{"id":767,"date":"2013-11-04T17:11:23","date_gmt":"2013-11-04T15:11:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=766"},"modified":"2013-11-04T17:11:23","modified_gmt":"2013-11-04T15:11:23","slug":"zum-teil-ist-das-volk-ein-trottel-wiener-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=767","title":{"rendered":"&#8222;ZUM TEIL IST DAS VOLK EIN TROTTEL&#8220; (WIENER ZEITUNG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Aktionist anl\u00e4sslich seines 75. Geburtstages \u00fcber seine Exil-Zeit in Berlin, verstorbene Weggef\u00e4hrten, Nationalismus und Schlingensief.<\/strong><\/p>\n<p>Wien im Jahr 1968: Der sozialistische Studentenbund S\u00d6S l\u00e4dt zur Veranstaltung &#8222;Kunst und Revolution&#8220; in den H\u00f6rsaal 1 der Uni Wien. Man will abrechnen mit der Bigotterie in \u00d6sterreich und dem autorit\u00e4ren Mief der Nachkriegsjahre. Pamphlete werden gelesen, Brandreden gehalten. Der junge Aktionist G\u00fcnter Brus springt auf den Tisch, ritzt sich mit einer Rasierklinge die Brust, stuhlt, uriniert und bricht auf die \u00f6sterreichische Nationalflagge. Dabei singt er die Bundeshymne. Zwei Tage sp\u00e4ter tobt die \u00d6ffentlichkeit: &#8222;Ins Gef\u00e4ngnis mit den obsz\u00f6nen Rowdies!&#8220; Der von der &#8222;Kronen Zeitung&#8220; gepr\u00e4gte Begriff &#8222;Uni-Ferkelei&#8220; geht in die \u00f6sterreichische Geschichte ein. Brus wird wegen Herabw\u00fcrdigung der Staatssymbole zu sechs Monaten versch\u00e4rften Arrests verurteilt. Er entzieht sich, fl\u00fcchtet f\u00fcr 10 Jahre nach Westberlin, entwickelt sich zum Bilddichter und Literaten. Heute ist G\u00fcnter Brus 75, Staatspreistr\u00e4ger und hat sich &#8222;ausgezeichnet&#8220;, wie er selbst sagt. Seit 2008 hat er sein eigenes Museum: Das &#8222;Bruseum&#8220; in der steirischen Landeshauptstadt Graz.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wiener Zeitung&#8220;: Herr Brus, Ihr Leben zeigt Extreme auf. Einst verurteilter Exilant, heute gefeierter Staats- und Landespreistr\u00e4ger mit eigenem Museum. Eine Ironie der Geschichte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>G\u00fcnter Brus:<\/strong> Nein. Das entspricht der Gew\u00f6hnlichkeit m\u00f6chte ich fast sagen. Weil das immer so war in der \u00f6sterreichischen Kunst. Denken sie etwa an Kokoschka, der ja auch wie viele andere ins Ausland fl\u00fcchten musste als sogenannter &#8222;entarteter K\u00fcnstler&#8220;. Er hat dann in einem Brief einmal vermerkt, dass er dieses Land nie wieder betreten wird. Gekommen ist es ja dann ganz anders: Innerhalb k\u00fcrzester Zeit hat er den Bundespr\u00e4sidenten gemalt, dann die Wiener Staatsoper und dann gr\u00fcndete er in Salzburg die Sommerakademie f\u00fcr Bildende Kunst.<\/p>\n<p><strong>Wie sehr m\u00fcssen K\u00fcnstler aufpassen, dass sie dabei nicht ihr Gesicht verlieren?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz einfach: Nur das N\u00f6tigste, was einem angeboten wird, annehmen und alles \u00dcberfl\u00fcssige ablehnen. Wenn man in Gefahr kommt bekannt zu werden, dann sollte man die Society-Sendungen meiden und bei der Pressearbeit kontrolliert vorgehen. Nicht immer &#8222;ja&#8220; sagen, gewisse Sachen ablehnen, das reicht schon. Ich halte allerdings auch nichts von Preis-Ver\u00e4chtern, die Preise zwar annehmen, dann aber eine Brandrede gegen den Staat halten, siehe Thomas Bernhard. F\u00fcr mich ist das keine L\u00f6sung. Die bessere L\u00f6sung ist &#8211; und das habe ich mehrmals gemacht &#8211; den Geldbetrag, den man bekommt, etwa einem noch nicht so gut situierten K\u00fcnstler weiterzureichen. Um den gro\u00dfen \u00f6sterreichischen Staatspreis habe ich damals allerdings ein Auto gekauft. Das war leider notwendig, weil wir in einem Dorf wohnten und die Eink\u00e4ufe mit dem Taxi zu bewerkstelligen, das war schon sehr m\u00fchsam auf die Dauer.<\/p>\n<p><strong>Das Bruseum in Graz besteht jetzt seit f\u00fcnf Jahren. Wie zufrieden sind Sie mit Auslastung und Standort?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin mit der Betreuung des Bruseums durch Kurator Roman Grabner au\u00dferordentlich zufrieden und der Standort in der Stadtmitte hat sich bestens bew\u00e4hrt. Die Besucherzahlen sind sehr zufriedenstellend.