{"id":763,"date":"2013-08-20T14:53:03","date_gmt":"2013-08-20T12:53:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=761"},"modified":"2013-08-20T14:53:03","modified_gmt":"2013-08-20T12:53:03","slug":"das-wunder-von-remdoogo-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=763","title":{"rendered":"DAS WUNDER VON REMDOOGO (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief ist seit drei Jahren tot. Aber sein Operndorf lebt. Ein Besuch in seiner Wirklichkeit gewordenen afrikanischen Vision in Burkino Faso. Von Sibylle Dahrendorf.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/DSC00928_klein.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"Foto (c) Sibylle Dahrendorf\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Vor drei Jahren, am 21. August 2010, ist Christoph Schlingensief in Berlin gestorben. Aber es gibt Momente, da m\u00f6chte man das immer noch nicht recht glauben. Ein Jahr nach seinem Tod war er auf der Biennale in Venedig pr\u00e4sent, dann erschien posthum die Autobiografie des K\u00fcnstlers und im Dezember zeigen die Kunst-Werke in der Auguststra\u00dfe eine Schlingensief-Retrospektive, die anschlie\u00dfend nach New York geht. Sein gr\u00f6\u00dftes Werk aber ist das Operndorf Remdoogo in Burkina Faso, nahe der Hauptstadt Ouagadougou. Die Filmemacherin Sibylle Dahrendorf hat den charismatischen K\u00fcnstler oft begleitet.<\/p>\n<p>Im letzten Jahr lief ihr Film \u201eKnistern der Zeit. Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso\u201c in den Kinos. Anfang August war sie wieder in Ouagadougou, hat das Dorf und die Kinder besucht.<\/p>\n<p>Die Regenzeit ist da. Dunkle Wolken tauchen auf. Erst wird es still. Dann kommt der Wind, der den Staub aufwirbelt. Die Bauarbeiter im Operndorf decken schnell Planen \u00fcber die Wohnmodule. In der Woche vor Ferienbeginn und dem gro\u00dfen Schulfest sollen die ersten Betondecken f\u00fcr die neuen H\u00e4user gegossen werden. Dann prasselt es vom Himmel herunter. Nach kurzer Zeit ist der Regen vorbei. B\u00e4che haben sich gebildet, bahnen sich ihren Weg durch das Dorf. Ein paar Kinder stehen vor ihren Klassen und halten ihre H\u00e4nde den Regentropfen entgegen, die von den Dachr\u00e4ndern plumpsen. Sie tanzen und lachen, rufen und toben. Vom anderen Ende des Dorfes h\u00f6rt man wieder das energische Schwei\u00dfen an den Metalltr\u00e4gern. Kinderstimmen vermischen sich mit Baul\u00e4rm. Das sind sch\u00f6ne Momente.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensiefs Traum, einen Ort zu schaffen, an dem Kunst und Leben eins sind, er lebt. Und das Dorf w\u00e4chst. Mittlerweile gehen 100 Kinder hier in die Schule. Im Herbst werden die n\u00e4chsten 50 eingeschult. Die Krankenstation ist fast fertig, neue H\u00e4user entstehen, f\u00fcr G\u00e4ste, Lehrer, \u00c4rzte. Aino Laberenz, Schlingensiefs Frau, f\u00fchrt seit seinem Tod die Gesch\u00e4fte. Sie muss entscheiden, wer eingestellt wird, wo gespart und was wann als N\u00e4chstes realisiert wird. Die Finanzierung bleibt ein Problem. Sie hat eine Struktur aufgebaut, mit ihrem Team in Berlin und in Burkina Faso, die nicht nur das Bauvorhaben ber\u00fccksichtigt, sondern k\u00fcnstlerische Programme einbezieht.<\/p>\n<p>Gerade hat die Fotografin Marie K\u00f6hler vier Monate im Dorf gelebt, mit den Kindern gearbeitet und ihnen Kameras gegeben. 