig an der Nase herumzuf\u00fchren; ob als Partei- oder als Religionsgr\u00fcnder mit den zwei Geboten: Bekenne dich zu deiner Angst und n\u00fctze die Chance, die du nicht hast. Heute macht er avantgardistische Kunst von gestern und sich zugleich dar\u00fcber lustig.<\/p>\n<p>Im Grunde ist &#8222;Area 7&#8220; eine gigantische Installation. Parkett und Parterre wurden von der Bestuhlung befreit, daf\u00fcr herrscht das Prinzip der entfesselten Drehb\u00fchne. Alles rotiert, von der Brandmauer bis zur Festloge: ein Schrottmuseum von Hangar-Format. Schlingensiefs aktuellste Lieblingserfindung ist der sogenannte &#8222;Animatograph&#8220;, eine modifizierte Leihgabe aus dem 19. Jahrhundert. Dieses Ramsch-Karussell, auf das Filme projiziert werden, dient als buchst\u00e4bliche Bilderzentrifuge. <\/p>\n<p>Naturgem\u00e4\u00df ist das Ganze \u00fcber und \u00fcber mit Bedeutung befrachtet &#8211; sprich: mit Anspielungen, Zitaten und nachvollziehbarer bis hermetischer Privatmythologie. Der Hauptteil der Installation besteht indes aus einem gewaltigen Labyrinth, durch das die Besucher in Kleingruppen von akustisch kaum verst\u00e4ndlichen F\u00fchrern geschleust werden. Der Kunstfreund Adolf Hitler und Joseph Beuys sind hier ebenso vertreten wie Elfriede Jelinek, die auf Videomonitoren Ausz\u00fcge aus ihrem eigens f\u00fcr Schlingensief verfa\u00dften &#8222;Parsifal&#8220;-Text liest. <\/p>\n<p>Sperrholz, Fetzen, Plastikplanen, Dreck und Kitsch, ausrangierte Garderobeschr\u00e4nke und Wagner-Kl\u00e4nge, die den urspr\u00fcnglich angek\u00fcndigten Johann Sebastian Bach fast v\u00f6llig verdr\u00e4ngt haben, ergeben eine wundersam arrangierte Mythenm\u00fcllhalde, der Saal wird zum Container. Im Hintergrund ragen Schlingensiefs &#8222;African Twin Towers&#8220; aus tibetanischen Gebetsfahnen empor und als H\u00f6hepunkt: ein Holzschiff, das Kapit\u00e4n Schlingensief wie Fitzcarraldo \u00fcber Berge und Kontinente schleppen l\u00e4\u00dft und flugs zum &#8222;Fliegenden Holl\u00e4nder&#8220; ernennt. <\/p>\n<p>Manches wirkt in der Tat sehr witzig, etwa das Kriegerdenkmal f\u00fcr Beuys: Im Rachen von dessen vermeintlicher \u00fcberdimensionalen Totenmaske verwest ein Video-Hase, mit solch symboltr\u00e4chtigem Tier &#8211; an anderer Stelle unterst\u00fctzt von toten Fischen &#8211; parodiert Schlingensief christliche Ikonographie und beutet sie aus. Er ist eben ein genialer Pl\u00fcnderer, unter dessen r\u00e4uberischen H\u00e4nden sich Edles und Erhabenes garantiert in Plunder verwandelt, freilich in einen mit noblem Anspruch. <\/p>\n<p>Wie nicht anders zu erwarten, denkt und agiert die Firma Schlingensief &#038; Co. global. Die erste Station war im vergangenen Mai das &#8222;Reykjavik Art Festival&#8220;, es folgten der weiland DDR-Milit\u00e4rflughafen Neuhardenberg bei Berlin, im Herbst Filmdreharbeiten in Namibia, genauer: in L\u00fcderitz, dessen Slumviertel &#8222;Area 7&#8220; dem Unternehmen den jetzigen Namen gab. \u00dcberall wurden und werden lokale Anregungen wie mit einem Staubsauger inhaliert und dann am n\u00e4chsten Produktionsort wieder ausgespieen: die ewige Wiederkehr des Gleichen als wucherndes &#8222;work in progress&#8220;. Auf solche Weise haben die Wiener den Fliegenden Holl\u00e4nder in der W\u00fcste von ehemals Deutsch-S\u00fcdwest bekommen und statt des Grals einen Kral. Das Burgtheater wird auch diesen tapferen Versuch der Selbstabschaffung \u00fcberleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Witz und Wahn sind eins: Christoph Schlingensief setzt im Wiener Burgtheater &#8222;Area 7 &#8211; Matth\u00e4usexpedition&#8220; in Szene<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=77"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/77\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=77"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=77"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=77"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}