<\/p>\n<p><strong>Welche Ausstellungen sind in naher Zukunft geplant?<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit l\u00e4uft eine Werkzusammenschau mit Franz Graf. In naher Zukunft sind keine Ausstellungen geplant. Man wird sehen.<\/p>\n<p><strong>Ihr Weg f\u00fchrte von der informellen Malerei, \u00fcber die Aktionsmalerei und Selbstbemalung, bis hin zu K\u00f6rperanalysen und Schnitten mit der Rasierklinge ins eigene Fleisch. Aus kunsttheoretischer Sicht war das logisch und konsequent weitergedacht. Die breite \u00d6ffentlichkeit hat das aber nie verstanden, immer nur die Provokation gesehen.<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wurden die Aktionen konsequent abgelehnt. Und zwar nicht nur von der breiten \u00d6ffentlichkeit, sondern auch von der damaligen sogenannten Avantgarde. Die haben sich nur dar\u00fcber lustig gemacht. Arnulf Rainer etwa, die Gruppe um die Galerie St. Stephan, Hollegha, Prachensky und so weiter. Nicht, dass die extrem dagegen aufgetreten sind, aber irgendwo hat man gemerkt, dass sie damit \u00fcberfordert waren.<\/p>\n<p><strong>Selbstverletzung ist zumeist eine Art Hilfeschrei, \u00e4hnlich einer Suiziddrohung. Sahen Sie sich damals auch als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr psychisch leidende Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Bis zu einem gewissen Grad ja, aber es gibt immer zwei Ebenen: Zum einen die psychologische, zum anderen die kunsttheoretische. Wenn ich mich auf letztere beziehe, dann liegt die Selbstverletzung auch stark in der Wiener Tradition. Eben bei den drei Hauptk\u00fcnstlern um die Jahrhundertwende: Sch\u00f6nberg, wo man sagte, er male wie mit dem Skalpell, Schiele mit den Verrenkungen des K\u00f6rpers einschlie\u00dflich der sexuellen Komponente und der viel zu wenig bekannte Richard Gerstl mit seiner Fingermalerei.<\/p>\n<p><strong>Was wiegt schwerer: Seelische oder k\u00f6rperliche Schmerzen?<\/strong><\/p>\n<p>Seelische.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Insofern, weil ich die k\u00f6rperlichen Schmerzen w\u00e4hrend meiner Aktionen kaum gesp\u00fcrt habe. Der K\u00f6rper entwickelt  gewisserma\u00dfen Abwehrkr\u00e4fte. Wenn man sich bewusst auf die Stelle konzentriert, wo man den Schnitt setzen will, dann sp\u00fcrt man das kaum. Eine Technik, die sie bei Shaolin-M\u00f6nchen oder Schamanen sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Ist das also erlernbar?<\/strong><\/p>\n<p>Erlernbar schon. Aber zum Gl\u00fcck auch abgew\u00f6hnbar. (lacht) Die Aktion Zerrei\u00dfprobe etwa w\u00fcrde ich heute um kein Geld der Welt noch einmal machen.<\/p>\n<p><strong>Mit der &#8222;Zerrei\u00dfprobe&#8220; von 1970, bei der Sie sich etwa F\u00e4den durch die Haut zogen und Schnitte im Kopfbereich setzten, endete Ihre aktionistische Phase. Danach konnten Sie nicht mehr weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab von meiner Seite aus durchaus \u00dcberlegungen, noch weiter zu gehen. Ich hatte damals einige Skizzen angefertigt und meiner Frau gezeigt. Bei einer war die Idee mir einen Silbernagel durch den Rist schlagen zu lassen. Sie hat dann gesagt: &#8222;Wenn du so etwas machst, dann sind wir getrennte Leute.&#8220; Ich wollte auch nicht, dass meine Tochter mit einem Vater aufw\u00e4chst, der als Selbstverst\u00fcmmeler bekannt ist. Also habe ich dann mit den Aktionen aufgeh\u00f6rt. Konsequent zu Ende gedacht h\u00e4tte dieser Weg wohl fr\u00fcher oder sp\u00e4ter im Suizid geendet.<\/p>\n<p><strong>Die Aktion &#8222;Kunst und Revolution&#8220; &#8211; aufgrund derer Sie verurteilt wurden und ins Exil nach Westberlin fl\u00fcchteten &#8211; wird heute als einziger \u00f6sterreichischer Beitrag zur 68er-Revolte gesehen. Wie kam es zu der Aktion und waren sie sich damals der Tragweite bewusst?