15 000 Fotos haben sie geknipst, \u00fcber 100 wurden f\u00fcr eine Ausstellung ausgew\u00e4hlt. Die Kinder waren frei in dem, was sie machen konnten. Neugierig sind sie, als die gro\u00dfformatigen Abz\u00fcge endlich im Dorf ankommen, sie kriechen f\u00f6rmlich in ihre Bilder hinein, k\u00f6nnen gar nicht nah genug rangehen. Wer ist wo drauf? Und warum ist derjenige, der das Foto geschossen hat, gar nicht zu sehen? Wie sieht ein Mund von innen aus? Es sind Portr\u00e4ts, Selbstbetrachtungen aller Art, Nahaufnahmen. Besonders beliebt: Blicke in die Landschaft und das Zuhause. Die Fotos sind in einem wunderbaren Katalog versammelt. Ein Bild, das Marie K\u00f6hler auf eine Plane abgezogen hat, zeigt Motive, die sich \u00fcberlagern: eine Familie, in ihrem Geh\u00f6ft, mit allen Mitgliedern. \u201eDie Kinder haben entdeckt, dass man den Film auch zur\u00fcckdrehen kann\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eDer Film war voll, aber die Familie war noch nicht fertig fotografiert. Dann hat das Kind zur\u00fcckgespult und von vorne angefangen.\u201c<\/p>\n<p>Davon hat Schlingensief getr\u00e4umt \u2013 dass die Kinder ihre eigenen Bilder machen. In seiner Rede zur Grundsteinlegung im Februar 2010 auf dem br\u00fctend hei\u00dfen Plateau sprach er von den \u201eHeilungskr\u00e4ften der Kunst\u201c: \u201eRemdoogo soll ein Gesamtkunstwerk werden, in dem man lebt und die h\u00f6chste Kunstform des Zusammenlebens studieren kann.\u201c<\/p>\n<p>Remdoogo bedeutet in Moor\u00e9, der Landesprache, so viel wie B\u00fcrgersaal oder Treffpunkt. Der Name steht aber auch f\u00fcr das Geb\u00e4ude, das erst in der dritten Bauphase realisiert werden kann, wenn das Geld zusammengekommen ist \u2013 das Festspielhaus. Daran erinnert derzeit nur die Baugrube, die mit Regenwasser vollgelaufen ist. \u201eDas ist unser See, leider kann man nicht darin baden\u201c, lacht Francis K\u00e9r\u00e9, Architekt des Operndorfs.<\/p>\n<p>Die Baugrube war bereits da, als Christoph Schlingensief im Juni 2010 zum letzten Mal nach Ouagadougou reiste, kurz vor seinem Tod. Da stand nur die Schule in ihren Grundmauern. \u201eHier eine Schule zu bauen, geh\u00f6rt zu einer notwendigen Infrastruktur, denn das Analphabetentum ist enorm\u201c, sagt K\u00e9r\u00e9. \u201eAber diesem Land etwas zu erschaffen, das \u00fcber das ABC hinausgeht, das ist eine gewaltige Innovation.\u201c So etwas spricht sich in Burkina Faso herum, k\u00f6nnte eine Art Modellcharakter bekommen, meint er.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/DSC01025_klein.jpg\" width=\"450\" height=\"253\" alt=\"Foto (c) Sibylle Dahrendorf\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Bei unserem Rundgang bemerkt er, dass die \u201eSchnecke\u201c allm\u00e4hlich sichtbar wird. Das Dorf ist angelegt in einer kreisf\u00f6rmigen Struktur, so wie es urspr\u00fcnglich gedacht war. K\u00e9r\u00e9 ist unterwegs mit dem Architekten Joachim B\u00f6ttger aus M\u00fcnchen, der hier sieben Monate lang die Bauarbeiten betreut hat. Das macht er ehrenamtlich, weil er von dem Projekt \u00fcberzeugt ist. Christoph Schlingensief hat er nicht mehr kennengelernt.<\/p>\n<p>Dort oben auf den Felsen hat Christoph Schlingensief einst gestanden<\/p>\n<p>Die Zeit dr\u00e4ngt, dass die D\u00e4cher auf die neuen H\u00e4user kommen. Hinter den H\u00e4usern geht es zur Krankenstation. Daf\u00fcr muss man an der Kantine vorbei, wo die Kinder von Mama Denise, wie sie liebevoll genannt wird, am Mittag versorgt werden. Und es geht an den Felsen vorbei. Die Felsen!