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss vorausschicken, dass das die einzige gezielt politische Aktion war, wo die Kunst quasi in eine Nebenkammer versperrt wurde. Es ging uns hier tats\u00e4chlich nur um anarchistische Provokation. Die damaligen linken Studenten des S\u00d6S sind an uns &#8211; speziell an die Wiener Gruppe um Peter Weibel und Oswald Wiener &#8211; herangetreten, weil sie die Studentenschaft aufw\u00fchlen wollten. Dabei war meine Teilnahme an der Aktion zun\u00e4chst gar nicht geplant. Ich war erst im letzten Moment f\u00fcr sie annehmbar. Ich glaube die hatten schon geahnt, was sie dann erwarten w\u00fcrde. In einer ad-hoc-Abstimmung wurde dann beschlossen den Brus auch mit einzubeziehen. Ich wusste zwar, dass das Folgen haben wird, aber so schlimm hatte ich es nicht erwartet. Nach zwei Tagen ging es dann aber richtig los: Aufgestachelt durch die hetzerische Boulevardpresse wurde ich zum Staatsfeind Nummer eins. Man hatte das Gef\u00fchl, die h\u00e4tten am liebsten das Milit\u00e4r organisiert, um gegen uns anzutreten. So aufgeheizt war die Stimmung.<\/p>\n<p><strong>Im Unterschied zu anderen 68ern berief sich der Wiener Aktionismus stets mehr auf Freud als auf Marx. Wie politisch war denn der Wiener Aktionismus?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sahen uns nat\u00fcrlich sehr stark in der Tradition der Wiener psychoanalytischen Schule. Politisch beeinflusst haben uns vor allem die russischen Anarchisten wie Pjotr Kropotkin. Auch die Schriften Marquis de Sades spielten eine Rolle. Auf keinen Fall gingen wir mit den damaligen linken Studenten konform, die hysterische Behauptungen aufstellten. Ich hielt nichts von den Jubelch\u00f6ren auf Mao und Ho-Chi-Minh. F\u00fcr mich waren das alles Schwerverbrecher, ich war da distanziert.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Herabw\u00fcrdigung des Staates und seiner Symbole&#8220; &#8211; Den Strafbestand gibt es auch heute noch. Finden Sie es legitim, die Symbole eines Staates zu &#8222;entw\u00fcrdigen&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p>Im Grunde genommen muss das legitim sein. Niemand sollte die Staatssymbole so sehr verinnerlicht haben, dass man sie sofort mit dem Staat oder Volk an sich assoziiert. Ich sah darin eine Form des \u00fcbertriebenen Patriotismus.<\/p>\n<p><strong>Auch ein Erbe der NS-Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, auch das spielte eine Rolle.<\/p>\n<p><strong>Der beauftragte Gerichtspsychiater Heinrich Gro\u00df attestierte Ihnen damals Psychopathie. Gro\u00df selbst wurde f\u00fcr seine Euthanasie-Verbrechen in der NS-Zeit bis zu seinem Tod 2005 nie strafrechtlich belangt. Wie verbittert sind Sie dar\u00fcber?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe von Gro\u00df\u2018 Untaten w\u00e4hrend der NS-Zeit erst sp\u00e4ter erfahren. Es wundert mich nicht, dass ausgerechnet er damals auf mich angesetzt wurde. Es gab dann noch einen zweiten Gerichtspsychiater der &#8211; wie ich sp\u00e4ter erfuhr &#8211; in Wiener Bars als Gl\u00e4serzertr\u00fcmmerer bekannt war. Also ganz &#8222;lupenrein&#8220; war auch der nicht.<\/p>\n<p><strong>Sie sa\u00dfen wegen einer Provokation in Untersuchungshaft, w\u00e4hrend NS-Verbrecher frei herumliefen und \u00fcber sie urteilten.<\/strong><\/p>\n<p>So war das damals, ja.<\/p>\n<p><strong>Wie wichtig war die Uni-Aktion letztlich f\u00fcr ihren weiteren Erfolg?<\/strong><\/p>\n<p>Das Wichtigste war, dass ich dadurch vertrieben und zur Flucht nach Berlin geradezu gezwungen wurde.<\/p>\n<p><strong>Sie mussten damals quasi \u00fcber Nacht das Land verlassen.<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Ich durfte die Stadtgrenzen von Wien nicht verlassen, ohne mich vorher bei der Polizei zu melden. Also mussten meine Frau und ich uns um vier Uhr fr\u00fch aus der Wohnung davonschleichen. Die Nachbarn hatten in Eigeninitiative um die 2000 Unterschriften gesammelt, um uns unsere kleine Tochter von der staatlichen F\u00fcrsorge wegnehmen zu lassen. Das gab uns dann den letzten Schub nach Deutschland zu gehen. Ich hatte in Berlin ein, zwei Kontakte, wo wir im Wohnzimmer schlafen konnten. Geld hatten wir ja keines.<\/p>\n<p><strong>Gab es auch \u00dcberlegungen, die Strafe in \u00d6sterreich abzusitzen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Das h\u00e4tte ich niemals gemacht. So auff\u00e4llig schlimm im Sinne von provokant diese Aktion auch war, ich f\u00fchlte mich auf keinen Fall schuldig. Man hatte mir ja die damalige H\u00f6chststrafe von sechs Monaten &#8222;versch\u00e4rften Arrests&#8220; aufgebrummt. Noch kurz bevor diese Strafform abgeschafft wurde. Der Staatsanwalt meinte noch, dass sich der Gesetzgeber geirrt habe, er h\u00e4tte in meinem Fall acht Jahre vorgeschlagen.<\/p>\n<p><strong>Kurz nach Ihrer Flucht schrieben sie in eines Ihrer Notizheftchen: &#8222;Berlin &#8211; Nichts geht mehr. Ausgeleert. Gestaltungskrise.&#8220; Wie schwierig war diese erste Zeit f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Das bezog sich wohl auf meine Arbeit. Ich wurde ja damals nicht unbedingt mit Jubelch\u00f6ren in Berlin empfangen. Auch nicht von der K\u00fcnstlerschaft. Bis auf einige Fluxus-Kreise kannte man mich ja kaum. Und die Fluxus-Leute waren wiederum in Berlin nicht wirklich hoch angesehen.<\/p>\n<p><strong>Ein Teil ihrer literarischen Memoiren hat den Titel &#8222;Das gute alte Westberlin&#8220;. Was war gut daran?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann sagen, vom ersten Tag an hatte ich, trotz aller Widrigkeiten, ein wohltuendes Gef\u00fchl. Vor allem meine Frau hatte in Berlin sofort Anschluss gefunden. Sie ist ja gelernte Schneiderin und konnte dort mit anderen Frauen Mode herstellen. Das war auch finanziell sehr positiv f\u00fcr uns. In Wien w\u00e4re das damals undenkbar gewesen. Aber in Berlin gab es so etwas wie einen Gewerbeschein nicht. Es war alles sehr frei und unkompliziert. Jeder konnte irgendetwas machen, das hat dort niemanden gek\u00fcmmert.  In den entsprechenden Kneipen, auch im &#8222;Exil&#8220; von Oswald Wiener, hat man immer wieder interessante Leute getroffen, die uns dann von Tag zu Tag weitergebracht haben. In Berlin gab\u2018s damals freie Luft im Vergleich zum stickigen Wien. Das war f\u00fcr uns eine Wendung um 180 Grad. Ich muss dieser Stadt ein Kompliment machen.<\/p>\n<p><strong>In Kneipen, Caf\u00e9s und Gastst\u00e4tten f\u00fchlten sie sich immer sehr wohl, auch viele Arbeiten entstanden dort. Brauchen sie diese Kaffeehaus-Atmosph\u00e4re?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin ja schon damit aufgewachsen, kenne das aus meiner Kindheit in der l\u00e4ndlichen Steiermark. Mein Vater hatte damals ein Gasthaus. L\u00e4rm und Gespr\u00e4che im Lokal h\u00f6re ich dann meistens gar nicht mehr. Bin dann ganz konzentriert und f\u00fcr mich ist das wie Hintergrundmusik. Ich brauch\u2018 auch nicht zum K\u00fchlschrank gehen, sondern werd\u2018 bedient. (lacht und nippt an seinem Bier)<\/p>\n<p><strong>Sie gr\u00fcndeten damals die Exilzeitung &#8222;Die Schastrommel&#8220;. Wie entstand der Titel und was wollten Sie mit der Zeitung bezwecken?<\/strong><\/p>\n<p>Der Titel stammt von Gerhard R\u00fchm. Auf Wienerisch wirkt &#8222;Die Schastrommel&#8220; provozierend. Ist ja auch ein Schimpfwort f\u00fcr &#8222;\u00e4ltere Dame&#8220;. F\u00fcr Deutsche war das hingegen einfach ein Kunstwort. Manche haben irrt\u00fcmlich &#8222;Die Sachtrommel&#8220; dazu gesagt. (lacht) Das war nat\u00fcrlich ein absolutes Untergrundblatt: Anarchistisch und kunstvoll, aber nicht tagespolitisch.<\/p>\n<p><strong>Sie hatten damals in Berlin eine unfreiwillige Begegnung mit Gudrun Ennsslin. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Durch Zufall. Ich war in einer Villa in Zehlendorf, sa\u00df dort alleine im Garten und habe gerade etwas geschrieben. Was ich nicht wusste war, dass der mittlerweile verstorbene Hausbesitzer offenbar damals ein Unterst\u00fctzer der RAF gewesen war. Auf einmal kam eine gro\u00dfe, blonde Dame durchs Gartentor herein. Sie hat sich dann als Gudrun Ensslin  vorgestellt und zu mir gesetzt. Im Laufe des Gespr\u00e4chs stellte sich heraus, dass sie gerade vom Kaufhaus-Brand in Frankfurt kam und auf der Flucht war. Ich habe dann meine Bedenken ge\u00e4u\u00dfert, dass bei dem Anschlag auch Menschen ums Leben h\u00e4tten kommen k\u00f6nnen. Daraufhin hat sie nur euphorisch gemeint: &#8222;Das muss jetzt sein. Jetzt geht\u2018s in ganz Europa los.&#8220; Sie war zu dem Zeitpunkt schon ganz verblendet. Ich habe das nie verstanden.<\/p>\n<p><strong>Auch zur Kommune 1 hatten Sie Kontakt?