<\/p>\n<p>Es war wie eine Mondlandung. Da oben standen sie mit Christoph zusammen, als sie gemeinsam diesen Ort gefunden hatten. Jetzt steht dort eine Satellitensch\u00fcssel, die das Dorf mit Internet versorgt, wenn es denn funktioniert. Von hier aus \u00f6ffnet sich der Blick sehr weit. \u201eEin Blick in die Landschaft zur Vers\u00f6hnung. Und dahinten sieht man schon die Baustelle\u201c, hatte Schlingensief gerufen, als er sich hier selber rauf- und runterfilmte und noch nichts stand. Von einem der Felsen ist jetzt die Krankenstation zu sehen. Auch sie wird bald er\u00f6ffnet. Arzt und Krankenschwester aus der Umgebung sind schon gefunden. Aber es gibt noch Restarbeiten zu erledigen. Sanit\u00e4ranlagen sind nicht fertig, die Dachrinnen machen Probleme, die Solaranlage fehlt.<\/p>\n<p>Die Krankenstation soll eine zahnmedizinische Abteilung bekommen und eine Geburtenstation. \u201eDie Dorfgemeinschaft wird sich hier treffen\u201c, sagt Francis K\u00e9r\u00e9. Es soll nicht nur Kranken geholfen, sondern auch \u00fcber vorbeugende Ma\u00dfnahmen gesprochen werden. Als Treffpunkte dienen die Innenh\u00f6fe mit den vielen Fenstern. Jedes Fenster ist ein Blick in die Natur, in die Landschaft, wie ein Foto.<\/p>\n<p>Die Kinder toben im Schulhof an der \u00fcberdachten R\u00fcckseite einer ihrer Klassen. Sie haben diesen Ort zu ihrer B\u00fchne gemacht. Abdoulaye Ouedraogo, der die Schule seit der Er\u00f6ffnung im Herbst 2011 leitet, probt mit ihnen f\u00fcr das Jahresfest. Ihr St\u00fcck spielt in Liktenga, \u00fcbersetzt: Land der Dunkelheit. Es ist ein fiktives Land mit realen Problemen. Es geht um Beschneidung und Zwangsheirat und darum, dass die Kinder deren Abschaffung fordern, zumindest im St\u00fcck. Die Kraft des Operndorfes besteht f\u00fcr Abdoulaye Ouedraogo darin, dass auf der Basis einer Grundschule alle K\u00fcnste einbezogen werden: \u201eMit der Kunst geht man einfach schneller. Wir wollen Spa\u00df, aber auch eine ernste Botschaft transportieren.\u201c Zu dem Schulfest kommen alle aus ihren Geh\u00f6ften, feiern bei gl\u00fchender Hitze mit Theater und Tanz und sind gl\u00fccklich \u00fcber die Fotoausstellung, die im ganzen Dorf bestaunt wird.<\/p>\n<p>Unglaublich, wie das Dorf gewachsen ist. Vor drei Jahren ist Christoph Schlingensief gestorben. Das wagt man kaum zu denken, geschweige denn zu schreiben. Aino Laberenz sagt, dass ihr \u201edieses Umdenken, dieses Durchrauschen, Eine-Kehrtwendung-Machen\u201c fehlt. Ja, das stimmt. Dieser Wirbelwind Schlingensief, der alles umgedreht hat. Der am Ende seines Lebens hier etwas begonnen hat, das viele f\u00fcr eine verr\u00fcckte Idee gehalten haben, mehr nicht. Wenn man sieht, was in Remdoogo entstanden ist, dann kann man nur von einem Wunder sprechen.<\/p>\n<p>In den Tagen nach dem Fest wird weiter betoniert. Der Himmel verdunkelt sich wieder, da braut sich etwas zusammen. Kein wirklich vers\u00f6hnlicher Anblick, ohne Christoph Schlingensief. Auch Kinder sind nicht mehr zu sehen und zu h\u00f6ren. Es sind Ferien. Es ist still, die Ruhe vor dem Sturm. Die Bauarbeiter machen einen H\u00f6llenl\u00e4rm. Sie m\u00fcssen sich beeilen, bevor es erneut zu sch\u00fctten beginnt. Die Kinder kommen im Oktober wieder. Dann ist die Regenzeit vorbei.<\/p>\n<p>\u201eMach dir ein Bild. Fotoarbeiten von den Kindern aus dem Operndorf Afrika Burkina Faso\u201c, Verlag Kettler. Hrsg: Marie K\u00f6hler. Infos: <a href=\"http:\/\/www.operndorf-afrika.com\">www.operndorf-afrika.com<\/a><\/p>\n<p>Spenden: Festspielhaus Afrika gGmbH, Deutsche Bank Berlin. Konto: 11 28 578, BLZ 100 701 24<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/schlingensiefs-operndorf-das-wunder-von-remdoogo\/8653774.html\">Der Tagesspiegel vom 17.08.2013<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief ist seit drei Jahren tot. Aber sein Operndorf lebt. Ein Besuch in seiner Wirklichkeit gewordenen afrikanischen Vision in Burkino Faso. 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