<\/strong><\/p>\n<p>Ja das war damals mein erster Kontakt in Berlin. Schon am zweiten Tag habe ich sie in Kreuzberg besucht. Da waren der Rainer Langhans anwesend und die Uschi Obermaier, die sich da nackt durch den ganzen Raum pr\u00e4sentiert hat. (lacht) Langhans hat mir dann ganze Ordner mit Presseartikel gezeigt und war m\u00e4chtig stolz darauf. Ich hatte eine selbst zusammengeheftete Publikation mit, die ich ihm gezeigt habe. Aber er hat nur abgewunken und &#8222;Ja,ja..&#8220; gesagt. Wir waren ganz offensichtlich auf zwei verschiedenen Wegen unterwegs.<\/p>\n<p><strong>Auch zwischen Otto Muehl und Ihnen haben sich sp\u00e4ter die Wege getrennt. W\u00e4hrend Ihrer aktionistischen Phase arbeiteten Sie noch zusammen. Wegen Kindesmissbrauchs wurde der Kommunen-Gr\u00fcnder sp\u00e4ter verurteilt. Die Entschuldigung bei den Opfern kam sp\u00e4t. Der neue Dokumentarfilm &#8222;Meine keine Familie&#8220; eines ehemaligen Kommunen-Kindes zeigt Muehl als autorit\u00e4r und verletzend. Wie war Ihr Verh\u00e4ltnis zu Otto Muehl?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war schon immer ein Skeptiker bez\u00fcglich seiner Kommunen-Pl\u00e4ne. Ich wusste, dass das nicht gut gehen kann mit Otto Muehl, denn ich kannte seinen Charakter. Er war von einer gewissen Schizophrenie gezeichnet. Er hat sich immer sehr schnell f\u00fcr irgendetwas begeistert und konnte schon im n\u00e4chsten Moment alles wieder \u00fcber den Haufen werfen. Meine Frau und ich waren damals noch ein paar mal zu Besuch in der Kommune. Als wir dann aber bei einer Veranstaltung Zeugen einer Kindesbestrafung wurden &#8211; der angesprochene Film zeigt diese Szene &#8211; waren wir fassungslos. Meine Frau hielt dann eine Brandrede: &#8222;Ihr Schweine, das nennt ihr Erziehung..!&#8220; Wir waren entsetzt und haben dann jeden Kontakt zu Otto Muehl abgebrochen.<\/p>\n<p><strong>Ist es nicht l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, Fehler und Verbrechen, die damals im Namen der sexuellen Befreiung begangen wurden, aufzuarbeiten?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Teilweise ist das ja auch schon passiert, es gibt B\u00fccher und Filme.<\/p>\n<p><strong>In Deutschland wird immer wieder die P\u00e4dophilen-Vergangenheit bei den Gr\u00fcnen diskutiert.<\/strong><\/p>\n<p>So viel ich wei\u00df stammten ja die ersten Ideen einer Freigabe von P\u00e4dophilie aus Holland. Ich fand das immer abscheulich. Als Vater einer mittlerweile erwachsenen Tochter will ich mir das gar nicht ausdenken, h\u00e4tte so etwas ihr widerfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr viele 68er &#8211; wie auch f\u00fcr Otto Muehl &#8211; war die b\u00fcrgerliche Kleinfamilie die Keimzelle der Unfreiheit. Sie hingegen leben seit \u00fcber 50 Jahren mit Ihrer Frau Anni zusammen.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war das immer klar, ich hatte nie ein Problem mit dieser Form des Zusammenlebens. Bei Otto Muehl muss man bedenken, dass der ma\u00dfgebliche Grund f\u00fcr seinen Hass auf die Kleinfamilie in der Erfahrung mit seiner eigenen lag. Der Vater ist im Krieg gefallen, die Mutter kannte ich als labile, \u00e4ltere Dame, die immer mit einem Bein in der Psychiatrie stand. Otto Muehl konnte damit nie umgehen. Beispielsweise wurde ich einmal Zeuge, wie er seine Mutter heftig attackierte. Ich bin daraufhin erschrocken aus der Wohnung gest\u00fcrmt. Das war sehr pr\u00e4gend. Auch Muehls eigene Kriegserfahrung und seine erste Frau spielten eine Rolle. W\u00e4hrend er in U-Haft sa\u00df, ist die mit einem anderen Mann zusammengezogen. Das hat ihn sicherlich sehr gekr\u00e4nkt.<\/p>\n<p><strong>Wie wichtig war und ist Ihre Frau f\u00fcr ihre Arbeit?<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dferordentlich wichtig. Vor allem in meiner aktionistischen Zeit. Sie steht mir bis heute als Beraterin und Organisatorin zur Seite.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Liebe und Sexualit\u00e4t jemals getrennt?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Ich habe das nie getrennt &#8211; f\u00fcr mich war das immer als eine Einheit zu betrachten.<\/p>\n<p><strong>Pornografie gibt\u2018s \u00fcbers Internet heute in jedem Kinderzimmer. Trotzdem, so scheint mir, wird Nacktheit au\u00dferhalb der Pornografie heute wieder st\u00e4rker tabuisiert. Ist die Gesellschaft in Wahrheit nicht genauso verbohrt wie damals?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gibt eine merkw\u00fcrdige, zwiesp\u00e4ltige Einstellung der Gesellschaft zur Nacktheit. Wo liegen denn au\u00dferdem die Grenzen zwischen Pornografie und angenehmer Nacktheit? Pornografie ist f\u00fcr mich einfach die Illustration der Dummheit. Der Ablauf in einem Porno geschieht doch immer nur nach dem Schema &#8222;F&#8220; &#8211; die \u00c4sthetik, die man da bem\u00fcht, ist ja fast schon spie\u00dfb\u00fcrgerlich. Man sieht das doch auch daran, dass sich ernsthafte Schauspieler nie wirklich an dieses Feld gewagt haben. Es ist einfach zu dumm. Wenn bei einer Dame der Rock hochfliegt und ein Ges\u00e4\u00df sichtbar wird, schreien alle auf, w\u00e4hrend im stillen K\u00e4mmerchen die Pornos laufen. Die Gesellschaft ist da sehr schizophren.<\/p>\n<p><strong>In diesem Jahr starb nicht nur Otto Muehl, sondern auch Ihr Freund und Weggef\u00e4hrte Alfons Schilling.<\/strong><\/p>\n<p>Alfons Schilling war mein erster ernst zu nehmender Diskussionspartner und K\u00fcnstlerfreund. Unsere k\u00fcnstlerischen Wege trennten sich sp\u00e4ter. Sein Tod ging mir besonders nahe. Mit jedem Tod eines Weggef\u00e4hrten r\u00fcckt die Tatsache der eigenen Verg\u00e4nglichkeit einen Schritt n\u00e4her.<\/p>\n<p><strong>In Ihrer fr\u00fchen Schaffensphase wurden sie oft von Selbstzweifel geplagt. Wie wichtig ist es, sich selbst und sein Tun zu hinterfragen und wann wird es zur Qual?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Selbsthinterfragung wichtig. Allerdings wurde es bei mir doch einige Male auch zur Qual, wenn ich beispielsweise gro\u00dfe Werke selbst vernichtet habe. Heute frage ich mich da schon: &#8222;Um Gottes Willen, warum hast du das nur gemacht?&#8220; Beispielsweise habe ich einmal ein ganzes Jahr \u00fcber an einem literarischen Werk geschrieben und bei uns in der Wohnung war es kalt. Meine Frau und ich haben dann Blatt f\u00fcr Blatt in den Ofen geworfen und sind daneben gestanden. (lacht) Das war schon auch ein Akt der Selbstbeleidigung &#8211; eine Eigenschaft, die ich im Laufe der Zeit gelernt habe, abzubauen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben sich sp\u00e4ter auch immer wieder schriftlich zur Tagespolitik ge\u00e4u\u00dfert. Sahen sie das auch als ihre Pflicht an? Immerhin sind sie mit staats- und religionskritischen Aktionen bekannt geworden.<\/strong><\/p>\n<p>Ich tat das einerseits aus Pflicht und auch aus einer Laune heraus. Wollte schon immer einmal eine Kolumne in einer Zeitung schreiben, um meinen politischen Gedanken auch ein bisschen Luft zu machen. Ich sah das als Ventil. Auch viele andere K\u00fcnstler &#8211; mir kommt gerade Joseph Roth in den Sinn &#8211; haben das gemacht.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie sich mit Staat und Religion heute ein St\u00fcck weit vers\u00f6hnt oder sind Sie unver\u00e4ndert kritisch?<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Staat brauchte ich mich eigentlich nicht vers\u00f6hnen, denn er musste ja zu mir kommen. Und das hat er ja dann auch gemacht. Richtig angefeindet wurde ich &#8211; und vor allem auch Hermann Nitsch &#8211; dann nur noch von rechten Politikern wie J\u00f6rg Haider. Was die Religion betrifft, da g\u00e4be es keinen Anlass, dass ich militanter Atheist w\u00e4re. Ich lasse sie in Ruhe, aber ich kritisiere nat\u00fcrlich in meinen Schriften den Vatikan und weise h\u00e4ufig auf die blutige Vergangenheit des Christentums hin.<\/p>\n<p><strong>Kann Papst Franziskus in der katholischen Kirche etwas bewegen?<\/strong><\/p>\n<p>Schwer zu sagen. Was auf alle F\u00e4lle immer bleibt, ist die Verlogenheit der Diktatorenverehrung. Denn jeder Papst ist &#8211; das liegt in der Natur dieses Amtes &#8211; weit weg von Demokratie. Und jeder Papst der sich demokratisch \u00f6ffnet, gef\u00e4hrdet damit diesen ganzen Betrieb. Das ist nun einmal so. Wenn die Kirche beispielsweise dagegen ist, dass ich nach einer Scheidung noch einmal heirate, dann brauche ich auch keine Hostie schlucken, dann rechne ich ab mit dieser Kirche. Das ist zutiefst diktatorisch.<\/p>\n<p><strong>Woran liegt es, dass noch immer so viele zu dieser Kirche stehen?<\/strong><\/p>\n<p>Sicherlich nicht am Glauben. Zu einem gro\u00dfen Prozentsatz liegt es wohl an der Unbildung. Die Leute wissen ja vielfach gar nicht, welche Verbrechen auch im Namen der Kirche passiert sind. Zum Teil ist das Volk ein Trottel.<\/p>\n<p><strong>Rechtspopulismus und EU-Kritiker bekommen in der Krise Zulauf, in Ungarn erleben wir ein Comeback des repressiven Staates. Wohin geht ihrer Meinung nach dieses Europa?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist wohl zu bef\u00fcrchten, dass nationalistische Tendenzen nicht gebremst werden k\u00f6nnen. Das ist zutiefst bedenklich. Noch gibt es Auswege, aber die Tendenz ist erkennbar.<\/p>\n<p><strong>In ihrem Heimatbundesland Steiermark konnte die FP\u00d6  bei der letzten Wahl erstmalig stimmenst\u00e4rkste Partei werden. Wie erkl\u00e4ren Sie sich die massiven Zuw\u00e4chse?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst will ich auch die Gegenseite nicht unerw\u00e4hnt lassen: Dass in der Stadt Graz erstmalig Die Gr\u00fcnen eine Mehrheit erreichen, damit hatte niemand gerechnet. Dass aber die Arbeiterschaft &#8211; so fern es sie noch gibt &#8211; heute mehrheitlich zur FP\u00d6 \u00fcbergelaufen ist, das ist mir unverst\u00e4ndlich. Die zwei Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die Zugewinne in der Steiermark waren wohl die Strukturreformen der gro\u00dfen Koalition, die ich f\u00fcr notwendig und sinnvoll halte und das Thema Pflege, wo zu wenig staatliche Mittel da sind.<\/p>\n<p><strong>Hat im Kampf gegen Rechts nicht auch die \u00f6sterreichische Kunstszene in den letzten Jahren zu wenig beigetragen? Die letzte Aktion gegen die FP\u00d6, die f\u00fcr Aufsehen sorgte, war die Containeraktion des Deutschen Christoph Schlingensief.<\/strong><\/p>\n<p>Eindeutig ja. Ich f\u00fcr meinen Teil h\u00e4tte in diese Richtung leider nichts Positives mehr beitragen k\u00f6nnen, weil dann h\u00e4tte meine Gegnerschaft sofort meine Geschichte ausgegraben und mich als verurteiltes Uniferkel diskreditiert. Ich war hier blockiert. Aber es l\u00e4ge wohl an K\u00fcnstlern der j\u00fcngeren Generation, \u00c4hnliches wie Schlingensief zu inszenieren.<\/p>\n<p><strong>Sie lagen nach einem Schlaganfall im Koma und mussten m\u00fchsam das Sprechen wieder lernen. Was geht einem da durch den Kopf?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht viel. (lacht) Ich muss sagen, ich habe den Schlaganfall aber gar nicht als besonders unangenehm empfunden. Ich habe nur hinterher gestottert. Die Logop\u00e4din habe ich dann in meiner Art Wortverdrehungen zu machen gleich als &#8222;Logobl\u00f6din&#8220; begr\u00fc\u00dft. Der hat das nicht so gefallen. Habe mir das Stottern dann selbst wieder wegtrainiert, indem ich zuhause auf und ab H\u00f6lderlin-Gedichte gelesen habe. Die sind sehr anspruchsvoll und eigneten sich daher gut. Nach einem halben Jahr war die Stotterei dann auch weg. Merkw\u00fcrdigerweise nicht beim Schreiben.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielten Drogen und Alkohol in Ihrem Leben und bei Ihren Aktionen?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Aktionen war ich immer im vollen Bewusstsein, habe dabei keine Drogen genommen. Beim Schreiben habe ich in der Fr\u00fchzeit \u00f6fter Tabletten geschluckt, eher als Aufputschmittel um wach zu bleiben. Bei Haschisch ging bei mir gar nichts, hat mir nie viel gegeben. Ich wurde da immer nur dumm und bl\u00f6d, sa\u00df dann vor einem wei\u00dfen Blatt Papier und konnte \u00fcberhaupt nichts aus mir rausholen. Auch mit Alkohol vertrug sich das nie gut bei mir. Der spielt nat\u00fcrlich schon eine Rolle. Aber nicht mehr die scharfen Sachen. Aus Vernunft lasse ich die mittlerweile weg und bleibe eher beim Bier.<\/p>\n<p><strong>Warum haben Sie damals beschlossen, doch nach \u00d6sterreich zur\u00fcckzukehren?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Frau und ich wollten eigentlich nicht mehr zur\u00fcck, sondern hatten ein Ziel in Italien in Aussicht. Die Pl\u00e4ne haben sich dann aber verfl\u00fcchtigt. Warum wir zur\u00fcck nach Graz gegangen sind, daf\u00fcr war wohl haupts\u00e4chlich unsere Tochter verantwortlich, die dort h\u00e4ufig in den Ferien bei meinen Schwiegereltern war. Ihr gefielen vor allem die Leute dort. Sie hat immer gesagt, die seien besser gekleidet als die Berliner. (lacht)<\/p>\n<p><strong>Gibt es dann doch so etwas wie Heimat?<\/strong><\/p>\n<p>Ja schon. W\u00e4re Unsinn das zu leugnen. Allerdings hatte ich schon noch das alte Graz der 50er-Jahre in Erinnerung und da war die Stadt eine Katastrophe. Provinziell und nazistisch. Man konnte ja quasi in kein Wirtshaus gehen, ohne einen Judenwitz zu h\u00f6ren. Da musste ich raus.<\/p>\n<p><strong>Wien, Berlin, Graz. Was genau unterscheidet Ihre drei zentralen Wirkungsst\u00e4tten?<\/strong><\/p>\n<p>Der Unterschied besteht darin, wonach ich Heimweh habe. Das ist einerseits La Gomera auf den Kanarischen Inseln &#8211; unser Domizil wenn man so will &#8211; und andererseits Berlin. Meine Frau und ich haben da noch richtige Gef\u00fchle. Bei Wien gibt\u2018s die interessanterweise nicht. Berlin war f\u00fcr uns damals weitestgehende Freiheit, Wien hingegen immer nur Zwang. Ob das heute noch so ist, das wei\u00df ich nicht. Wir haben das auch nie erprobt.<\/p>\n<p><strong>Der Wiener Aktionismus ist heute zurecht auch Teil des Kunstunterrichts an den Schulen. Sind Sie froh \u00fcber diese Anerkennung?<\/strong><\/p>\n<p>Ja sehr froh. Das kann nur f\u00f6rderlich sein f\u00fcr das Geschichtsverst\u00e4ndnis der jungen Leute, wenn man ihnen das gut erkl\u00e4rt. Ich selbst habe es allerdings immer abgelehnt Lehrauftr\u00e4ge anzunehmen. Das h\u00e4tte wohl meiner Arbeit nicht gut getan.<\/p>\n<p><strong>Wie viel arbeiten Sie noch?<\/strong><\/p>\n<p>Aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden beschr\u00e4nkt sich meine Arbeit auf die Planung eines weiteren Buches. Mehr will ich dazu auch noch gar nicht verraten.<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie heute in den R\u00fcckspiegel sehen: Gibt es Dinge, die Sie bereuen &#8211; die Sie heute anders machen w\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n<p>Nein bereuen auf keinen Fall. Anders machen w\u00fcrde ich wahrscheinlich gewisse Aktionen. Bei einigen habe ich nachtr\u00e4glich zu kritisieren, dass ich damals zu ungeduldig war.<\/p>\n<p><strong>Welche Ihrer j\u00fcngeren K\u00fcnstlerkollegen begeistern Sie gegenw\u00e4rtig?<\/strong><\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze einige junge K\u00fcnstler. Von Begeisterung kann aber keine Rede sein.<\/p>\n<p><strong>Ist es f\u00fcr junge K\u00fcnstler im Vergleich zu damals schwieriger oder leichter geworden Beachtung zu finden?<\/strong><\/p>\n<p>Schwieriger ist es f\u00fcr junge K\u00fcnstler geworden, weil das Anliegen, eine schnelle Karriere zu machen, im Vordergrund steht. Alle sind bem\u00fcht mit aller brachialen Kraft sich durchzusetzen und das f\u00fchrt oft einfach zu schlechten Werken. Ich glaube, dass sich die ganze k\u00fcnstlerische Ausbildung ja total ver\u00e4ndert hat. Das Bestreben, handwerklich etwas zu lernen &#8211; zum Beispiel ein guter Zeichner zu werden &#8211; wird nicht mehr so gef\u00f6rdert. Mit &#8222;anything goes&#8220; wird heute schon an die Akademien gegangen. Vielfach kennen sie die Gefahren des Kunstmarktes noch nicht und wollen sich aber trotzdem unbedingt da hinein begeben.<\/p>\n<p><strong>Es zielt also alles auf den schnellen Erfolg ab?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Viele sind aber leider auch zu unwissend, zu ungebildet was die Kunstgeschichte betrifft.<\/p>\n<p><strong>Sie sind jetzt 75. Haben Sie eine Botschaft an j\u00fcngere Generationen?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht verlassen auf die Massenmedien. Denen eher reserviert gegen\u00fcberstehen. Echte Handarbeit sollte auch wieder ge\u00fcbt werden. Jeder m\u00f6chte Zeitschriften oder \u00c4hnliches gr\u00fcnden und es hapert aber an echtem Handwerk. Zur\u00fcck zum Analogen: Siebdruck und so weiter. Ja und wenn einer begabt ist, im Sinne von Besessenheit, dann auf alle F\u00e4lle dabei bleiben und sich durch nichts und niemanden abbringen lassen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/top_news\/584585_Zum-Teil-ist-das-Volk-ein-Trottel.html\" target=\"_blank\">Stefan Weiss, Wiener Zeitung vom 2.11.2013<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aktionist anl\u00e4sslich seines 75. 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